Lesenswert #20 – Über Schwulsein, Dummheit und mehr

Zu seinem 70. Todestag wird natürlich nicht nur auf theologiestudierende.de über Dietrich Bonhoeffer geschrieben. Dieses Lesenswert ist ein kleiner Überblick, wie Bonhoeffer heute andernorts gesehen wird.

Das Dietrich Bonhoeffer-Portal

Zunächst vielleicht „das Portal“ zu Bonhoeffer schlechthin. dietrich-bonhoeffer.net. Getragen von der Internationalen Dietrich Bonhoeffer-Gesellschaft, ist es eine ansprechende, moderne Seite mit zahlreichen Bild- und Textquellen zu Bonhoeffers Leben und Werk. Gerade wer sich im Rahmen des Studiums wissenschaftlich mit Bonhoeffer auseinandersetzen möchte, wird in dieser Seite eine unschätzbare Hilfestellung finden.

Ärgerlich ist, dass hier nur sehr wenige Quellen von Bonhoeffer selbst zu finden sind. Da wirkt die Seite dann doch mehr wie eine große Werbung für die 16-bändige Bonhoeffer-Werkausgabe.

Was Dietrich Bonhoeffer Gay?

Lets get it out of the way: Von Philipps „Fakten über Bonhoeffer“ hat einer besonders für Unruhe gesorgt: Bonhoeffer sei schwul gewesen. Kann das denn sein? Immerhin war er doch auch verlobt! Ist das nicht überhaupt ein Anachronismus und ein Schimpfwort? Und ist das nicht vielleicht auch alles völlig egal?

Marsh makes a convincing case that Bonhoeffer harbored feelings for Bethge that extended beyond friendship. Those feelings were unrequited, and Bonhoeffer probably did not consciously acknowledge them. Still, Marsh notes, he was possessive and smothering in his attention. He created a joint bank account and sent Christmas cards signed, “Dietrich and Eberhard.”

Es gibt zwei Gründe, warum ich diese Frage für wichtig halte. Erstens: Wir als Gesellschaft sind scheinbar überhaupt nicht in der Lage, differenziert über komplexe Beziehungsverhältnisse zu sprechen. Im Zweifelsfall gelten Leute als heterosexuell, was angeblich „normal“ sein soll. Solange wir zwischen „nur Freunde“ und „schwul“ keine sinnvollen Zwischentöne formulieren können, können wir das Spektrum des Zwischenmenschlichen niemals adäquat abdecken.

Zweitens finde ich die Frage interessant, ob wir die Vorstellung vertragen können, dass große Theologen der Vergangenheit und vielleicht sogar Glaubenshelden homosexuell gewesen sein könnten. Eigentlich sollte diese Frage völlig egal sein. Solange es aber Leute gibt, die diesen Gedanken absolut unerträglich finden, müssen wir darüber reden.

Themenmonat Islam und Theologie

Viele Muslime leben seit Jahrzehnten (manche gar seit Jahrhunderten) in Europa, andere wandern zur Zeit ein oder befinden sich auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Welche Rolle spielt ihre Religion in diesen Konflikten und in ihrem Alltag? Welche Impulse gehen von der islamischen Theologie aus? Was kann die christliche Theologie zur Debatte beitragen? Was können wir voneinander lernen?

Die Auferstehung des Widerständigen

Im Tagesspiegel dokumentiert Claudia Keller das Aufeinandertreffen zweier Welten. Sie hat eine Gruppe von Schülern auf einen Bonhoeffer-Rundgang in Berlin begleitet. Die Sprüche der Teenager bringen manchmal zum Schmunzeln, manchmal auch zum Nachdenken:

Die Jugendlichen aus Heubach gruppieren sich um Ralf Herold herum. „Bonhoeffer war es egal, was die anderen von ihm denken“, sagt Nina Zent, 16. Sie fällt auf unter den Mädchen, die alle lange Haare haben. Nina Zent hat sich eine Mütze tief ins Gesicht gezogen. Bis auf eine Locke verschwinden die Haare drunter. Dass Bonhoeffer sich so wenig angepasst hat, „sein Ding durchgezogen hat“, gefällt ihr.

Von der Dummheit

Kein Lesenswert über Bonhoeffer, ohne auch etwas von ihm selbst zu verlinken. Ich bin auf einen Text gestoßen, der in seiner scharfsinnigen Einfachheit und in seiner Aktualität beinahe etwas Bedrückendes an sich hat:

Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos.

Man könnte diesen Text leicht sarkastisch lesen und darüber lachen und Beispiele suchen für Leute, die im Bonhoeffer’schen Sinne „dumm“ sind. Aber eigentlich ist der Text eine Herausforderung, kaputten Menschen seelsorgerisch helfend zu begegnen. Wenn man ihn so liest, bleibt einem das Lachen im Halse stecken.


Unter Lesenswert sammeln wir regelmäßig lesenswerte Texte zu theologischen, kirchlichen oder universitären Themen. Wenn ihr irgendwo einen guten Artikel gelesen habt, schickt den Link an lesenswert@theologiestudierende.de!

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3 Kommentare anzeigen

  1. Carolina

    „Ärgerlich ist, dass hier nur sehr wenige Quellen von Bonhoeffer selbst zu finden sind. “ … Aber die relativ umfangreiche Zitatedatenbank auf dem Portal hast du schon entdeckt oder? Mir persönlich fehlen zwar noch weitere Gebete und Gedichte aber insgesamt gibt es dort viele Worte Bonhoeffers zu finden!
    VG
    Caro

    • Hey Caro, danke für den Hinweis, die Zitatendatenbank ist natürlich an sich nicht schlecht. Einzelne Zitate habe ich jedoch nicht als „Quelle“ gezählt, mit der man theologisch oder wissenschaftlich arbeiten könnte. Es wäre cool, wenn dort auch ganze Essays oder Briefe von Bonhoeffer einzusehen wären.

  2. Carolina

    o.k. das stimmt. Wäre auch sehr wünschenswert :-) …

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