Wenn Gender-Gegner ungemütlich werden

Jeden Donnerstag, wenn die wöchentliche Ausgabe des „christlichen Medienmagazins pro“ erscheint, denke ich, dass ich selbiges eigentlich schon lange abbestellen wollte. Wie das aber bei so Newslettern ist: Mail löschen ist dann doch einfacher als umständliche kleine „Abbestellen“-Buttons zu suchen. Jetzt reicht es mir aber.

Zu Beginn fand ich die Begriffe „christlich“ und „irgendwas mit Medien“ ja noch cool, aber mittlerweile stellt sich mir doch die Frage, inwiefern sich sogenannte christliche Werte und freie Berichterstattung nicht doch im Weg stehen. Am Beispiel des Medienmagazins pro scheint es mir eher, dass ein erhöhter vermeintlich christlicher Bezug auch im gleichen Zug dazu führt, dass die Qualität der Artikel stark leidet.

Konkret geht es um eine Buchkritik an Birgit Kelles neuem Buch. Ich habe das Buch nicht gelesen, musste Frau Kelles Äußerungen aber schon in der einen oder anderen Talk-Show ertragen. Laut pro sei dieses Buch ja unglaublich ironisch verfasst und würde mit Biss entlarven, auf was für wirre Behauptungen sich die Gender-Forschung stützt. Dabei entlarvt es eigentlich nur ein intolerantes Weltbild der Autorin, das auch noch Gehör in einem Magazin findet.
Genau so aufgeschreckt hat mich vor einiger Zeit auch dieser Anreißer eines anderen Artikels:

Die Forderung nach „gendergerechter Sprache“ nervt, gehört aber zur Demokratie dazu. Wo Aktivisten zu Straftaten aufrufen, ist der Spaß allerdings vorbei.

Ich habe selten so einen polemischen, intoleranten und mit Hass erfüllten Artikel gelesen. Worum ging es? Prof. Dr. Lann Hornscheidt lehrt an der HU Berlin am Lehrstuhl für Gender Studies und Sprachanalyse am Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien. Für die verblendeten Gender-Hasser ist das wohl schon zu viel, aber es kommt noch besser. Prof. Dr. Lann Hornscheidt möchte bei Anreden nicht männlich oder nicht weiblich angesprochen werden, sondern bringt einen anderen Vorschlag ein, die X-Form:

Wenn Sie mit Profx. Lann Hornscheidt Kontakt aufnehmen wollen, achten Sie bitte darauf, geschlechtsneutrale Anreden zu verwenden.
 Bitte vermeiden Sie alle zweigendernden Ansprachen wie „Herr __“, „Frau __“, „Lieber __“, oder „Liebe __“.
 Eine mögliche Formulierung wäre dann z. B. „Sehr geehrtx Profx. Lann Hornscheidt“. (Entnommen von der Homepage von Profx. Hornscheidt)

 

X

Streit um ein X? Oder worum geht es?

Um die Argumentation von Lann Hornscheidt besser verstehen zu können, empfehle ich einen Blick in dieses Spiegel-Interview mit x. Dort wird ganz klar deutlich, dass diese X-Form auch für Hornscheidt selbst nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Es ist mehr als ein Vorschlag zu betrachten, der neben männlichen und weiblichen Anreden als alternative Form bestehen kann. Diese Alternative ist nicht festgesetzt und so dogmatisch gemeint, wie es im pro-Artikel gern gesehen wird, sondern ich verstehe es so, dass ein besseres System, sofern möglich, diesen Vorschlag ebenso gut ersetzen kann. Gleichzeitig ist dieser Vorschlag aber auch ein Arbeitsvorschlag, der ja zumindest mal getestet werden kann. Hornscheidt möchte darauf aufmerksam machen, dass es Menschen gibt, die sich nicht in das System von Männern und Frauen einordnen können und wollen – und da spricht doch erstmal nichts dagegen. Häufig wird dann entgegengehalten, dass es ja in der Bibel auch nur den Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt und der Mensch männlich und weiblich geschaffen wäre. Ich behaupte: Wäre die Gender-Forschung zur Zeit der Abfassung der biblischen Schöpfungsberichte schon so weit oder gar weiter als heute und vor allem auch gesellschaftlich akzeptiert, würde die Erzählung um Adam und Eva auch anders aussehen. Womöglich ist es bei den „christlichen Gender-Gegnern“ schon das erste Problem, wenn ich sage, dass die Genesis überhaupt von Menschen in einer bestimmten Situation mit bestimmten Intentionen verfasst wurde.

Im Artikel kommt es aber noch schlimmer:

Weiter wollen die Gender-Polizist_innen richtig ungemütlich werden: „Weggehn in diskriminierenden Situationen, Türen zumachen, Radios und Fernseher ausschalten, auf einer Party die Musik ausmachen, Tee- und Kaffeepackungen wegschmeißen, Salzstreuer gezielt aufdrehen, Kaugummis auf Stühle von sexistischen Mackertypen kleben, Buchcover umdrehen, Sätze in Romanen unlesbar machen, Seiten in Büchern rausreißen, Sachen in Lebensmittelläden hinter andere stellen, Deutschlandfahnen aus dem Stadtbild entfernen.“

Absolut lächerlich, dass im pro-Artikel an diesem Beispiel eine Kritik an Hornscheidt vorgebracht werden soll. Was hier verschwiegen wird: Nachdem die vorgeschlagene X-Form bekannt wurde, wurden gegenüber Hornscheidt Anfeindungen und sogar Morddrohungen laut. Aber das ist natürlich nicht so schlimm, wie sich öffentlich gegen Sexismus und Diskriminierungen einzusetzen!

In meinem christlichen Selbstverständnis sehe ich überhaupt kein Problem darin, Geschlechterfragen zu diskutieren und offen zu sein für bisher nicht bekannte Anschauungen. Wenn mir Menschen aufgeschlossen gegenübertreten und eine Meinung vertreten können, ohne die Gegenmeinung zu diffamieren, dann ist es egal, welches Geschlecht (oder beispielsweise welche Religion) dieser Mensch hat. Dann kann ich in einen Dialog treten.

Im pro-Artikel spielt eine Angst mit, dass das eigene Geschlecht plötzlich keine Rolle mehr spielen und man sich nicht mehr als Mann oder Frau bezeichnen dürfen würde. Wenn es überhaupt die Angst gibt, dass man das eigene Geschlecht nicht mehr halten kann, zeigt das doch, dass die Gender-Forschung einen wahren Kern trifft.

Am Ende bleibt noch die Frage offen, ob mein Abo des pro-Magazins bestehen bleibt. Nein, denn der Versuch eines offenen Dialogs findet dort nicht statt, für mich ergibt sich daraus kein Mehrwert.

Ein großer Dank geht an dieser Stelle an Esther Hiegel, die mich im Entsehungsprozess dieses Artikels mit Anmerkungen und Gedanken tatkräftig unterstützt hat!

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5 Kommentare anzeigen

  1. Lieber nicht öffentlich

    Wegen solcher Artikel wie diesem werden wir Theologen als weltfremde Spinner wahrgenommen. Nicht, dass man sich mit der Genderfrage nicht auseinandersetzen sollte, das ist ungenommen. Aber warum GERADE die Theologie sich hier so hervorzutun versucht, statt sich auf ihr eigentliches Proprium zu besinnen ist mir ein Rätsel.
    Das Ganze hier trägt jedenfalls nicht dazu bei, dass ich mich als junger Theologe vom SeTh in irgendeiner Weise vertreten fühle.

    • Chris

      Gehören Friede und Gerechtigkeit zwischen den Menschen jedweder Gestalt nicht zu einem Kernthema des Christentums? Christen müssen sich doch sowohl kompetent in der eigenen Botschaft UND den aktuellen Debatten einmischen. Ansonsten läuft man nur einer Meinung hinterher. Sei es eine spätfeministische Kampfrhetorik oder einem populistischen Anti-Gender-Mob.

    • Ein kurzer Hinweis:

      Die Meinungen unserer verschiedenen Autorinnen und Autoren entspricht nicht unbedingt der offiziellen Meinung des SETh. theologiestudierende.de ist redaktionell unabhängig. (Der SETh hat sich soweit ich weis noch nie explizit zu dem ganzen Gender-Thema geäußert. Aber der SETh setzt sich ein für Gleichstellung verschiedener Lebensformen, z.B. hier.)

  2. Toby

    Lieber Heye,

    danke, dass du das Gender-Thema hier aufnimmst. Ich finde damit müssen sich Theologinnen und Theologen in der Tat auseinandersetzen. Das findet übrigens auch meine Studienordnung, nach der ich auch eine Veranstaltung der Gender Studies zu belegen hatte.
    Ich muss sagen, das war eine der interessantesten und aufreibendsten Lehrveranstaltungen meines bisherigen Studiums.
    So wie ich das sehe – und ich gebe gerne zu, dass mich eine Lehrveranstaltung noch nicht zum Experten macht – gründet die gesamte Gendertheorie auf der Behauptung (ja, ich meine wirklich »Behauptung«), dass die biologischen Geschlechtsunterschiede zwar vorhanden, aber gesellschaftlich völlig unbedeutend wären. Das kann man so sehen, muss man aber nicht. Aber über diesen Punkt einfach hinweg zu gehen, um dann gleich umfassende gesellschaftliche Veränderungen einzufordern, erscheint mir doch eher ideologisch als wissenschaftlich motiviert.

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