Einfach mal bei Bonhoeffer nachlesen Interview mit Prof. Dr. Roland Biewald
Foto: Bundesarchiv (CC-BY-SA 3.0)

Anlässlich unserer Bonhoeffer-Themenwoche auf theologiestudierende.de interviewen wir Prof. Dr. Roland Biewald. Er ist Professor für Evangelische Religionspädagogik an der Technischen Universität in Dresden und außerdem Mitglied der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft.

theologiestudierende.de: Herr Biewald, was ist die Internationale Bonhoeffer-Gesellschaft und was ist der Schwerpunkt ihrer Arbeit?

Roland Biewald: Die Internationale Bonhoeffer-Gesellschaft (IBG) wurde 1973 in Düsseldorf gegründet mit dem Ziel – einmal ganz pauschal gesagt – Bonhoeffers geistiges Erbe zu bewahren und in der Gegenwart wach zu halten. Von der Gründung bis 1998 lag der Schwerpunkt der Arbeit auf der wissenschaftlichen Edition der Dietrich-Bonhoeffer-Werke (DBW). Diese liegen in 16 Bänden plus Registerband seitdem vollständig vor (übrigens ist gerade eine Sonderausgabe zu einem moderateren Preis, freilich immer noch teuer, erschienen). Die IBG hat seitdem den Akzent deutlich in Richtung des Gegenwartsbezuges von Bonhoeffers Theologie verschoben. Das geschieht vor allem durch Tagungen und Publikationen für einen weiten Leserkreis und auch durch die Erarbeitung von gemeinde- und religionspädagogischen Materialien zu Bonhoeffer. Neben der deutschprachigen Sektion gibt es noch Sektionen in den USA, in den Niederlanden, in Polen, Japan, Korea und Brasilien. Alle vier Jahre findet ein internationaler Kongress statt, auf dem sich die Sektionen austauschen. Das zeigt, dass Dietrich Bonhoeffer mit seinem Leben und seinem theologischen Werk viele Christen in der Welt inspiriert.

Was sind Ihre Aufgaben/Ihr Tätigkeitsfeld innerhalb der Gesellschaft?

R.B.: Die deutschsprachige Sektion der IBG gliedert sich in verschiedene Reglionalgruppen, die sozusagen „Basisarbeit“ leisten. Ich gehöre zur Regionalgruppe Sachsen, einer sehr kleinen aber aktiven Arbeitsgruppe. Dort kommen Theologen (leider nur männliche) und „Laien“ (auch weibliche) zusammen, die konkrete Projekte erarbeiten und durchführen. Z.B. sind hier mehrere Arbeitshilfen für Gemeinde und Schule entstanden, es wurden kleine regionale Tagungen und Lehrerfortbildungen durchgeführt. Neben Themen, die sich direkt auf Bonhoeffers Leben und Werk beziehen geht es dabei oft um aktuelle Fragen von Kirche und Gesellschaft, die im Lichte von Bonhoeffers Gedanken diskutiert werden. In der DDR gab es Bonhoeffer-Freundeskreise, in denen viele Christen („Laien“) engagiert waren. In Sachsen wurde der Freundeskreis in die IBG integriert, so dass die Laien hier mitwirken. In Berlin und Brandenburg existiert übrigens der Bonhoeffer-Freundeskreis als Bonhoeffer-Verein eigenständig weiter. Ich persönlich bin im Wesentlichen mit den genannten Projekten (Tagungen und Veröffentlichungen) beschäftigt. Über die jährlichen Tagungen der deutschsprachigen Sektion halten wir Kontakt zur „großen“ IBG.

Wie sind Sie zur IBG gekommen?

R.B.: Eigentlich ganz einfach: Ich wurde vom Vorsitzenden der Regionalgruppe Sachsen eingeladen. Aber das war sozusagen nur der formale Beitritt. Biografisch gibt es da einen längeren Weg. Ich habe in der DDR an einer kirchlichen Hochschule Theologie studiert. Dietrich Bonhoeffer spielte in der Theologie damals eine große Rolle, vielleicht mehr als heute. Zum einen war er ein Widerstandskämpfer, also in gewisser Weise ein „christlicher Vorzeigemann“ gegenüber den DDR-Ideologen, der ein kritisches Verhältnis zu einer totalitären Politik ermöglicht. Zum anderen, und das ist wohl wichtiger, hat Bonhoeffer uns junge Theologen immer inspiriert. Mehrere seiner Werke waren noch gar nicht greifbar (z.B. die Ethik), aber das meistgelesene Buch, die Gefängnisbriefe „Widerstand und Ergebung“, hatte eine hohe Prägungskraft. Gerade weil viele Gedanken unfertig, nicht zu Ende gedacht und daher offen zum Weiterdenken waren. Das ist für junge Theologen anregender als eine fertige Dogmatik.

Können Sie in wenigen Sätzen sagen, was die Bedeutung Bonhoeffers heute ist und wie man mit seinem geistigen Erbe heute umgehen soll?

R.B.: Das ist natürlich eine komplexe Frage. Bonhoeffers Erbe könnte man einteilen in ein theologisches (seine Schriften wie „Nachfolge“, „Ethik“), ein politisches (seine Biografie als Widerständler und Schriften wie „Die Kirche vor der Judenfrage“) und – jetzt fällt mir der Begriff schwer – vielleicht ein „spirituelles“ oder „praktisch-christliches“. Zu jedem sind schon Bände geschrieben worden. Auf jeden Fall muss man aufpassen, dass Dietrich Bonhoeffer nicht zum „Idol“ wird, also der christliche Widerstandskämpfer oder Bekenntnistheologe schlechthin. Seine menschlichen Seiten einschließlich der Fehlbarkeit korrigieren solch ein Bild. Die Veröffentlichung der „Brautbriefe Zelle 92“, die erst 1992 erfolgte, hat viel dazu beigetragen, Bonhoeffers menschliche Seite zu würdigen. Damit hängt das zusammen, was man „Frömmigkeit“ oder „Spiritualität“ nennen könnte. Gerade, weil seine Aussagen dazu manchmal widersprüchlich erscheinen, regt er zum Diskurs an. Einerseits möchte er kein „Heiliger“ sein, ist durch und durch kritisch denkender Wissenschaftler, andererseits gibt er sich durch Gebet und Bibelbetrachtung manchmal ganz kindlich in Gottes Arme („Von guten Mächten wunderbar geborgen …“). Von den Kandidaten des vom ihm geleiteten Predigerseminars fordert er sowohl ordentliche theologische Arbeit als auch christliche Gemeinschaft, die manchmal ans Klösterliche grenzt. Das Haupterbe besteht aus meiner Sicht jedoch in der Zusammenschau von christlichem und gesellschaftspolitischem Engagement. Das fängt mit einem kritischen Denken an (Empfohlen sei das Essay „Nach zehn Jahren“ von Ende 1942 in „Widerstand und Ergebung“) und führt bis zum konkreten Handeln, notfalls „dem Rad in die Speichen zu fallen“. Letztlich hat das auch Auswirkungen auf das Selbstverständnis der Kirche, die ihre Rolle je nach den gesellschaftlichen Verhältnissen neu bestimmen muss. Hier ist sein Satz „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist“ wohl am berühmtesten.

Was verbinden Sie mit Dietrich Bonhoeffer? Gibt es vielleicht ein Lieblingszitat oder etwas in seiner Theologie, dass Sie besonders beeindruckt?

R.B.: Ja, eigentlich habe ich gerade schon einige Zitate genannt, die mir wichtig geworden sind. Vielleicht noch dieses, es ist ein geradezu paradoxes Nachdenken über Gott, das z.B. auch Dorothee Sölle inspiriert hat:

… wir können nicht redlich sein ohne zu erkennen, dass wir in der Welt leben müssen – „etsi deus non daretur.“ … Der Gott der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt (Markus 15,34)! Der Gott, der uns in der Welt leben lässt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott lässt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns.

Empfohlen sei die Lektüre im Zusammenhang (Brief an E. Bethge vom 16. Juli 1944, Widerstand und Ergebung, neue Ausgabe S. 192).

Möchten Sie unseren LeserInnen noch etwas sagen? Gibt es noch eine Frage, die Sie gern beantworten möchten?

R.B.: Lesen Sie einfach mal bei und über Bonhoeffer nach. Es gibt eine Reihe von Biografien, die sein Leben unter verschiedenen Aspekten rekonstruieren. Und es gibt Einzelausgaben von Werken und kommentierte Arbeitshilfen, über die man gut in Bonhoeffers Gedanken eingeführt wird.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Engagement!

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