Studieren auf Englisch #2: Finanzmanagement
Charity-Shop des St. Andrew’s Children’s Hospice. Foto: Theresa Reinhardt

Ein Auslandsjahr muss sein. Das stand schon fest, bevor ich mich überhaupt für ein Studienfach entschieden hatte. Zwei Semester lang studiere ich nun Religion and Philosophy in Hull/ England und berichte hier regelmäßig über meine Erlebnisse.

„Haben Sie ein englisches Konto?“

Es klopft an der Tür unseres Studentenhauses. (Klingeln zu benutzen ist aus irgendeinem Grund nicht besonders populär.) Da gerade sowieso nicht viel anderes los ist und keine von meinen Mitbewohnerinnen sich rührt, öffne ich die Tür. „Haben Sie ein englisches Konto?“, erkundigt sich der enthusiastische Vertreter einer Wohltätigkeitsorganisation. Eigentlich hatte ich gehofft, seine Ausführungen gleich beenden zu können, indem ich darauf hinweise, dass ich nicht von hier bin. Doch ich bin einfach zu stolz darauf, wie problemlos es mir erst vor ein paar Tagen gelungen ist auf halbwegs professionelle Weise ein britisches Konto zu eröffnen, um jetzt nicht mit „Ja“ zu antworten. Nun muss ich eben einen weiteren Schwall Werbung für eine Organisation, die gegen den Mangel an Krankenschwestern und deren Mangel an Bezahlung kämpft, über mich ergehen lassen. Soviel glaube ich zumindest zu verstehen, der Rest oder auch das eigentliche Ziel der Organisation fällt dem lokalen Dialekt meines Gegenübers zum Opfer. Nach gefühlten zehn Minuten traue ich mich, darauf hinzuweisen, dass ich bald zur Uni los muss. Ob ich jetzt also regelmäßig etwas für seine Organisation überweisen würde, erkundigt sich der Vertreter. Ich lehne höflich ab. So schnell ist der Enthusiasmus des Mannes allerdings nicht zu bremsen. Ich lehne noch mal höflich ab. Als er immer noch nicht aufgibt, weiß ich mir nicht mehr anders zu helfen, als in nun weniger höflichem Ton zu erklären, dass ich mich selber darum kümmere, wenn ich irgendwo etwas spenden möchte. Ich schließe die Tür und sofort regt sich mein schlechtes Gewissen.

Das war Anfang Oktober, als ich gerade halbwegs in Hull angekommen war. Eine englische Freundin bestätigt mir später, dass meine Reaktion wahrscheinlich wirklich eher in die Kategorie „unhöflich“ fiel. Denn Wohltätigkeitsaktionen zu unterstützen oder zumindest respektvoll zu behandeln, gehört zur englischen Lebensweise. So prägen neben Friseur- und Beauty-Salons vor allem Charity-Shops das Straßenbild. Dabei handelt es sich um Secondhand-Läden, die von Schallplatten, über Pelzmäntel bis hin zu alten Landkarten alles anbieten und den Großteil des Erlöses an Hospize, die Krebshilfe oder die Herzstiftung weitergeben. Diese Kultur spiegelt sich auch in der Uni wieder.

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Charity-Shop des St. Andrew’s Children’s Hospice

„Wir tanzen 24 Stunden für Action Against Hunger!“

Viele englische Studenten sind chronisch pleite. Das liegt nicht nur daran, dass man selbstverständlich für seine Stadt, seine Uni, jede Society und jedes besondere Event Kleidungsstücke mit entsprechenden Aufdrucken erwirbt und daneben darauf achten muss, ein gesundes Minimum an Alkoholkonsum nicht zu unterschreiten. Es sind vor allen Dingen die hohen Studien- und Lebensunterhaltskosten (Hull ist eine der billigsten Städte und trotzdem kostet mich mein Zimmer doppelt so viel wie in Leipzig), die viele Studenten dazu zwingen, sich einen Job zu suchen. Trotzdem sind sie stets bereit noch ein Stück Kuchen auf dem Basar einer der Societies zu kaufen, die gerade mal wieder für einen guten Zweck sammelt oder versucht ihre eigenen finanziellen Mittel aufzubessern. Jedes Jahr gibt es eine ganze Woche, die für studentische Charity-Events reserviert ist: Die „RAG week“. RAG steht für „Raise and Give“, also Geld sammeln und anschließend spenden. Studenten sammeln Geld und zwar nicht irgendwo in der Stadt, sondern auf dem Campus. Mit kulinarischen Aktionen, Marathons oder Eintritten zu diversen Partys und Veranstaltungen wie Talentshows. Zwischen den Vorlesungen wird gebacken, 48 Stunden lang eine Plastikpuppe wiederbelebt oder 24 Stunden lang Swing getanzt. Und alle, die vorbeikommen, kramen zumindest ein paar entbehrliche Pence zusammen, sodass am Ende über 5000£ für gute Zwecke gespendet werden können.

Danceathon (20)

Nur noch 21 Stunden tanzen!

(An Großzügigkeit) Gewinnen

Ich weiß immer noch nicht so genau, was ich einer Vertreterin von Action Against Hunger oder der British Heart Foundation erwidern würde, stünde sie morgen vor meiner Tür. (Allerdings bin ich inzwischen sowieso dazu übergegangen, nur noch auf das Klopfen zu reagieren, wenn ich in etwa abschätzen kann, dass der Postbote oder Freunde draußen warten.)

Aber die Großzügigkeit, die man immer wieder erleben kann, beeindruckt und färbt ab. Es ist ein gutes Gefühl, mit einer witzigen Aktion Geld zu sammeln, besonders, wenn es auch noch so erfolgreich ist. Das animiert auch die Mitwirkenden zum Spenden. Und wie könnte man für Hungerleidende sammeln, ohne selbst etwas dazu zu geben? Die Swing Dance Society wurde mit ihrem Marathon Fundraiser des Monats, eine Auszeichnung, die – wie man dem Titel schon entnehmen kann – regelmäßig von der Uni verliehen wird.

Und falls man es mit der Großzügigkeit mal übertrieben haben sollte, hat man als Student übrigens mit ein bisschen Glück immer noch die Möglichkeit an Geld (oder zumindest Gutscheine) zu kommen, indem man an einer der zahlreichen Feedback-Umfragen der Uni teilnimmt. Um ein paar Meinungen zusammenzubekommen, wird mit durchaus attraktiven Gewinnspielen gelockt. Ich bin dabei bisher nicht reich geworden, werde es aber weiterhin fleißig versuchen.

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