Stippvisite bei den Altkatholiken
Foto Dominique Josse (Gemeinfrei)

Neugierig auf die kleinen und kleinsten Konfessionen und Religionsgemeinschaften in meiner Stadt Leipzig besuchte ich an einem Montagabend die Lichtvesper der Altkatholischen Gemeinde.

Eine eigene Kirche haben sie nicht, aber eine kleine evangelische Kirche im Norden der Stadt steht ihnen für ihre Gottesdienste zur Verfügung. Sechs Stühle stehen vorne im Altarraum, sie füllen sich nicht ganz: Der ehrenamtliche Priester ist mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn da, eine Lektorin ist gekommen, ich bin die fünfte. Etwas verspätet kommt ein Ehepaar herein, das auf den Kirchenbänken platz nimmt. In dieser familiären Atmosphäre werde ich freundlich mit Handschlag begrüßt, dann beginnt die Vesper, die nach einer alten Liturgie gesungen wird. Zu Beginn trägt der Priester in weißem liturgischen Gewand Weihrauch in den Kirchraum – das wirkt ungewöhnlich in dieser schlichten protestantischen Kirche und diesem Grüppchen von Menschen, macht die Stimmung aber auch feierlich.

Wie ist die Altkatholische Kirche entstanden?

Die Altkatholische Kirche entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf das 1. Vatikanische Konzil (1869/1870). Hier wurde vor allem die Unfehlbarkeitslehre beschlossen. Dies sollte das lange sehr schwache Papsttum stärken und eine Zentralisierung auf Rom hin bewirken. Damit verbunden waren starke Abgrenzungstendenzen gegenüber Entwicklungen der Moderne, wozu für viele katholische (aber auch evangelische, das sei hier nur am Rande erwähnt) Amtsträger zum Beispiel die Ablehnung von Demokratie und Religionsfreiheit zählte.

Nicht alle waren mit diesen Entwicklungen einverstanden. Die Kritiker des Konzils, Laien, Theologieprofessoren und Priester, sammelten und organisierten sich sehr schnell im deutschsprachigen Raum. Sie gaben sich den Namen „Altkatholische Kirche“, was das Bewusstsein ausdrückt, am katholischen Glauben festzuhalten und an die Tradition vor dem Konzil anzuknüpfen. Sie verstanden sich also als innerkatholische Reformbewegung, organisierten aber trotzdem rasch eine eigene Kirchenorganisation und -leitung mit Synoden und eigenem Bischof.

Was unterscheidet die Altkatholiken von den Römischen Katholiken?

Die ersten Altkatholiken wollten die Kirche mit aufklärerischem Gedankengut reformieren. Sie waren gegen eine Bevormundung durch den Papst und wollten eine stärker wissenschaftliche Ausbildung für Priester. Mit vielen der barocken Traditionen der Römisch-Katholischen Kirche wie der Heiligenverehrung und dem Ablasshandel wollten sie brechen. Das Zölibat wurde 1878 abgeschafft und Liturgie in Volkssprache durchgesetzt – etwas, das in der Römisch-Katholischen Kirche noch fast hundert Jahre dauern sollte. Ansonsten wurde und wird aber an alten liturgischen Formen festgehalten. Seit den 1990er Jahren werden auch Frauen ordiniert und eine nochmalige kirchliche Trauung nach einer Scheidung ist möglich.

Die Altkatholiken bemühten sich früh um einen ökumenischen Dialog mit anderen Glaubensgemeinschaften: So haben sie volle Gemeinschaft mit der anglikanischen Kirche und auch mit der EKD gibt es eine Vereinbarung zur gegenseitigen Einladung zum Abendmahl.

Die Altkatholische Kirche in Deutschland heute

In Deutschland gibt es heute 60 altkatholische Pfarreien und knapp 16.000 Gläubige. Die meisten Gemeinden sind klein, in Leipzig gehören 40 Mitglieder zur Gemeinde. Zum Gottesdienst kommen aber angeblich trotzdem 10 bis 20 Menschen, unter ihnen wohl auch einige Römische Katholiken und Protestanten. Die Gemeinden in Mitteldeutschland sind erst nach dem zweiten Weltkrieg entstanden, als altkatholische Sudetendeutsche in dieses Gebiet kamen. Viele Gemeinden sind seitdem wieder eingeschlafen.

Trotzdem, an diesem Montagabend verwehrt sich der Eindruck, die Altkatholische Kirche sei vom Aussterben bedroht, trotz der geringen Besucherzahl. Das liegt vor allem an dem lebendigen kleinen Sohn des Priesters, vielleicht vier, fünf Jahre alt, der die Liturgie flüssig mitsingen kann, kleine Kerzen an der Osterkerze entzündet und verteilt, und sich beim Segen neben seinen Vater stellt und auch ein bisschen Segen spendet.

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