Moment mal: Gott? Der ist doch längst Geschichte!

Einen ganz beträchtlichen Teil unseres Studiums nimmt ja die Beschäftigung mit der Theologiegeschichte ein. Ein Freund äußerte mir gegenüber einmal seinen Eindruck, Theologen würden weniger Gott und die Bibel als das vornehmliche Zeugnis von ihm studieren, als vielmehr andere Theologen. Ich finde, diese Fremdwahrnehmung ist nicht unberechtigt. Doch sie ist mehr als ein Armutszeugnis.

Schließlich betreiben wir mit der Theo-Logie die Rede von nicht irgendeinem Gott. Wir beschäftigen uns mit der Kunde und dem Wesen des Gottes, der sich in Jesus Christus und damit in der Geschichte offenbart hat. Wir »studieren« einen Gott, der in unsere Geschichte eingetreten ist.

Gott wurde Geschichte, auf dass wir in ihm eine Zukunft haben.
Doch Gott ist nicht nur selbst in die Geschichte eingetreten, er wirkt auch durch die Geschichte. Er spricht durch das niedergeschriebene Zeugnis seiner Gegenwart und durch die Erfahrungen, die Menschen mit ihm machen. Er spricht auch im Studierzimmer der Theologen, mögen deren Gedanken manchmal auch etwas abstrakt und lebensfern daherkommen.

Bei einem Theologen der jüngeren Theologiegeschichte habe ich neulich ein Zitat gefunden, das mir zu denken gibt. Adolf Schlatter kritisiert m.E. zu Recht die Herabwürdigung einer Sache als Folge einer religionsgeschichtlichen Untersuchung derselben:

»Das rationalistische Urteil, daß ein Gedanke dadurch widerlegt sei, daß er eine Geschichte hatte, hat aber nur für den beweisende Kraft, der vergißt, daß alle unsere Gedanken durch Geschichte entstanden sind und nicht irgendwo abseits von der Bewegung unseres Lebens in fertiger Vollendetheit existieren.« (Schlatter, Adolf: Das christliche Dogma. Mit einem Vorwort von Wilfried Joest, 3. Auflage, Stuttgart 1977, 258)

Es scheint mir, religionsgeschichtliche Fragestellungen haben einen natürlichen Hang, den Untersuchungsgegenstand so (zeitlich) einzuhegen, dass er mir im Hier und Jetzt nicht mehr zu nahe kommen kann, dass er mir für heute nichts mehr zu sagen hat. Wenn sich etwas nachweislich auch durch den Einfluss eines kulturellen Umfeldes erklären lässt, kann es ja nicht von zeitloser, ewig gültiger Qualität sein, so zumindest die implizite Konsequenz.

Gott aber hat mit der Geburt Jesu unmissverständlich klargestellt: die Ewigkeit ereignet sich in der Geschichte. Er hat die Geschichte – auch unsere angesichts seiner Größe ziemlich kümmerlichen Lebensgeschichten – für würdig befunden, ihn zu bezeugen.

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