Moment mal: Von Lichtschwertern und Drachen
Foto: Skitter Photo

Ich bin da letzte Woche im Moment mal von Philipp über einen Satz gestolpert, und zwar, wie er sich darüber ausließ, dass doch nicht jede Kirche eine große Orgel brauche. Im Grunde hat er da nicht unrecht – kleine Orgeln langen auch mal. Aber mir kommt da auch in den Sinn, dass ich immer wieder von Kommilitonen und Freunden hören muss, dass Orgeln doch vollkommen veraltet seien: wer spielt die heute noch, hören will die doch kaum noch jemand. Wer solche Sätze sagt, von denen gewinne ich den Eindruck, dass sie die Orgel gar nicht richtig kennen. Sie kennen die Orgel nur aus den sonntäglichen Gottesdiensten und der Begleitung der Gemeinde und das in leider viel zu vielen Fällen ohne professionellen Organisten oder Kantor.

Dabei kann die Orgel so viel mehr! Geht mal in Konzerte, hört euch an, was die Orgel kann, oder besser noch, fragt mal euren Organisten, ob ihr mal Unterricht darauf haben könntet. Als Tochter eines ehemaligen Kantors bin ich mit Orgelmusik groß geworden, hatte zu Schulzeiten selbst Orgelunterricht und heute begleite ich noch meinen Vater zu seinen Konzerten und registriere ihm. Ich gebe zu, als ich zu Schulzeiten Unterricht hatte, war ich auch nicht wirklich vom Instrument überzeugt, ich habs gemacht, weil ich nicht nur zwei Hände koordinieren musste, sondern zwei Hände UND zwei Füße, das fördert die Konzentration. Außerdem hat mein Lehrer damit umgehen können, dass ich nicht geübt habe – in der Zeit habe ich sehr viel Musiktheorie gelernt, um improvisieren zu können, das hat mir richtig Spaß gemacht.

Aber zurück zur Orgel, wie gesagt, als Instrument hatte sie mich nicht überzeugt, ist ihr Klang doch manchmal einfach — irgendwie langweilig. Bei einer kleinen Orgel mag das der Fall sein. Ist die Orgel schon etwas größer, ist auch eine größere Vielfalt der Pfeifen gegeben, da tauchen dann Zungen auf und auf einmal merkt man, dass man im Prinzip ein ganzes Orchester vor sich hat und man es ganz alleine spielen kann! Oder aus der anderen Perspektive: da sitzt ein einziger Mensch an der Orgel und gibt mir ein Konzert, das ein ganzes Orchester wiederspiegelt.

Warum ich heute darauf eingehe? Genausogut könnte ich fragen, warum ich ausgerechnet über den Satz bei Philipp gestolpert bin. In meiner Heimatgemeinde haben wir einen neuen ganz jungen Organisten, der frisch mit seinem Studium der Kirchenmusik angefangen hat, aber schon so begeistert Orgel spielt, dass er am vergangenen Sonntag den Gottesdienst in einen Film mit Musik von John Williams verwandelt hat, da flammten Lichtschwerter auf und Drachen und Fahrräder flogen durch die Luft — eine für mich ganz neue Erfahrung eines Paul Gerhardt Liedes. Wir sangen von Vertrauen zu Gott und der menschlichen Unart sein eigenes Leid noch größer zu machen, indem man in der Traurigkeit aufgeht, und das Vertrauen zu Gott verliert. Wir sangen von Gottes Gnadenwille und davon, dass er weiß, was uns gut tut und uns mit Guten beschenkt, wenn wir es am wenigsten erwarten. Ich freue mich auf meinen nächsten Gottesdienstbesuch.

Wenn ihr also das nächste Mal wieder denkt, dass der Organist und die Orgel doch vollkommen unnütz im Gottesdienst sind, dann bedenkt doch bitte, dass nicht nur das gesprochene Wort ein Wort ist, sondern dass auch in Musik sehr viel Theologie sein kann.

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2 Kommentare anzeigen

  1. Weil Du das Orgelthema noch mal aufgenommen hast, hier in aller Kürze, aber ausführlicher als im Moment mal letzte Woche.

    Ich bin ein Freund der Orgelmusik. Ich bin in einer Kirchenmusikhochschule aufgewachsen und trotzdem mir großartiges musikalisches Talent abgeht, weiß ich darum, wie wichtig es ist, gute Instrumente in den Kirchen zu Verfügung zu haben. Ich weiß auch, dass viele Kantoren ihr Herz an ihre Orgeln hängen und sich mit aller Kraft um sie bemühen. Ich weiß auch, dass viele Gemeinden bei Orgelsanierungen erstaunliche Spendensammlungen auf die Beine stellen (da könnten wir uns beim Weltgebetstag [übrigens nächstes Wochenende] und anderen Spendenzwecken, die weiter an der Perepherie liegen, etwas abschneiden!). Das ist alles ja nicht per se schlecht.

    Zwei Dinge halte ich aber für bedenkenswert:

    1) Nicht auf jedem Dorf muss ich eine alte Orgel teuer sanieren. Es gibt auch elektrische Orgeln, die gerade kleine Kirchenräume gut ausfüllen und über erstaunlich guten Klang und eine große Vielfalt an Stimmfarben verfügen. Außerdem sind die erheblich leichter zu warten, vor allem in kleinen Kirchen mit problematischen Heizungen.

    2) Finde ich folgenden Widerspruch ganz erstaunlich: Wir haben sehr teure Instrumente (die Metapher kann man aber auf viele Bereiche der kirchlichen Arbeit ausdehnen), die Leute die daran und damit arbeiten müssen, sind aber grandios unterbezahlt! Wir sollten statt in Technik, die Kosten über Kosten noch Jahre später nach sich zieht, lieber in die Menschen investieren, die Kirche zu einem Ort machen, an dem man sich beheimaten kann! D.h. auch unsere Kirchenmusiker anständig bezahlen!

  2. Spassheide

    Wenn, wie in der Gemeinde, in der ich groß geworden bin, so ein überdimensioniertes Protzteil hingestellt wurde, obwohl niemand da war, der es wirklich spielen konnte und zur Anschaffungszeit das Kirchendach regelmäßig undicht war (eine Dachsanierung erfolgte erst ca 25 Jahre später!), dann fragt man sich schon – und da war ich nicht der einzige – , ob die Entscheidungsträger beim Setzen der Prioritätenliste nicht alle Pfeifen in der Orgel hatten.

    Man konnte ganz klar vom Prestigeobjekt des damaligen Pastors sprechen (wer hat die fetteste in seiner Gemeinde).
    Und von den Spendern!
    Während man beim Dach vielleicht nur namentlich im Kirchenblättchen erwähnt wird, konnte man schön mit der Pfeifengröße seinen vermeintlichen sozialen Status und die Affinität zum Bildungsbürgertum heraushängen lassen.

    Auch in der Kirche kann man eitel sein. Das erklärt auch, warum bei einer Orgelspende mehr bei herum kommt als beim Weltgebetstag.

    Die Kirchesteuern flossen aus einer scheinbar nie versiegenden Quelle und man konnte sich damals aufgrund des Mitgliedschaftsautomatismus nicht im Geringsten vorstellen, dass die Kirchenmitglieder mal weniger als 95% der Gesamtbevölkerung ausmachen könnten. So hat man natürlich im Westen in seiner saturierten Selbstherrlichkeit unbetrübt flächendeckend solchen Hobbies gefröhnt.
    Tja, und dann kam der Sünden – äh – Mauerfall und die Vertreibung aus dem Paradies.

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