Interdisziplinär, interaktiv, idiotensicher Studieren auf Englisch
Foto: Theresa Reinhardt

Ein Auslandsjahr muss sein. Das stand schon fest, bevor ich mich überhaupt für ein Studienfach entschieden hatte. Zwei Semester lang studiere ich nun Religion and Philosophy in Hull/ England und berichte hier regelmäßig über meine Erlebnisse.

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Einer der Eingänge zum Campusgelände

Siezen: Merkwürdige Anredeform, die es schafft nötige und unnötige Distanz zwischen zwei Gesprächspartnern zu wahren.

Freitagmorgen in der Uni. Ich bin ein bisschen knapp dran und suche mir schnell einen netten Platz im Seminarraum. „Hi Paul! How are you?“ Paul schaut von seinem Computer auf: „Oh, good morning Theresa. I’m not too bad, thank you. How’s your week been?” Ich erzähle begeistert, dass ich gestern im Theater war oder jammere ein bisschen über mein Lesepensum. So unterhalten wir uns, bis doch noch ein weiterer Student eintrudelt und Paul seinerseits begrüßt. Woraufhin Paul noch mal auf die Uhr schaut und dann beschließt, die Vorlesung zu beginnen.

Paul ist einer meiner Dozenten, vor dessen Wissen und Fähigkeiten ich absoluten Respekt habe. Aber natürlich rede ich ihn mit Vornamen an. Die Frage nach dem leidigen Du oder Sie stellt sich im Englischen zum Glück gar nicht erst. Ich gebe zu, am Anfang war das merkwürdig und hat mich ein gewisses Maß an Überwindung gekostet. Aber eine Portion Ungezwungenheit und Vertrautheit kommen der Lernatmosphäre einfach unglaublich zu Gute. Und so kocht in den Tutoriumssitzungen, wenn wir manchmal nur zu dritt sind, Paul erst einmal Kaffee für alle.

Semesterwochenstunden (SWS): Maßeinheit für die Zeit, die Studenten pro Woche in Unikursen verbringen. Es besteht kein proportionaler Zusammenhang zwischen der Anzahl an SWS und dem Wissenszuwachs im Individuum.

Erstaunlich oft werde ich nicht ganz ernst genommen, wenn ich von meinen sechs Semesterwochenstunden erzähle. Dabei bin ich nicht faul, sondern habe das Maximum an möglichen Modulbelegungen ausgeschöpft. Die Module in den Geisteswissenschaften sind hier ganz einfach weniger auf Präsenzunterricht ausgelegt. Je zwei Stunden stehen den Dozenten für einen Mix aus Vorlesung, Seminar und Übung zur Verfügung. Neben den reinen Monologen wird zur Stoffvermittlung alles eingesetzt, was man sich denken kann: Von YouTube, Facebook und Twitter über wissenschaftliche Artikel und ganze Filme bis hin zu Holzfiguren. Stoffvermittlung ist hier eigentlich die falsche Bezeichnung. Die Lehrveranstaltungen bieten einen groben Überblick und eine Diskussion der Themen. Wissen sammeln muss jeder selbst. Dafür gibt es Lektürevorschläge, Filmtipps und Recherchehinweise, aus denen man auswählen kann, und jede Menge Zeit zum Selbststudium. Und da der Wissensdurst nicht bei allen Studenten gleich gut ausgeprägt ist, dienen Essays oder Präsentationen als zusätzlicher Arbeitsanreiz.

Hogwarts: Berühmte Schule für Hexerei und Zauberei, die ambitionierte Weltenretter hervorgebracht hat und mit englischen Unis vergleichbar ist.

Als ich mal wieder bis spät abends an einem Essay sitze, da die Deadline am nächsten Nachmittag droht, muss ich an Hermine, Harry und Ron denken, die auch gern bis nachts über ihren Pergamentrollen grübelten. Tatsächlich lässt sich von Hogwarts einiges über die englische Art des Studierens lernen. Neben den Aufsätzen ist da zum Beispiel Quidditch. Das gibt es in Hull und vielen anderen englischen Unis auch, neben einer großen Zahl weiterer Societies. In einer Society findet sich eine Gruppe von Studenten mit einem gemeinsamen Interesse an z.B. Türkisch, Fotografie, dem Nachstellen mittelalterlicher Schlachten, Pokemon, Game of Thrones, Katholizismus, Kochen, Libyen, Trampolin springen oder Debattieren zusammen. Man trifft sich regelmäßig um Nationalität, Sprache, Leidenschaft oder religiöse Überzeugung gemeinsam zu pflegen und darüber hinaus auch zu sogenannten Socials. Je nach Society dienen die Socials dem Etablieren einer Gruppenidentität (vorzugsweise durch Speis’ und Trank sowie Ausflüge) oder der Stärkung der Trinkfestigkeit (vorzugsweise durch exzessives Feiern). Auf jeden Fall sollte nach Möglichkeit ein Motto nicht fehlen, um den Mitgliedern die Kleiderwahl zu erleichtern. Generell ist zu beobachten, dass Studenten in England nicht allzu viel Alltagskompetenz unterstellt wird. Deshalb bieten Universitäten eine Art Muggelkunde an: Wenn die Feuerwehr mal wieder streikt, verschicken sie Mails, die darauf hinweisen, dass man in den nächsten Tagen extra Vorsicht beim Kochen walten lassen sollte. Und in den Toiletten gibt es klare Anweisungen, wie das mit dem Händewaschen tatsächlich funktioniert.

Fakultät: Gruppe zusammengehörender Wissenschaftsgebiete innerhalb einer Universität, auf die sich räumliche und fachliche Isolation negativ auswirken.

Freitagmorgen, eine Stunde später. Die Vorlesung ist vorbei und ich erkundige mich bei meinem englischen Banknachbarn, ob er den Ausführungen von Paul folgen konnte. Nicht, weil ich an seinen intellektuellen Fähigkeiten zweifle, sondern weil er ein Politikstudent ist und wir gerade eine sehr katholisch-theologische Position durchdacht haben. Konsequenterweise wird das Modul „Christentum und Politik“ von einem Theologen und einem Politologen für Religions- und Politikstudenten zusammen angeboten. In all meinen Kursen lerne ich gemeinsam mit Studenten aus Philosophie, Soziologie, Kriminologie, Psychologie, Gender Studies, Literaturwissenschaft etc. Am Anfang hat mich das Fehlen der vertrauten Theologenumgebung durchaus verunsichert. Inzwischen genieße ich den Fachrichtungsmix einer Campus-Universität, wo man in der Bibliothek von wildfremden Tischnachbarn angesprochen wird. Ich genieße den Austausch in den Kursen, wo Studenten fremder Disziplinen mit ihren Fragen und Antworten neue Perspektiven auf mein eigenes Fach eröffnen. Und ich stehe vor der Herausforderung, theologische Einsichten und Positionen mit fachfremden Studenten zu diskutieren. Ein Freund zeigte mir neulich alle möglichen faszinierenden Chemieexperimente und fragte mich dann, was man Cooles mit Theologie machen kann. Eine zufriedenstellende Antwort bin ich ihm noch schuldig geblieben.

Definition: Sichtweise auf einen bestimmten Aspekt der Welt, die manchmal erstaunlich allgemeingültig ist, gelegentlich aber auch der Überarbeitung bedarf.

Mit Paul und dem Politikkommilitonen diskutiere ich noch eine Weile über die Vorzüge katholischer, evangelischer oder gar keiner theologischen Prägung für unseren Kurs. Es ist gut, sich immer und überall immer mal wieder Unterschiede und Gemeinsamkeiten vor Augen zu führen. Um eine gewisse Demut und Gelassenheit zu entwickeln: Es geht auch anders – meine Varianten zu studieren oder eine Lasagne zuzubereiten, sind ja doch nicht die einzigen, die gut funktionieren! Aber so anders ist anders oft gar nicht – hier schwänzen die Studenten genauso ihre Kurse (obwohl es immer Anwesenheitslisten gibt) und Lasagne schmeckt überall.

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Die Toiletten bieten nicht nur übertriebene Hinweisschilder, sondern z.T. auch Ganzkörperspiegel und mit Bewegungssensoren ausgestattete Seifenspender. In der frischrenovierten Bibliothek sind sie übrigens alle genderneutral.

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