Wie wir uns mit einer Gruppe identifizieren
Der zerknirschte Zöllner mit dem Pharisäer. St. Margarethen-Kirche, Waldkirch. Gemeinfrei

In meiner Einleitungsvorlesung zum Neuen Testament wurden die sogenannten „jüdischen Gruppierungen zur Zeit Jesu“ relativ knapp abgehandelt, obwohl sie eine extrem wichtige Rolle für die jüdische Identität der damaligen Zeit und auch besonders für die aufstrebende Jesusbewegung spielen.

Zur Zeit Jesu, also am Anfang des ersten nachchristlichen Jahrhunderts (die Zeitrechnung kommt an ihre Grenzen) und auch schon früher, fällt es schwer, von einem Judentum zu sprechen. Verschiedene Gruppierungen bestimmen den Alltag. Exemplarisch seien hier die Sadduzäer und Pharisäer genannt.

Während die ersteren grob gesagt den Tempelkult in Jerusalem (bis zur Zerstörung im Jahr 70 n. Chr.) aufrechterhielten, den Priesteradel stellten und durch ihre strenge und genaue Toraobservanz auffielen, kann man die Pharisäer eher als eine Art Laienbewegung bezeichnen, die sich zwar auch grundsätzlich an die Tora hielten, allerdings auch eine große mündliche Tradition überlieferten und sich so deutlich von den Sadduzäern unterschieden. Im Mittelpunkt stand bei ihnen die Heiligung des Alltags. Ein großer Streitpunkt war die Anerkennung der prophetischen Schriften außerhalb des Pentateuchs, was den Sadduzäern im Gegensatz zu den Pharisäern sauer aufstieß (für einen guten Überblick seien die TRE-Artikel zu den beiden Gruppierungen wärmstens empfohlen). Nach der Tempelzerstörung ging vermutlich zumindest ein Teil (auch das ist extrem vereinfacht ausgedrückt) des pharisäischen Judentums in das rabbinische über.

Für christliche Theologie ist es besonders interessant, wie das Neue Testament über diese Gruppierungen in Abrenzung zu Jesus und seinen Jünger_innen berichtet.

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Der zerknirschte Zöllner mit dem Pharisäer. St. Margarethen-Kirche, Waldkirch. (Gemeinfrei)

So steht etwa in Lukas 18:

Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. (nach Luther 1984)

Hier findet man ein wunderbares Beispiel für tendenziöse Berichterstattung im Neuen Testament. Der Pharisäer des Gleichnisses wird völlig überspitzt karikiert („ich faste zweimal in der Woche“) und erscheint im Gegensatz zu dem Zöllner, der im NT ebenfalls eine stark negative Konnotation mitbringt, sogar noch schlechter. Er wird stilisiert als ein Heuchler.

Das bringt mich zu einem bis in die heutige Zeit aktuellen Punkt: Indentifizierung mit der eigenen Gruppenzugehörigkeit funktioniert am besten mit der Erniedrigung und Bloßstellung der anderen. Wir gegen die. Das konnte man an der Kriegsmetaphorik während der letzten WM ablesen (Deutschland hat X geschlagen). Das funktioniert auch, wenn Menschen auf die Straße gehen, um gegen das für sie Fremde zu demonstrieren. Sie nennen sich dann „patriotische Europäer“ und definieren sich über die Ausgrenzung des gemeinsamen Feindbildes, in diesem Fall der „Islamisierung“. Wie falsch sie damit liegen, muss ich hier nicht erwähnen.

Doch zurück zu Lukas: Natürlich, es ist furchtbar einfach, die Jesusbewegung durch ein negatives Bild der Pharisäer zu stärken, außen vor bleibt dabei jedoch der vielleicht gar nicht so unterschiedliche gemeinsame Hintergrund. Die Pharisäer zeichneten sich ja gerade dadurch aus, dass sie nicht nur die Tora für ihren Alltag achteten, sondern ebenfalls auf mündliche Tradition zurückgriffen – ein Punkt, der der Jesusbewegung eigentlich nicht fremd sein dürfte. Auch gibt es schon vor dem NT, in einer der jüngeren Schriften des AT, genauer in Dan 12,2, eine endzeitlich Gerichtsvorstellung, die zumindest Gemeinsamkeiten mit dem christlichen Glauben aufweist.

Derartige Details findet man nicht durch Abgrenzung, sondern durch einen Dialog und Verständigung auf Augenhöhe. Die eigene Identität bleibt davon unberührt. Das bringt mich zu einem schwierigen Punkt. Ich als Pegida-Gegner identifiziere mich ja auch in gewisser Weise durch Abgrenzung von denjenigen Menschen, die dort in Dresden und einigen anderen Städten mitlaufen. Gegendemonstrationen zeigen ganz deutlich, dass es mehrere Lager gibt und dass diese nicht so einfach vereinbar sind.

PhariseeSollen wir jetzt mit Pegida-Menschen in einen Dialog treten? Auf jeden Fall, ja. Dass Gewalt nicht immer Gegengewalt erzeugen muss, zeigt uns schon der Jesus der Evangelien in der Bergpredigt (Mt 5,39). Wenn wir uns gegenseitig ignorieren, geilen wir uns am Ende nur an unserer eigenen Meinung auf (das gilt für Anhänger von Pegida und Nopegida gleichermaßen) und kommen keinen Schritt weiter. Vielleicht ist es schon zu spät für einen Dialog, wenn die Menschen erst einmal auf der Straße sind. Mag sein, aber einen Versuch ist es wert.

Gleichzeitig plädiere ich aber auch an alle Theolog_innen da draußen: Es ist eure Aufgabe, in euren Gemeinden, sei es in Predigten, Kindergruppen oder gar im Religionsunterricht, Ressentiments und Vorurteile abzubauen. Selbst, wenn die aktuelle Generation in ihrem Denken nicht mehr verändert werden kann, so gibt es die Chance, dass die nächste zu einer weltoffeneren und toleranteren wird.

Vorurteile gegenüber den Anderen müssen frühzeitig erkannt, diskutiert und im besten Fall aus dem Weg geschafft werden. Pluralität in unserer Gesellschaft ist wichtig und wir müssen die dumpfen Parolen von rechts nicht einfach so im Raum stehen lassen.

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4 Kommentare anzeigen

  1. Ich finde es spannend, wie in der Apostelgeschichteversion des jerusalemer Apostkonvents (Acta 15) auf Christusgläubige aus der Gruppe der Pharisäer hingewiesen wird in einer relativ unpolemischen Notiz.
    Die sind ganz dabei und ihre Bedenken werden ernst genommen, aber sie lassen sich auf das Gespräch ein und unterstützen die gesetzesfreie Heidenmission, wenn die größten Ekelgrenzen (für damalige jüdische Menschen) eingehalten werden.
    „Die Anderen“ sind also auch immer schon irgendwie dabei und beeinflussen unsere Position. Das überhaupt mal zuzugeben, ist vielleicht ein Anfang für Begegnung.

    • Bei deinem letzten Absatz stimme ich zu. Inwiefern sich eine derartige Kompromisslösung auf Pegida übertragen lässt, bezweifle ich dennoch.

      • Ja, aber da wäre die Frage, ob deine Analogie von Jesus-Bewegung und Pharisäern zu Kirche und Pegida überhaupt zieht.
        Die Pharisäer und Jesus waren sich in vielen Dingen einig – deswegen die Polemik, weil man um dieselben Leute rang.
        Der entscheidende Unterschied war die Frage nach Reinheit/Unreinheit und damit die Frage der Grenzen der Gruppe.
        Diese Grenzen sind bei Pegida so stark festgelegt, dass man das nur ideologisch angreifen kann und unterhöhlen muss.

        Die Unterscheidung zwischen Gruppe und Menschen ist mir schon wichtig. Wer ist denn Pegida? Die OrganisatorInnen? Dann würde ich keine Energie in Diskussionen „mit Pegida“ verschwenden – alleine schon, weil ich nicht glaube, dass sie ehrlich daran interessiert sind.
        Aber mit Menschen in meinem Umfeld und darüber hinaus, denen ich begegne, rede ich – selbst wenn ich es nicht gerne tue, verlangt das eine auf Feindesliebe ausgerichtete Gesprächskultur.
        Hier gibt es aber auch die Möglichkeit tatsächlich zu überzeugen, wenn das Gespräch so geführt wird, dass das Gegenüber seine Meinung auch ändern darf und eben nicht darauf festgelegt wird.
        Aber „mit Pegida“ zu diskutieren wäre naiv, und das ist Feindesliebe eben nicht. („Siehe, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe, seid klug wie Schlangen, und unschuldig wie Tauben“ Mt 10,16)

        • Ich würde aber nicht so über das Problem rüberbügeln. Ich möchte ja gerade darauf hinweisen, dass wir ein Problem bei der Berichterstattung gibt. Und zwar auf allen Seiten – dann greift die Analogie doch wieder.

          „Wir“ gegen Pegida, „Pegida“ gegen uns. Urchristentum gegen Pharisäer. Oder ganz aktuell: Impfbefürworter gegen Impfgegner. Max und ich haben bei Sag Mal drüber gesprochen: http://www.theologiestudierende.de/2015/03/04/sag-mal-35-der-bremer-predigtstreit-und-die-impfgegner/

          Dass der Pharisäervergleich vielleicht nicht 1:1 auf heute passt, ist wohl eher ein textkritisches Phänomen, da uns objektive Zeugen der damaligen Zeit einfach fehlen (dann müssen wir aber noch diskutieren, wie objektiv wir heute sind).

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