Moment mal: Irren ist menschlich
Jean-Léon Gérôme: Der Einzug Christi in Jerusalem (gemeinfrei)

Hosianna! Gestern war Palmarum. Mir klingt noch ein Kinderlied in den Ohren: „Jesus zieht in Jerusalem ein! Hosianna! Alle Leute auf der Straße fangen an zu schrei’n: Hosianna, Hosianna, Hosianna in der Höh’!“

Was muss das für ein Einzug gewesen sein! Jesus auf einem kleine Esel, seine Jünger um ihn herum. Die Menschen am Straßenrand jubeln, singen, rufen, schreien, winken! Vielleicht mussten seine Jünger auch wie Bodyguards agieren und die tosende Menge auf Abstand halten. Aber haben sich die Menschen geirrt, die ihn mit Hosianna begrüßt haben? Hatten sie nicht konkrete (politische?) Erwartungen, die sich nicht erfüllt haben? Die Jesus nicht erfüllt hat?

Was hat Jesus wohl gedacht? Hat er gehofft, dass jetzt die basileia tou theou endlich über sie hereinbricht? Hat er gehofft, dass das Gottesreich jetzt kommt und ihm der Weg über den Tod erspart bleibt? Wie nah, wie zeitlich nah hat er die basileia erwartet? Diese Frage begegnet mir in meinem Studium gerade häufig. Er hat den Armen, Hungernden und Trauernden baldige Linderung versprochen. Sie sollen endlich richtig satt werden. Sie sollen fröhlich sein dürfen, sorglos. Und das, so interpretieren viele Exegeten Jesu Worte, noch zu Lebzeiten seiner Hörerinnen und Hörer. Wollte Jesus sie vielleicht doch nur auf ein besseres Jenseits vertrösten? Hat er sich im Datum geirrt? Hat sich Jesus geirrt?

Der Theologe Ludgar Schenke schreibt in seinem Fachbuch „Jesus vor dem Dogma“ lapidar: „Irren ist menschlich.“ Wann immer es zu einer eschatologischen Naherwartung in der Geschichte kam, so stellt er fest, war es ein Irrtum. Die Geschichte ging einfach weiter. Da hat er wohl recht. Sonst könnte ich wohl kaum hier sitzen und schreiben. Und mich fragen, ob Jesus das wusste. Der Mensch Jesus wohl eher nicht. Der Mensch hat sich geirrt. Irgendwie ist der Gedanke doch auch tröstlich, dass Jesus sich geirrt hat. Wenn sich schon Jesus irren darf, dann darf ich das auch. Irren ist nie schön, aber menschlich. Es ist doch befreiend zu wissen, dass ich zugeben darf, wenn ich mich geirrt habe. Manchmal ist es schon eine Befreiung festzustellen, dass etwas ein Irrtum war. Manchmal stellt man es auch zu spät fest, wie der Hauptmann bei der Kreuzigung Jesus, wenn er feststellt: „Er war wirklich Gottes Sohn.“

Der Mensch Jesus, der da auf seinem kleinen Esel durch die Menge ritt, hat sich vielleicht geirrt was die Verwirklichung der basileia anging. Die Hosianna rufenden Menschen, haben sich in ihrer Messiaserwartung geirrt. Die Römer haben sich geirrt, wenn sie glaubten, Jesus sei eine politische Gefahr. Und doch war alles richtig, wie es war. Jesus vertraute seinem Abba. Er vertraute darauf, dass Gott seinen Willen durchsetzt und seine Herrschaft aufrichtet, wenn es soweit ist. Gleich, ob das plötzliche Hereinbrechen der basileia ihm den Weg durch den Tod ersparen würde oder nicht.

Da irrt er sich nicht. Das glauben wir. Darauf vertrauen wir.

Hosianna.

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