Lesenswert #19 – Kirche von heute, Kirche von morgen

Katastrophenjournalismus

Pfarrer Heiko Kuschel schreibt über die Katastrophe um den Absturz des Germanwings-Flugzeugs. Über die Menschenverachtende Penetranz der berichtenden „Journalisten“. Und darüber, dass dieses Verhalten von unserem Medienkonsum angefeuert wird.

Ist es wirklich Mit-Leid und Anteilnahme, wenn wir alle wie gebannt auf Fernsehschirme und Newsticker starren? Oder doch nur Sensationslust, wie auf der Autobahn, wenn man an einem Unfall vorbeifährt? Das letztlich doch wohlige Gefühl „mich hat’s nicht getroffen“? Vermutlich eine Mischung aus allem. Aber weil wir nun mal nach mehr Informationen gieren, versuchen alle unsere Medien diese Gier zu stillen.

Ich finde hervorragend, wie der Artikel zum Schluss die Aufmerksamkeit auf die richtet, die den Betroffenen dieser Katastrophe wirklich helfen: Die Notfallseelsorger im Hintergrund.

Die Präsenz der Kirche auf dem Lande

Der Pfarrer Jörg Bachmann denkt auf seinem Blog über Strukturmaßnahmen, Personalmanagement und „Kirche auf dem Lande“ nach:

Weil Kirche generell etwas mit Menschen zu tun hat, mit ihren Lebens- und Glaubensvollzügen, und das an den Orten, wo sie leben. Darum ist der Kirchturm im kleinsten Dorf so wichtig, auch wenn er manchmal kaum zu unterhalten ist.

Seine Idee geht in Richtung „Minigemeinden“, was ich mir weniger wie eine kleine Gemeinde als einen großen Hauskreis vorstelle. In eine solche Richtung scheint mir die Entwicklung sowieso zu gehen. Die Frage ist jetzt: Wie kann man diese Entwicklung strukturell-organisatorisch begleiten und fördern?

Nicht weniger, sondern mehr Pfarrer braucht das Land!

In der reformierten Kirche in der Schweiz wird im Moment diskutiert über Pfarrstellen und Gemeindegrößen. Dabei geht es aber um Zahlen, die selbst aus Deutscher Perspektive ziemlich niedrig sind:

In der reformierten Kirche Baselstadt arbeite man deshalb daran, dass die 300 ≪Konsumenten≫ bereit werden, die Vollkosten für die Kirche zu tragen. Bereits heute kommen in Baselstadt auf eine Pfarrstelle nur 1000 Mitglieder. In 15 Jahren soll dann auf 300 Mitglieder mindestens eine Pfarrstelle kommen.

Ich glaube ja, das akute Notsituationen kreativ machen. Ich frage mich, wie lange es die deutschen Landeskirchen noch aushalten, ohne dass deren Not sie erfinderisch macht …

Aus einem Kirchengeschichtshandbuch des 23. Jahrhunderts

Unter dem Titel „Zwischen digitaler Revolution und administrativer Wende“ schreibt Holger Pyka eine unterhaltsame, fiktive kirchengeschichtliche Annale, die aus dem Abstand von ein paar Jahrhunderten auf unsere Gegenwart zurückblickt. Hintersinn des Textes ist die kreative Kritik am wachsenden Verwaltungsapparat der Kirchen:

In den Verwaltungsentscheidungen und –strukturen der Kirche sah Große-Gschaftlhuber demnach nicht nur die Verwirklichung der neutestamentlichen Forderung nach „guter Haushalterschaft“, sondern auch, unter Rekurs auf den priesterschriftlichen Schöpfungsbericht und 1Kor 14,33 („Gott ist kein Gott der Unordnung“), das auch in der Confessio Augustana aufgenommen wird, eine imitatio des ordnenden Schöpfungshandelns Gottes, mithin ein Instrument der creatio continua. Die Aussage, dass den Texten und Strukturen kirchlicher Verwaltung damit neben der Bibel Offenbarungscharakter zukäme, findet sich expressis verbis in Große-Gschaftlhubers Stegreifrede noch nicht, wird jedoch, u. a. in seiner Forderung nach einer „kultürlichen“, „bürokratischen“ oder „administrativen Theologie“, hier schon vorweggenommen und in der EKD-Denkschrift „Die gute Haushalterschaft – Das Verhältnis von Theologie und Verwaltung“ von 2019 entfaltet.

Ich bin mir nicht sicher, ob diese hintersinnige Form der Kritik erreicht, dass sich die verantwortlichen tatsächlich kritisiert fühlen. Aber unterhaltsam zu lesen ist es doch.

Were Andronicus and Junia regarded by Paul as Apostles?

Um auch noch etwas exegetisches zu verlinken: Auf http://hypotyposeis.org gibt es einen interessanten, differenzierten Artikel zu der Frage, ob es im Neuen Testament Hinweise auf weibliche Apostel gibt:

There has been a good deal of sometimes acrimonious recent debate on the issue, mainly because if Junia was a prominent woman apostle, this may have implications for modern controversies about the ordination of women. However the dispute about the right translation of επισημοι εν τοις αποστολοις is longstanding. Most but not all scholars would agree that both translations are possible but that well known apostles is prima-facie more likely.

Die weiterführende Diskussion in den Kommentaren ist ebenfalls lesenswert.

I Am the Very Model of a Biblical Philologist

Zum Schluss noch etwas zum Schmunzeln für alle, die ihre alten Sprachen schon gemeistert haben oder noch daran arbeiten:

Unter Lesenswert sammeln wir regelmäßig lesenswerte Texte zu theologischen, kirchlichen oder universitären Themen. Wenn ihr irgendwo einen guten Artikel gelesen habt, schickt den Link an lesenswert@theologiestudierende.de!

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