10 Dinge, die Du noch nicht über Bonhoeffer wusstest
Foto: Bundesarchiv (CC-BY-SA 3.0)

Als Einstimmung in unsere Bonhoeffer-Themenwoche auf theologiestudierende.de hier einmal 10 überraschende „Fakten“ über Dietrich Bonhoeffer.

1) Bonhoeffer wurde gar nicht in Deutschland geboren

Na ja, eigentlich schon, denn damals gehörte Breslau (polnisch Wrocław) zum Deutschen Reich. Dort kam Dietrich am 4. Februar 1906 zur Welt. Sein Vater Karl Bonhoeffer, eine Koryphäe der Psychiatrie und Neurologie, zog 1912 mit der Familie nach Berlin, weil er von der dortigen Universität einen Ruf erhielt.

2) Bonhoeffer war Zwilling

Dietrich Bonhoeffer wurde in eine weitverzweigte und große Familie geboren. Er selbst war das sechste von acht Kindern, die Karl und Paula Bonhoeffer gemeinsam hatten. Seine Zwillingsschwester Sabine wanderte mit ihren zwei Töchtern und ihrem Mann Gerhard, der jüdischer Herkunft war, im September 1938 nach Oxford aus. Dort wurden deutsche Juden am Beginn des 2. Weltkrieges interniert. Davon und von vielen Geschichten mehr aus der Bonhoeffer-Familie berichtete sie in ihrem Buch „vergangen – erlebt – überwunden.“

3) Bonhoeffer war Mitglied einer Studentenverbindung

Alle Söhne der Bonhoeffers sollten ihr Studium in Tübingen beginnen. Auch Dietrich, der mit der Theologie ein Studienfach gewählt hatte, dass sein Vater und seine Brüder als Zeitverschwendung ansahen. In Tübingen wohnte Dietrich auf dem Haus der Akademischen Verbindung Igel, wie sein Vater und seine Brüder zuvor auch. Von anderen farbentragenden Verbindungen unterschied sich der Igel durch eine liberale Grundhaltung, die auch dadurch zum Ausdruck kam, dass die studentische Mensur nicht vorgeschrieben war.

4) Bonhoeffer war stinkreich

Bonhoeffer stammte aus einer großbürgerlichen Familie, die in weite Teile des deutschen (Geld-)Adels vernetzt war. Sorgen um das Nötigste musste sich Dietrich deshalb bis zu seiner Zeit in Gefangenschaft nie machen. Tatsächlich beschreiben ihn viele Biographen als einen ordentlichen Bonvivant. Standesgemäß begab sich Dietrich nach seinem ersten Studienjahr in Tübingen auf eine Bildungsreise nach Italien. Besonders von Rom und ein klein wenig auch vom rituellen Katholizismus zeigte er sich beeindruckt.

Bundesarchiv_Bild_183-R0211-316,_Dietrich_Bonhoeffer_mit_Schülern

Dietrich Bonhoeffer mit Schülern (Bundesarchiv Bild 183-R0211-316, CC BY-SA 3.0 de)

5) Bonhoeffer war ein erfolgloser Studentenpfarrer

Bischof Otto Dibelius berief Dietrich 1931 als ersten Studentenpfarrer an die neugegründete Studentengemeinde an der Technischen Hochschule Berlin. Dort arbeitete er neben seinen Lehrverpflichtungen an der Friedrich-Wilhelms-Universität. Er pflegte seine Lehrveranstaltungen mit einem Gebet zu beginnen. Als Studentenpfarrer aber blieb er aufgrund der Zeitumstände erfolglos. Die Studentengemeinde wurde 1933 wieder geschlossen. In diese Zeit fällt jedoch auch seine Arbeit mit Konfirmanden und Jugendlichen an der Zionskirche in Berlin, die für ihn und die Jungen von bleibender Bedeutung sein würde.

6) Bonhoeffer war schwul

Im April 1935 übernahm Dietrich die Ausbildung junger Pfarranwärter für die Bekennende Kirche auf dem Zingsthof und später in Finkenwalde. Dort begegnete ihm zum ersten Mal Eberhard Bethge, sein späterer enger Freund, Biograph und Herausgeber seiner Schriften. Charles Marsh bezeichnet diese Beziehung in seiner Bonhoeffer-Biographie („Bonhoeffer: Der verklärte Fremde“, 2015) als homoerotisch. Bonhoeffer habe sich aus dieser Beziehung nie lösen wollen, wenngleich Bethge die Beziehung anders interpretierte. Die enge Männerfreundschaft soll allerdings auch nach Marsh keusch geblieben sein.

7) Bonhoeffer war ein Prophet

Jedenfalls wurde Dietrich 1939 in der „prophet’s chamber“ des Union Theological Seminary untergebracht. Dieses besondere Zimmer steht Gastdozenten zu Verfügung. Im Juni 1939 zog er dort ein, um ein Semester lang am Union zu unterrichten. Doch bereits Anfang Juli packte er wieder seine Koffer und kehrte kurz vor Ausbruch des Krieges nach Deutschland zurück. Sein Nachfolger fand in der Kammer Berge von Zigarettenkippen und unleserliche Notizen vor.

8) Bonhoeffer war nicht an der Vorbereitung des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 beteiligt

Vielmehr arbeitete Dietrich seit 1940 als Agent der Spionageabwehr im Oberkommando der Wehrmacht unter Admiral Canaris. Für den Widerstand sollte er in dieser Stellung als Doppelagent seine Kontakte in der Ökumene nutzen. Vor allem ging es darum, Partner bei den Kriegsgegnern zu finden, die den Widerstand unterstützen sollten. Dies gelang Bonhoeffer nur begrenzt. So zeigten die Engländer keine Bereitschaft, zwischen Nazis und Deutschen zu unterscheiden, bis nicht ein sichtbares Zeichen des Widerstands erkennbar wurde.

9) Bonhoeffer war Doppelagent der Abwehr

Im April 1942 legen alle Pfarrer und Bischöfe Norwegens als Protest gegen den Naziministerpräsidenten Quisling ihre Ämter nieder – der norwegische Kirchenkampf ist an seinem Höhepunkt angekommen. Der Initiator des Streiks, Bischof Berggrav wird verhaftet. Doch am 15. April wird er auf Anweisung Martin Bormanns überraschend freigelassen. Zwei Emissäre der Abwehr hatten davor gewarnt, dass der Kirchenkampf die Sicherheit der deutschen Truppen im Land unnötig gefährden würde. Die Emissäre hießen Dietrich Bonhoeffer und Helmuth James Graf von Moltke.

10) Seine Eltern erfuhren aus dem Radio von seinem Tod

Dietrich Bonhoeffer wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg erhängt. Einen Monat später kommt der 2. Weltkrieg und damit die Naziherrschaft zu Ende. Am 27. Juli wird über den englischen Sender BBC ein Gedächtnisgottesdienst aus der Holy Trinity Church in London übertragen, aus dem Dietrichs Eltern erst von seinem Tod erfahren. Der Gottesdienst wird von Freunden Bonhoeffers gehalten, u.a. von Bischof George Bell. Für ihn waren die letzten Worte bestimmt, die uns von Dietrich Bonhoeffer überliefert sind: „Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens. Ich glaube an die universale christliche Brüderlichkeit über alle nationalen Interessen hinweg, und ich glaube, dass uns der Sieg sicher ist.“


(Zahlreiche Begebenheiten aus dieser Liste (besonders Material für die Nr. 2 & 7–10) habe ich in der Bonhoeffer-Biographie von Renate Wind: „Dem Rad in die Speichen fallen – Die Lebensgeschichte des Dietrich Bonhoeffer“ gefunden. dieBib hält für dich eine Rezension dieses Buchs bereit.)

Schlagwörter: , ,

7 Kommentare anzeigen

  1. Marshs Behauptungen über Bonhoeffers sexuelle Orientierung stehen auf schwachen Beinen bzw. sind anachronistisch.
    „Schwul“ ist eine Kategorie von Sexualität, die es so noch nicht unbedingt gab. Und Zärtlichkeit unter Männern existiert in vielen Kontexten, ohne dass sie sexuell konnotiert ist.
    Ähnlich sieht es Matthias Dobrinski in der SZ:
    „Nicht so recht überzeugen auch die Mutmaßungen über Bonhoeffers sexuelle Orientierung: War der große Märtyrer schwul? Marsh legt es nahe, gestützt durch seine Funde aus dem Nachlass Bethges. Eberhard Bethge trifft Bonhoeffer in Finkenwalde, die beiden werden Freunde. Sie fahren gemeinsam in Urlaub – als Bethge einmal zwei Mitreisende anschleppt, reagiert Bonhoeffer eifersüchtig; die beiden führen gar ein gemeinsames Konto. Bonhoeffers Verlobte Maria von Wedemeyer erscheint dagegen als unbedarftes Mädchen, in das sich Bonhoeffer verliebt, nachdem sich auch sein Freund Bethge verlobt hat. Bonhoeffer schreibt Maria rührende Briefe aus dem Gefängnis – Eberhard bleibt jedoch sein wahrer Seelenverwandter.“
    http://www.sueddeutsche.de/politik/dietrich-bonhoeffer-der-fremde-maertyrer-1.2406629

    • Nunja, das ist eine Definitionsfrage.

      Ich hab’ diese „10 Dinge“ als nicht zu bierernst gemeinte Schnipsel verstanden. Da klingt „schwul“ natürlich erstmal gut – was sich die Leute dann darunter vorstellen, entspricht halt möglicherweise nicht ganz dem, wie’s tatsächlich war (nämlich deutlich unspektakulärer).

      • Matthias Neumann

        Die Geschichte mit der sexuellen Orientierung Dietrich Bonheoffers erinnert mich einen Witz des Sender Jerewans:
        Anfrage: Stimmt es, dass Tschaikowski homosexuell war?
        Antwort von Sender Jerewan: Im Prinzip ja, aber nicht nur deshalb verehren wir ihn.
        Was auch stimmt: Bonhoeffer war ein ganz guter Jazz-Pianist und liebte Gospels.

    • Dr. Dr. Henry George Richter-Hallgarten

      Na und!
      Wäre was für den Franz in Rome: Der erste schwule Heilige, dazu noch protestantisch!
      Prost!

  2. Ob Bonhoeffer nun schwul war oder nicht, ist mir erstmal schnuppe. Dass Schwulsein damals anders gesehen wurde, ist auch klar. Dass man generell differenzierter auf das Zusammenleben von Männern in dieser Zeit schauen könnte, ist sicher auch wahr.

    Die einzig relevante Frage für mich ist: Haben seine sexuelle Identität und die damit eventuell verbundenen Probleme auf seine Theologie ausgestrahlt?

    Eingedenk der Äußerungen über Sexualität, die uns Christopher in seiner Besprechung von „Schöpfung und Fall“ vorstellt, würde ich das bejahen.

  3. Rolf Herbel

    Aus eigenem Erleben kann ich sagen, dass praktizierte erotische Orientierung nix mit gefühlter Zuneigung zu tun hat! – Aus heutiger Sicht wird ’schwul‘ doch immer mit sexueller Praxis verbunden! – Diese Betrachtung gab es damals nicht!

    • Karl Weber

      Drollig wie hier versucht wird das Wörtchen „schwul“ solange zu drehen und zu wenden, bis Bonhoeffer das bleiben kann, was er für den Protestantismus im 20. Jahrhundert sein muss – der Säulenheilige – fromm, politisch engagiert und dazu noch lyrisch begabt bis es kracht und sexuell vollkommen innerhalb der guten alten „Norm“…

      Was wäre daran so schlimm, wenn Bethge und Bonhoeffer ein homoerotisches Verhältnis zueinander gehabt hätten? Wäre er dann für die große Fraktion, die Religion noch immer mit Moral verwechselt, als Säulenheiliger des modernen Protestantismus nicht mehr tragbar? Schon traurig, wenn die protestantische Heiligenverehrung diese Nebensächlichkeit nicht erträgt…

      Und noch was: Homosexualität gab es zu allen Zeiten und zwar immer auch als „Kategorie von ‚Sexualität‘“ – das einzige, was sich zwischen 1945 und 2015 geändert hat, ist der Umstand, dass homosexuelle Männer und Frauen (in Mitteleuropa) keine Angst mehr haben müssen staatliche und gesellschaftliche Repressionen zu erleben, wenn sie ihre Homosexualität offen leben.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.