Kopenhagen Review
Beliebter Ort für Touris, aber im Sommer sitzen hier auch Studierende mit ihrem Bier - Nyhavn

Sieben Gründe, warum sich ein Auslandssemester in der dänischen Hauptstadt lohnt.

1. Eine Stadt zum Leben

Beliebter Ort für Touris, aber im Sommer sitzen hier auch Studierende mit ihrem Bier – Nyhavn

Beliebter Ort für Touris, aber im Sommer sitzen hier auch Studierende mit ihrem Bier – Nyhavn

Jeder, der einmal in Kopenhagen war, weiß um die wunderbare Atmosphäre dieser Stadt. Schlösser, schicke moderne Gebäude am Wasser, Altstadtgassen und hippe Kneipen und Cafés in den ganz unterschiedlichen Stadtvierteln. Diese Stadt ist voller Leben und voller Lebensqualität. Sie atmet Hauptstadtflair und ist trotzdem nicht überfüllt. Zum Meer ist es nirgendwo weit und im Sommer laden tolle Strände zum baden ein.

2. Willkommen in der Zukunft

Dass Kopenhagen ein Paradies für Radfahrer ist, hat sich bereits weit herumgesprochen und was man so hört, ist nicht übertrieben. Es ist ein wunderbares Gefühl, auf den zweispurigen Radwegen durch die Stadt zu flitzen, in den gut durchdachten S-Bahnen sein Rad transportieren zu können und zu merken: Die Stadtplaner hier haben im Gegensatz zu vielen deutschen tatsächlich mitgedacht. Dass auch Fahrradstädte Probleme haben, wenn auch anderer Art, merkt man, wenn man das erste mal zur Rushhour im Fahrradstau steht. Oder wenn man den Fehler macht, sich in ein Auto zu setzen, das dann wegen des Stroms der geradeausfahrenden Radfahrer minutenlang darauf wartet, abbiegen zu können. Futuristisch wirken auch manche sehr moderne Stadtviertel, der freie W-Lan Zugang in öffentlichen Verkehrsmitteln, die führerlose Metro und die Tatsache, dass kaum jemand mit Bargeld bezahlt, auch nicht für den Schokoriegel oder das Metroticket.

3. Hygge

Hygge, das bedeutet ungefähr: Gemütlichkeit. Konsequenterweise gibt es auch ein passendes Adjektiv (hyggelig) und Verb (at hygge sig – ungefähr: es gemütlich haben/es sich gemütlich machen) dazu. Dieses Wort hört man ständig aus dänischem Munde, egal ob es um einen gemeinsamen Brunch oder eine Geburtstagsparty geht. Ein Ereignis ist nur dann gelungen, wenn es „hyggelig“ war. Zu echter dänischer Hygge gehört Kaffee und Kuchen. Besonders schön finde ich diese Sitte, wenn sie sich bis in die Uni hinein fortsetzt und man nach einem anstrengenden Vormittag in der Bibliothek im Seminar erstmal mit Kaffee, Tee und Keksen versorgt wird. Den Kaffee kochen Professoren in Dänemark übrigens selbst, nicht ihre Sekretärinnen. Womit wir beim nächsten Punkt wären.

So ist studieren schön – die königliche Biblitohek

So ist studieren schön – die königliche Bibliothek

4. Hierachien, nein Danke

Welchen akademischen Titel jemand trägt, spielt in Dänemark kaum eine Rolle. Man redet sich ohnehin grundsätzlich mit Vornamen und Du an. Kommunikation auf Augenhöhe, ach, wie ich das back in germany vermissen werde …

5. Kierkegaard

Kopenhagen ist eine Pilgerstätte für Kierkegaard-Fans. Es gibt Japaner und Chinesen, die allein aus dem Grund diese kleine Sprache lernen, um Kierkegaard im Original lesen zu können. Ans Original habe ich mich zwar bis zum Schluss nicht heran getraut, aber dennoch: Wer etwas über diesen großartigen Philosophen lernen möchte, ist hier gut aufgehoben, es gibt sogar ein eigenes Kierkegaard Institut, das an die theologische Fakultät angegliedert ist. Was Kierkegaards Philosophie so besonders macht ist, dass man die ganze Zeit das Gefühl hat, es geht ums eigene Leben, um den Menschen. Ein Gefühl, dass bei Kant und Hegel noch nicht recht aufkommen wollte.

6. Die Volkskirche

In Dänemark sind ca. 78 Prozent Mitglieder der Volkskirche. Ähnlich wie in Westdeutschland äußert sich eine so hohe Mitgliedszahl keineswegs in allsonntäglich vollen Kirchen. Etwa zwei Prozent der Kirchenmitglieder besuchen regelmäßig einen Gottesdienst. Trotzdem: Christ zu sein ist für viele Dänen immer noch teil ihrer Identität, die weitaus meisten Dänen bezeichnen sich als Christen, auch solche, die sagen, sie glauben nicht an Gott. Kirchenfeindliche Tendenzen gibt es so gut wie gar nicht, die meisten Dänen schätzen ihre Kirche, die man ab und zu ja doch mal braucht. Konfirmation ist beispielsweise eine große Sache in Dänemark. Staat und Kirche sind eng verquickt, die Kirche führt für den Staat das Standesregister, wird dafür aber weitgehend staatlich verwaltet, die Königin muss die Gesangbücher genehmigen und allsonntäglich gibt es eine Fürbitte für diese ehrwürdige Dame und ihre Familie. All das hat natürlich auch schwierige Seiten: Die Kirche genießt kaum Selbstständigkeit, es gibt beispielsweise auch keine Synoden. Und dass dänische Identität so stark mit dem protestantischen Christentum verknüpft ist, macht die Integration von Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften natürlich nicht gerade leicht. Das Land gibt sich häufig bewusst offen und tolerant, islamophobe Tendenzen und die nationalistische Partei „Dansk Folkeparti“ sind aber gerade in letzter Zeit sehr stark.

Blick auf Christiansborg, Sitz des dänischen Parlaments, und die alte Börse

Blick auf Christiansborg, Sitz des dänischen Parlaments, und die alte Börse

Warum ist all das jetzt ein Grund, nach Dänemark zu gehen? Ganz einfach: Um eine andere kirchliche und gesellschaftliche Realität kennenzulernen.

7. Wie funktioniert Uni woanders?

Nicht zuletzt lernt man durch ein Auslandssemester, egal wo, neue akademische Methoden kennen. In Kopenhagen heißt das: Wenig Präsenzunterricht, viel Zeit zum selber Lesen. (Endlich mal ganze Bücher und nicht nur „Texte“! Endlich mal Zeit zum vertiefen!) Hausarbeiten im Semester schreiben. Zu merken, dass es geht, auf Englisch zu studieren und sogar auf Dänisch. Nur Seminare und viele Diskussionen anstatt Vorlesungen. Und, und, und …

Die Autorin kehrte vor einigen Wochen mit leerem Portemonnaie, aber voller Eindrücke und Erfahrungen aus ihrem Erasmus-Semester nach Deutschland zurück. Immer noch ist Erasmus unter Theologiestudierenden nicht gerade beliebt. Hoffentlich kann der Artikel dem ein oder andern ein bisschen Lust machen, diesen Schritt zu wagen.

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Ein Kommentar

  1. Na wenn das mal keine Lust auf ein Auslandsjahr macht!

    Ich finde das ja faszinierend, was du über das lockere Uni-Klima erzählst, mit vielen Diskussionen und Schmökerstunden. Das klingt echt verlockend.

    Und dabei muss man noch sagen, dass die Theologie in Deutschland eines der „lockersten“ Studienfächer mit der höchsten Seminar-zu-Vorlesung-Quote ist. Wenn ich mir anschaue, wie die Lehrämtler von Schein zu Schein hetzen müssen, dann bin ich schon ganz dankbar für das, was wir in der Theologie hier (noch?) haben.

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