Moment mal: Was heißt hier konservativ?
Der Tod des Hyacinthos - Jean Broc, gemeinfrei

In der Sächsischen Landeskirche wurde in den letzten Jahren herzhaft diskutiert: über die Möglichkeit homosexueller Pfarrer_innen, mit ihren Partner_innen im Pfarrhaus zu leben und damit auch über die christliche Haltung zu Homosexualität im Allgemeinen, d.h. schlussendlich mal wieder über das Schriftprinzip. Wie sind die Bibelstellen zu verstehen, die homosexuelle Handlungen verdammen und was ist – wenn man so will – die Mitte der Schrift, wenn es um den heutigen Umgang mit homosexuellen oder transsexuellen Menschen geht?

Dieser Streit ist mit der Synode vor ein paar Tagen zu Ende gegangen. Was nicht heißt, dass eine einvernehmliche Lösung erreicht wurde. Stattdessen legten die Synodalen in ihrer Abschlusserklärung noch einmal die je unterschiedlichen Schwierigkeiten der beteiligten kirchlichen Gruppierungen dar und die Zukunft „in Gottes Hand.“

Im Tausch gegen die Erwähnung der Befürchtungen evangelikaler Kreise, ihre Kritik würde marginalisiert und in die dunkle Ecke gestellt, empfiehlt die Sächsische Bekenntnisinitiative ihren Anhängern den Verbleib in der Landeskirche. Statt kontroverser Diskussion Raum zu geben, feierten die Synodalen gemeinsam Abendmahl.

So weit, so bekannt für die interessierte Beobachterin und so randständig für den Großteil der evangelischen Christen in Deutschland, denen solcherlei rückwärtsgewandte Diskussionen gepflegt egal sein können. Die Ablehnung Homosexueller und andere Fragen hängen für Evangelikale am Schriftprinzip, an dem zum Wohle der Geschlossenheit der eigenen Weltsicht nicht gerüttelt werden darf.

Und nicht nur in der Sächsischen Landeskirche gibt es reichlich Christen, die die Evangelikalen lieber in Ruhe ignorieren möchten, statt sie zu einer erstzunehmenden Diskussion über diese oder andere Fragen anzuhalten – solange sie nur fein kirchensteuerzahlende Mitglieder der Landeskirchen bleiben.

Was mir bei dieser Gelegenheit aber erneut aufgefallen ist, ist der Sprachgebrauch der Evangelikalen, der sich bis in die Synodenerklärungen und Kirchenzeitungen ausgebreitet hat. Dort ist ständig von „konservativen“ Werten, einem „traditionellen Familienbild“ die Rede.

Es ist ganz sicher nicht die Aufgabe eines „Progressiven“, gar „Liberalen“ wie mir, jetzt genau zu erkunden, was heute konservativ ist, aber man muss die Dinge schon als das benennen, was sie sind. Die hier angestrebte Sprachregelung erinnert mich an Epigonen des us-amerikanischen Kulturkampfwahnsinns wie Bill O’Reilly oder Glenn Beck, die enormen Erfolg damit haben, Ressentiments und Extremismus in harmlos klingenden Phrasen unterzubringen.

Der Tod des Hyacinthos – Jean Broc, gemeinfrei

Der Tod des Hyacinthos – Jean Broc, gemeinfrei

Es könnte ja ebenso auch gut konservativ sein, sich aus dem Privatleben und Schlafzimmern anderer Menschen herauszuhalten. Und was macht eine gute (christliche) Familie aus, ihr Personal oder die in ihr gelebte Liebe? Homophobie ist nicht konservativ. Homophobie ist ein Ressentiment, das in den Kanon rechtsextremer Einstellungen einzusortieren ist. Homophobie bedeutet die Negierung von Menschenrechten.

Auch das Festhalten an einer evangelikalen Bibelauslegung ist nicht konservativ. Sie ist (nicht nur) wissenschaftlich unredlich, simplifizierend, geht an der Mitte der Schrift vorbei und gefährlich, weil sie das Fundament für Ablehnung, Ausgrenzung und Hass bildet.

In der Sächsischen Landeskirche und anderswo verläuft die Konfliktlinie nicht zwischen konservativen Christen auf der einen Seite und liberalen Christen auf der anderen. Sie verläuft dort, wo sie durch unsere gesamte Gesellschaft führt, nämlich zwischen ewig rückwärtsgewandten Rechtsauslegern mit Hang zu Esoterik und Verschwörungstheorien und aufmerksamen, emphatischen Menschen, die sich den Fragen der Zeit mit wachem Blick und offenen Herzenstüren stellen.

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

23 Kommentare anzeigen

  1. Christoph Mohr

    Ressentiments und Extremismus lernt man hier auch sehr gut!

  2. Christoph Mohr

    Daran anschließend finde ich es wirklich mehr als unredlich, wie hier gegen andere hergezogen wird. Das zeugt weder von Intellekt (von wegen Esoterik und Verschwörungstheorien), noch davon, dass du dich mit irgendwas außer deiner Meinung und der deiner Dunstkreise auseinandergesetzt hast, noch von annähernd wissenschaftlichem Verhalten. Von solcher Arroganz und solch neurotischem „den Konservativen und eins draufgehen“ könnten sich selbst radikale Evangelikale einiges anschauen. Von christlichem (und nein der Begriff christlich ist nicht in erster und wichtigster Linie soziologisch zu verstehen) Umgang ist hier auch nichts erkennbar. Zum niveaulosen Frustabbau gibt es genügend Möglichkeiten, etwas anderes ist das hier kaum, denn selbst wenn es Polemik wäre, wovon das Geschriebene Welten entfernt ist, müsste man irgendeine, und sei sie noch so unzureichend, Argumentation erkennen. Aber nunja auch so kann man wohl heute Theologie betreiben, es hat sicher sein Recht. Wofür auch immer…

    • Mir kommen die Tränen. Da vernichtet eine „Theologie“, die sich als unfähig erwiesen hat, sich in andere Menschen einzufühlen, über Jahrzehnte andere (schwule oder lesbische) Existenzen, zwingt sie in die „Klappen“ am Hauptbahnhof, zerstört Liebevolle treue Partnetschaften – und fängt an zu heulen, wenn ihm gesagt wird, dass das weder konservativ noch christlich ist, sondern unerträglich lieblos. Die Wahrheit wird euch frei machen. Aber wenn man die Wahrheit nicht ertragen kann, bleibt man in seiner Ideologie gefangen.

  3. Christoph Mohr

    Ja wenn man die Wahrheit nicht ertragen kann… Wer davon wohl alles ein Lied singen kann?
    Ich meinerseits distanziere mich scharf vom Evangelikalismus und dessen Umgang in vielem.
    Es bleibt aber dennoch, dass auch der letzte Kommentar nur schlichte Verallgemeinerung ist, voll Blindheit und Verstockung zu dem Artikel passt und sich dann wirklich nur noch die Frage stellt: Wozu die Tränen? Über das eigene Versagen wäre es wohl rechtens, doch so aufrichtig kann man dann freilich nicht sein…

  4. Felix Weise

    Ich würde mich Christoph anschließen. Wie soll denn eine „kontroverse Diskussion“ entstehen, wenn der Diskussionpartner schon vorher als rückwärtsgewandt und homophob abgestempelt wird. Ich bin nun kein wirklich kein Anhänger eines Schriftverständnis der Verbalinspiration, aber müssen wir in der Kirche nicht dem Einzelnen überlassen, wie er die Bibel verstehen will? Natürlich kann ich auch nur schwer verstehen, wenn ein Gesprächspartner allen Erkenntnissen zum Trotz von der Sieben-Tage-Schöpfung spricht, aber dürfen wir eine historische-kritische Bibelauslegegung wirklcih zum einzig wahren Auslegegungsmethode machen? Ich schätze gerade an der evangelischen Kirche, dass sie eine gewisse Pluralität zulässt und bin sehr für den offenen Austausch, aber dann bitte mit einer offenen Grundhaltung von beiden Seiten. Und natürlich muss scharf widersprochen werden, wo z.B. Homosexuelle unter Druck gesetzt werden sich heilen zu lassen oder ähnliches. Aber allen Menschen, die Homosexualität auf Grund ihres Bibelverständnis ablehnen Homophobie vorzuwerfen, macht es sich aus zu einfach und verallgemeinert. Und für den Dialog ist eine solche Grundhaltung, die gar nicht erst versucht die Position des anderen zu verstehen (und das gilt für beide Seiten) schädlich und führt doch nur zu Verhärtung der Fronten. Daher find ich das gemeinsame Feiern des ABendmahls trotz aller Differenzen ein gutes Zeichen.
    Als letztes vielleicht noch ein Blick über den Tellerrand hinaus: Weltweit gesehen ist die Offenheit von seiten der Kirchen gegenüber Homosexuellen glaube ich sehr selten zu finden. Daher sollten sich die westliche Theologie auch in Hinsicht auf den internationalen Dialog eventuell zu mehr Dialogbereitschaft als zum Verurteilen von „konservativeren“ Positionen zu neigen.

    • Christoph Mohr

      Besser kann man es nicht sagen!

  5. Niklas Schleicher

    Dumme Frage von mir, formuliert als ergänzungsbedürftiger Satz: Wenn jemand aufgrund seines Bibelverständnisses Homosexualität ablehnt ist er nicht homophob, sondern…?!

    Ich bitte darum, den Satz bei den Punkten zu ergänzen. Weil, ich weiß nicht, wieso Homophobie keine mehr ist, wenn man sich auf die Bibel bezieht.

  6. Christoph Mohr

    Hat eine andere Auffassung! Punkt.
    Zumal Homophobie doch heute gerade das Totschlagwort ist in Bezug auf Sexualität… Alles ist einfach eine Phobie und das Gegenüber bekommt so den schwarzen Peter. Die Phobie-Keule ist nicht im Geringsten besser als von der anderen Seite aus zu sagen Homosexualität ist eine Krankheit die therapiert gehört
    Zudem wäre auch dann noch die Frage, wieso es keine Mammonphobie, usw. gibt ?

  7. Felix Weise

    Homophobie bezeichnet nach Duden und wikipedia eine starke Abneigung bzw. Feindseligkeit gegenüber Homosexuellen. Ich würde behaupten, dass es durchaus Christen gibt, die Homosexualität zwar aufgrund ihres Bibelverständnisses ablehnen, bei denen ich aber nicht von Feindseligkeit bzw. einer starken Abneigung reden würde. Weitherhin würde ich sagen, dass „phobie“ als Grund der Ablehnung eine Angst ausmacht, die ja bei einer Ablehnung aus Gewissensgründen nicht unbedingt gegeben ist.
    Da es kein Adjektiv gibt das eine Ablehnung von Homosexualität beschreibt, ohne es mit einem Angstbegriff zu verbinden, ist es tatsächlich schwierig deinen Satz zu vollenden.
    Wie gesagt: auch ich habe meine Schwierigkeiten mit einem Großteil der Christen, die Homosexualität ablehnen, da es oft mit Vorurteilen und Ängsten einhergeht. Ich habe aber eben auch schon mit Menschen gesprochen, die sich die Entscheidung nicht leicht machen. Einfach allen Menschen, die Homosexualität ablehnen (diffuse) Ängste zu unterstellen, macht es sich glaube ich zu einfahc und taugt vorallem nicht für einen Dialog.

  8. Christoph Mohr

    Und wenn man schon (undifferenziert) von Homophobie spricht, wieso dann nicht auch von Heterophobie?

    • Spassheide

      Spricht man doch auch. Ließ mal Ralf König.
      Der Unterschied ist, die einen haben Humor, die anderen nicht.

      Spaß beiseite, mit diesem Begriff solltest du in dieser Diskussion vorsichtig sein, da dieser regelmäßig zur Diffamierung derjenigen genutzt wird, die letztendlich nur ihre Rechte einfordern.

      • Christoph Mohr

        Sprich Homophobie jedem um die Ohren zu knallen ist ok? Glaube ich kaum, ich werde im praktischen Gebrauch trotzdem auch vom Begriff Heterophobie absehen, weil mir die Ebene dann doch wirklich zu ge-, und verstört ist!

        • Spassheide

          Ja!
          In den letzten 50 Jahren hat sich unsere Gesellschaft nämlich massiv weiter entwickelt und man ist zur Erkenntnisse gekommen, dass Nachbars Schlafzimmer nicht das eigene Bier ist. Daher kann man bei Ablehnung solcher Lebensweisen getrost von Phobie sprechen.
          Mal ehrlich, was interessiert das (Sexual)leben anderer? Man wird doch nicht gezwungen, da mit zu machen. Also sollte es einem höchstens egal sein.

          Wenn ich mir das Abstimmungsergebnis in Irland anschaue, kann man auch getrost davon sprechen, dass dieser Personenkreis hinterm Mond lebt.

          • Kritiker

            Wenn das wenigstens so wäre, aber in Schule / Medien, den ständigen Outings und dem CSD wird ständig die (Sexual)lebens-Agenda allen Leuten aufgedrückt, die das lieber Privatsache bleiben lassen wollen.

            • Spassheide

              Uuuuh, da sind wir aber verfolgt….

  9. Christopher

    Ich möchte dringend einmal auf folgenden Vortrag hinweisen, der in der Debatte gewiss einigen Menschen die Augen öffnen kann.

    http://worthaus.org/mediathek/die-schwule-frage-die-bibel-die-christen-und-das-homosexuelle-5-1-1/

    Hierin wird übrigens auch gleich zu Anfang festgestellt, dass das „traditionelle Familienbild“, das heute so gerne hochgehalten wird, eine Erfindung des 20. Jahrhunderts ist. Ebenso wird die Geschichte des Begriffes „Homosexualität“ sehr erhellend dargestellt, bevor es in eine Auseinandersetzung mit den nur(!) drei Bibelstellen geht, die einen eigenständigen Wert in der Homosexualitätsdebatte haben.

  10. Christoph Mohr

    Der Vortrag beeindruckt und öffnet einem die Augen wenn man der heutigen Zeit einfach hinnehmbare Argumente sucht, die sich gegen das sg. traditionelle Familienbid würde sucht.
    Entweder ist wissenschaftlich doch sehr vereinnahmt und kennt nur seine Argumentation, oder er weiß um die anderen – seriös wissenschaftlichen – Meinungen und Belege und unterschlägt diese.
    Sowohl als auch würde es ihn in die Ecke, schon allein wegen seiner Rethorik!, fundamentalistischer Gesinnung bringen, wollte man das denn objektiv betrachten.
    Als Beispiel sei hier Rudolf Schnackenburgs Die sittliche Botschaft des Neuen Testamentes Band 1 (1954) angebracht: nämlich dass sich die Urkirche, wie schon Jesus, an die Schöpfungsordnung durch Gen. 2,4 appellierte (S. 173), dass sich aufgrund der Unauflöslichkeit der Ehe die „hohe Eheauffassung“ (ebd.) herausbildete und so eben zur Sittlichkeit der Kirche beitrug.
    Es zeigt sich als: wenn man gegen die biblische Überlieferung arbeiten will, erhält man, wie auch ein Zimmer, großen Anklang. Dies lässt jedoch nicht auf die Wissenschaftlichkeit schließen, sondern bedient hier eher die angenehmere und „einfacher“ zu verkündende Botschaft ist! Anpassung an die Welt und das dann christlich zu nennen ist auf solche Art doch sehr erbärmlich…

    Im Übrigen bitte ich die grässliche Schreibweise zu verzeihen, mein Handy macht manchmal sehr ominöse Dinge…

    • Christopher

      Meinst du wirklich, dass ein katholischer Theologe, der vor 60 Jahren, also vor dem 2. Vaticanum, etwas über christliche Auffassung von Ehe geschrieben hat und sich auf „Schöpfungsordnungen“ beruft, heutigen wissenschaftlichen Standards in der Theologie entspricht? Übrigens schreibt Schnackenburg nichts über gleichgeschlechtlichen Verkehr, geschweige denn über Homosexualität.

      Zudem sagt ja Zimmer nichts gegen die biblische Überlieferung, sondern stellt ihre Sinnhaftigkeit in ihrem soziologischen Kontext dar. Diesen Kontext gibt es in unserer Gesellschaft nicht mehr. Fragt sich also, was das für die Sinnhaftigkeit bedeutet. Wenn wir nun Aussagen in der Bibel vorfinden, die nicht uns gelten und die keinen Sinn mehr ergeben, wieso selektiv an genau diesen Aussagen zum gleichgeschlechtlichen Verkehr orientierten? Das ist doch schlicht absurd und Rosinenpickerei, um eine vorgefasste Meinung bestätigen zu können. Wenn jemand Homosexualität nicht mag, ist das sein gutes Recht, aber die Ablehnung als Gottes Willen zu behaupten und mit der Bibel zu begründen, dazu gehört heutzutage schon einiges an Mutwillen und theologischem Unverstand.

  11. Christoph Mohr

    Dass Schnackenburg hier nichts von Homosexualität schreibt ist mir bewusst, es wurde aber auch das Thema „traditionelle Ehe“ aufgegriffen wurde, zur Untermauerung dass es eben keine Erfindung des 20. Jhd. ist
    Das ewig wiederkommende Thema unsere Generation – es ist von vor 60 Jahren langweilt nicht nur, es ist auch ein billiges Pseudo-, bzw. „Totschlag“- Argument, das aber nicht standhalten kann. Ist Luthers Kreuzestheologie nicht wesentlich älter und Kern evangelischen Glaubens? Es ist doch fahrlässige Scheintheologie die nach Belieben definiert was von „früher“ für heute herangezogen werden kann und was nicht.
    Geschweige denn vom sg. „wissenschaftlichen Standard“ in den Schnackenburg bei solchen Maßstäben nicht hineinpasst, zum Glück sonst würde er gar noch total verdreht werden, wie man es ja auch gerne mit Positionen die hinter großen Namen stehen tut, um seine postmoderne Theologie zu legitimieren. Die wissenschaftlichen Standards eines Schnackenburgs waren gewiss wissenschaftlicher und seriöser als die eines Zimmers…

    „Aussagen in der Bibel, die nicht uns gelten und die keinen Sinn mehr geben: und darin liegt das Problem, einfach willkürlich festzuhalten dass sie uns nicht mehr gelten, aus Einfachheit, Unseriösität, oder weil man statt theologisch soziologisch oder religionswissenschaftlich fragt in einem totalen Übermaß! Käsemann sagt da zu Recht: der Theologie täte es gut mehr Theologie zu treiben statt irgendwelcher Wissenschaften mit denen man meint theologisch zu arbeiten, wodurch man jedoch eher davon abgehalten wird.
    Und Sünde menschliches Recht zu nennen ist, mit Bonhoeffer gesprochen, billige Gnade und kein Zeichen der sichtbaren Kirche! Hier erliegt man dem Drang den Menschen nahe zu sein und wird selbst zum Verblender, zum Verderber der Seelen! Hier MUSS die Kirche wachsam sein und Sünde beim Namen nennen, aus der Schrift heraus bekennen, um nicht ihr Recht Kirche zu sein zu verlieren!

    • Christopher

      Das ist äußerst wirr, was Du schreibst. Ich weiß ja nicht, ob Du selbst Theologie studierst oder studiert hast, aber 60 Jahre alte Positionen wiederzukäuen, ohne deren Entstehungskontext zu berücksichtigen, ist wissenschaftlich nicht zulässig. Du würdest ja auch nicht von einem Mediziner behandelt werden wollen, dessen Kenntnisse aus den 1950ern stammen. Nur, weil Du keine neueren Argumente und Forschungen kennst, die fehlende Aktualität als „Totschlagargument“ zu disqualifizieren, ist ganz schön schwach. Zudem scheint Dir selbst nicht klar zu sein (und das gilt hier auch für Schnackenburg), was Du mit „traditionellem Familienbild“ meinst. Das traditionelle biblische Familienbild ist: Ein Mann besitzt(!) ab ca. 18 Jahren eine Hauptfrau (zw. 14 und 16 Jahren), später mehrere Nebenfrauen, zeugt etwa 15 Kinder und stockt seine Sippe auf, deren Vorsteher er möglicherweise einmal werden wird, wenn er in der Erblinie des derzeitigen Vorstehers steht. Das ist traditionell, für diese Gesellschaft schreiben viele alttestamentlichen Autoren ihre Texte, diese soziologische Normalität haben sie vor Augen. Diese Gesellschaftsstruktur gilt es ihnen darüber hinaus zu bewahren, um sozialen Strukturen zu schützen.

      Wie um alles in der Welt willst Du nun Gebote, deren Ziel es ist, diesen Status Quo zu erhalten, als maßgeblich für unsere heutige Zeit ansehen, wenn Du recht bei Verstand bist? Das hat nichts mit Einfachheit oder Unseriosität zu tun, sondern das ist eine Frage, die sich ganz natürlich stellt, wenn man die Entstehungsbedingungen alttestamentlicher Texte untersucht. Wie kannst Du mit Deiner Sichtweise des 21. Jahrhunderts diese >2500 Jahre alten Texte nehmen und behaupten, sie wären in ihren Imperativen zeitlos gültig gemäß dem Verständnis, das Du an sie heranträgst? Tut mir leid, aber so einfältig und naiv zu denken, geht über meinen Verstand.

      Dass Du nun Bonhoeffers Gnadenkonzeption dafür missbrauchst, Deine Sichtweise von Homosexualität als Sünde zu legitimieren, spricht darüber hinaus Bände. Entweder hast Du die Nachfolge nicht gelesen oder Du hast sie genauso gelesen, wie Du das AT liest – unkritisch, ahistorisch und mit einer Menge Deiner persönlichen Eintragungen.

      Wenn ich mal fragen darf: Das göttliche Gebot besteht in Lev 20,13 nicht darin, dass man nicht homosexuell praktizieren darf, sondern dass man so Praktizierende hinrichten soll. Hältst Du Dich fleißig daran? Forderst Du die Todesstrafe für Homosexuelle? Nein? Dann widersprichst Du hierin eindeutig der Schrift! Und wie ist das mit Männern, die von anderen Männern vergewaltigt werden, wie es häufig vorkommt? Begehen sie ein Gräuel, wie diese Stelle es eindeutig aussagt, und verdienen den Tod? Nein? Woher kommt dann Dein Bekenntnis, wenn nicht aus der Schrift?

      Sorry, aber das, was Du betreibst, ist keine Theologie, sondern Blödsinn.

  12. Christoph Mohr

    Würdest du ein bisschen über den Tellerrand schauen würdest du sehen dass bspw. der Psychologie eine Rückbesinnung auf bspw. Freud, Adler, Fromm usw. nicht schlecht tun würde – die praktizierte Psychologie ist in ihren Neuerungen doch teils sehr entartet -, oder dass die Philosophie sich teils auch immer wieder rückbesinnt. Auch in der Medizin ist nicht selten die „Alte Schule “ nicht immer das Schlechteste!

    Ich kenne sicher nicht alle neueren Argumente, aber doch viele und gerade daher schrieb ich meine Kritik. Als wäre das Neue etwas wirklich Neues! Zumal die Frage bleibt: ab wann ist etwas so alt, dass es der neueren Ansichten weichen muss? Wer legt das fest? Was sind die Kriterien, wenn nicht Willkür, Naivität oder schlichtem Mangel an echtem Verständnis?
    Wie wären alte Texte heute als Imperativ gültig? Das Wort Gottes – und nein ich meine nicht die Bibel, falls du mir das einfältig vorwerfen wolltest – ist und bleibt Verheißung und Gebot, wie sehr such immer der Mensch bestrebt ist seine Härte zu entkräften, so sehr Menschen wie du auch meinen es hätte uns heute nichts mehr zu sagen; es wäre da besser du studierest etwas anderes
    Nebenbei ja ich studiere schon eine Weile Theologie, studierst du es denn? Es scheint schwer zu glauben, denn sonst wüsstest du dass Schnackenburg Neutestamentler war und das Geschriebene eben darauf bezog!
    Sprich: das Familienbild des NT und hier ist er dann eben beim Durchbruch Jesu, der sagt wer eine andere Frau ansieht begeht Ehebruch, oder bei Paulus der sagt dass Diakon und Bischof Mann einer Frau zu sein haben.
    Dass das Wort Gottes auch hier und heute gültig ist, ist vor allem auch Problem der Dogmatik, falls dir das nicht geläufig ist!

    Ich missbrauche Bonhoeffer nicht, was du sehen würdest wenn du nicht auch so ein verdrehtes Bild von Sünde hättest! Wie definierst denn du Sünde? Was soll denn deiner Brille nach – jeder hat immer eine Lesebrille auf, durch die er Texte liest (vgl. Bultmann – Ist vorraussezungslose Exegese möglich?)

    Und der letzte Absatz wurde schon angesprochen, nämlich dass es auf das Wort Gottes ankommt, nicht an dem Festklammern irgendwelcher Gebote, genau so wenig wie das willkürliche Ausklammern von Geboten!

    Du machst es dir in vielem, wie wohl viele deiner Glaubensgenossen, viel zu einfach, sowohl mit theologischen wie menschlichen Sichtweisen. Aber heute muss ja alles eben einfach sein… Du bist also in bester GesellsGesellschaft!

    • Christopher

      Achte doch bitte einmal selbst darauf, was Du schreibst: „der modernen Psychologie würde eine Rückebesinnung gut tun, sie sei entartet“ – das ist doch bitteschön Deine persönliche, fachlich vollkommen unqualifizierte Meinung. Auch die Philosophie hat inzwischen neue Systeme entwickelt, die zwar auf den alten aufbauen, aber sie zu großen Teilen auch schon wieder verworfen haben. In der Medizin ist die „Alte Schule“ da brauchbar, wo sie grundlegende Erkenntnisse hervorgebracht hat. Ansonsten ist das Nostalgie. Gleiches gilt in der Theologie: Grundlegende Erkenntnisse werden freilich beibehalten. Dass Homosexualität eine Sünde sei, gehört nicht zu diesen grundlegenden Erkenntnissen, sondern ist ein Phänomen eines Zeitgeistes, der unter bestimmten soziologischen Konstellationen vielleicht mal eine Berechtigung hatte.

      Mein erstes Examen habe ich hinter mir und Schnackenburgs Johanneskommentar habe ich mit großem Interesse gelesen. Freilich habe ich ihn dabei immer mit aktuelleren Positionen verglichen und die Argumente gegeneinander abgewogen. Aber was soll dieser akademische Schwanzlängenvergleich (den ich hiermit wohl gewonnen habe) und warum fährst Du so auf Schnackenburg ab?

      „Sprich: das Familienbild des NT und hier ist er dann eben beim Durchbruch Jesu, der sagt wer eine andere Frau ansieht begeht Ehebruch, oder bei Paulus der sagt dass Diakon und Bischof Mann einer Frau zu sein haben.“

      Gut, wenn Du unbedingt am Text arbeiten willst, dann bitte richtig. Mt 5,28 bezieht sich auf das Anblicken der Ehefrau eines anderen Mannes und nicht um Frauen im Allgemeinen. In dem Sinne ist „gyne“ hier verwendet. Die Ehe wird „an/hinsichtlich der Frau“ gebrochen („auten“ im Akkusativ). Der Hintergrund der Aussage ist die, dass nach der Vorstellung Jesu Zeit „Ehe“ eine Eigenschaft der Frau war und nicht des Mannes. Der Mann besaß seine Frau, die die Ehe „hatte“ und sich dadurch in Besitz ihres Mannes befand. Deshalb brach der Mann die Ehe der Frau so, als würde er ihrem Mann einen Esel klauen (natürlich noch etwas schlimmer, weil es um die Nachkommenschaft des Mannes ging). Um dieses Familienbild geht es hier. Und Du willst ernsthaft behaupten, dass dies ein „traditionelles Familienbild“ sei? Oder nicht doch eher ein schon lange überholtes?

      Auch die Timotheus-Stelle, die Du anführst, ist bezeichnend. Mann „einer einzigen Frau“ – wenn der Paulusschüler das so betonen muss, dann scheint es offenbar für die Amtsträger alles andere als selbstverständlich und „traditionell“ zu sein, nur eine Frau zu haben. Im übrigen sagt jener Briefschreiber wenige Sätze zuvor noch ganz andere Sachen über Frauen, die man heute nicht mal mehr als „traditionell“, sondern nur noch als chauvinistisch betiteln würde. Es geht ihm darum, „untadelig“ zu sein – aber was untadelig ist, bestimmt die Gesellschaft und nicht ein Paulusschüler in der Antike. Für seine Gesellschaft mag das gestimmt haben, aber gesellschaftliche Ordnungen sind heutzutage glücklicherweise unabhängig von göttlichen Geboten betrachtbar. Ich finde es erstaunlich, dass sich dieses patriarchale, antihomosexuelle und latent leibfeindliche Familienbild antiker Moralisten so lange hält. Dabei ist das nicht mal ihre eigene Erfindung, sondern spiegelt einen gewissen Zeitgeist wider. Wobei das so erstaunlich wiederum nicht ist … wo Menschen ihre moralischen Ansichten verabsolutieren und ihre Macht mit religiösen Texten sanktionieren können, da wird das munter getrieben, bis es keiner mehr aushält.

      Und natürlich missbrauchst Du Bonhoeffer. Du hängst ihm einen Sündenbegriff an, der ihm überhaupt nicht entspricht. Du könntest ja mal „Schöpfung und Fall“ durcharbeiten, wozu ich auf theologiestudierende.de erst kürzlich eine Rezension veröffentlicht habe. In dem Buch legt er sein Verständnis von Sünde dar, das ein typisch dialektisches ist. Auch die Ethik und seinen Briefwechsel mit Bethge kann ich Dir sehr empfehlen, weil das seine Äußerungen in der Nachfolge nochmal in ein ganz anderes Licht rückt.

      Dass Du mir unterstellst, ich würde mir Sachen einfach machen, ist lächerlich. Nichts ist einfacher als persönliche Befindlichkeiten biblisch zu sanktionieren. Wesentlich wichtiger ist es, eine durchdachte und angemessene Hermeneutik zu entwickeln, die bei Dir bislang nur sehr spärlich zum Vorschein kommt. Du scheinst mir in einer sehr schwierigen Situation zu stecken, in der Du das Verhältnis von biblischem Gebot und in Christus offenbartem Gotteswort für Dich klären musst. Das ist eine normale Phase für viele Theologen, sollte aber irgendwann vorüber gehen. Bonhoeffer macht dazu ganz brauchbare Vorschläge in der Ethik.

      Meinen Sündenbegriff habe ich aus dem dialektischen Sündenbegriff entwickelt. Kurz und knapp steht bei mir Sünde für das Nichtvertrauenkönnen auf Gottes Verheißung in Christus, der Drang zum Leben in der alten Wirklichkeit, in die die neue Wirklichkeit schon längst eingebrochen ist. Der Hang zum mittelbaren Verhältnis zu Gott (und nicht das durch die unmittelbare Beziehung zu Christus vermittelte Verhältnis zu Gott) ist Sünde. Oder mit Bultmann und Bonhoeffer gesprochen: Der sündige Mensch redet über Gott und nicht von Gott.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.