Zwischen Silent Night und Rocking around the Christmas Tree Englische Weihnachten
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Adventsprozession in der Holy Trinity Church Hull

Ein Auslandsjahr muss sein. Das stand schon fest, bevor ich mich überhaupt für ein Studienfach entschieden hatte. Zwei Semester lang studiere ich nun Religion and Philosophy in Hull/ England und werde hier regelmäßig über meine Erlebnisse berichten.

Kerzen und Feuerwerk

In der Kirche ist es still und dunkel. Nur von draußen fällt das orange Licht der Straßenlaternen durch die großen Fenster. Die Säulen erscheinen höher als sonst, der ganze Raum weiter und geheimnisvoller. Schatten kahler Bäume bewegen sich an den Wänden entlang, während die im Altarraum versammelten Gottesdienstbesucher enger zusammenrücken. Der vertraute Kirchenraum wirkt fremd und ehrfurchteinflößend an diesem ersten Adventsabend. Dann wird die erste Kerze entzündet und mit dem Licht, das einer dem anderen weiterreicht, kehrt ein Stück Vertrautheit zurück.

Da war noch ein anderes Licht, grell, laut und bunt: Christmas-Light-Switch-On Hull 2014! Das Einschalten der öffentlichen Weihnachtsbeleuchtung ist ein in seiner Bedeutsamkeit kaum zu unterschätzendes Ereignis. In Hull versammelten sich tausende Menschen in der Innenstadt, um in Vorbereitung auf den großen Moment „Hulls very own Elvis Presley“ sowie einem dramatischen Männerquartett zu lauschen. Gemeinsam zählten sie den Countdown bis zum Erstrahlen der Stadt im weihnachtlichen Glanz und tanzten dann begeistert zu den traditionellen Weihnachtshits, während die Beleuchtung prompt noch durch ein Feuerwerk übertrumpft wurde. Die Swing Dance Society der Universität war mit dabei und auch wenn unser Aufritt nicht ganz wie geplant zu Stande kam, wurden wir immerhin für die Season’s Greetings engagiert. Dabei handelt es sich ganz simpel um Weihnachtsgrüße, in diesem Falle im Videoformat von der Universität aus organisiert. Seht selbst:

Gewänder und Strickpullis

Durch die Kirche klingen inzwischen Adventslieder. Eine Prozession hat sich gebildet, die singend langsam durch das Hauptschiff zieht. Ich habe trotz des geringen Tempos ein bisschen Mühe mit den anderen Schritt zu halten, da ich mit den unbekannten Liedtexten in der einen, der Kerze in der anderen Hand und dem Bemühen nicht über irgendeine Stufe zu stolpern gut beschäftigt bin. Von den Melodien ist mir keine einzige vertraut, sodass ich mich ziemlich unadventlich fühle. Trotzdem überwältigt mich die Feierlichkeit der Szenerie. Wo wir mit unseren Kerzen wandern, leuchtet über uns die goldene Deckenbemalung auf. Und der Chor, der in weiß-roten Gewändern würdevoll voranschreitet, tut sein Übriges.

Da war noch eine ganz andere Kleidungsweise, bunt und verrückt: Christmas jumper! Besagte Swing Dance Society arbeitet eng mit der lokalen Huller Swing Dance Gruppe zusammen und konnte sich deren Weihnachtsfeier natürlich nicht entgehen lassen. Also habe auch ich mich, nachdem ich bereits diverse Christmas dinner absolviert hatte (Englische Studenten können ja doch kochen! Sogar einen richtig schmackhaften Truthahn!), noch zu dieser Veranstaltung aufgemacht. Und da waren auf einmal überall Strickpullover. Und nicht irgendwelche, sondern solche mit flauschigen Schneemännern oder knubbeligen Rentiernasen drauf. Vom Studenten bis zur Rentnerin präsentierten alle stolz ihren hübschesten Christmas jumper, gern auch in Kombination mit einer Jingle Bells quietschenden Krawatte oder einem Hut in Brathähnchenform.

Wasser und Sherry

In der Kirche haben wir inzwischen Prophezeiungen gehört und Versprechen. Wir haben die Kanzel passiert, die Ebola-Infotafel und die Ecke, die als Abstellkammer dient. Bei den Kapellen haben wir gebetet und an jeder Station wurde ein großes Licht mehr eingeschaltet. Irgendwo im Halbdunkel versuche ich nicht mehr alle Worte der Gesänge zu verstehen, sondern höre nur noch die Sehnsucht, die aus ihnen spricht. Ich hätte ewig am Taufbecken stehen und mich im klaren Wasser der alten Steinschale verlieren können.

Und da war noch eine andere Flüssigkeit, in der sich manch einer verloren hat: Sherry! Die schon erwähnte Swing Weihnachtsparty versuchte durch allerlei lustige Tanzaktionen, Weihnachtsgebäck und Sherry noch bessere Laune zu verbreiten, als zu den normalen Unterrichtsstunden sowie so herrscht. Sherry gehört einfach mit zur Tradition, zumindest für die älteren Generationen. Und da die Briten, wie früher schon angedeutet, nicht unbedingt zurückhaltend trinken, rollten sich alsbald drei Frauen mittleren Alters zu Tränen lachend, bäuchlings über den Boden.

Weihnachtsbäume

In der Kirche haben wir die Adventsprozession inzwischen fast beendet. Von allen nur möglichen Lichtern erleuchtet, strahlt der Raum fast blendend und nahezu übermütige Freude macht sich breit. In den Gesichtern um mich herum stehen Glück und Erleichterung über die Helligkeit, die der Advent verspricht, geschrieben. Wir haben uns um den imposanten Weihnachtsbaum versammelt, unter dem sogar schon ein Berg von Geschenken liegt. Die Baumbeleuchtung ist das letzte Licht, das jetzt noch eingeschaltet werden muss.

Da waren auch noch andere Weihnachtsbäume: Christmas Tree Competition! Ein kleiner Nachbarort von Hull veranstaltet alljährlich ein sogenanntes Weihnachtsmarktfestival. Dauerhafte Weihnachtsmärkte sind nur in den großen Städten üblich, in den meisten anderen Gegenden muss man sich mit einzelnen Veranstaltungen begnügen. So auch in Beverley: Für einen Sonntag lang wurde eine ganz ordentliche Anzahl von Ständen aufgebaut, Livemusik gespielt, ein Festumzug organisiert und falscher Schnee in die Luft gepustet. Das bei weitem Interessanteste spielte sich allerdings im schon an sich beeindruckenden Münster ab. Dort hatten Vereine, Schulklassen und Unternehmen ungefähr 70 Weihnachtsbäume dekoriert und ausgestellt, die nun darauf warteten, von den Besuchern bewertet zu werden. Von Werbeflyern und Riesenspinnen, über Haarbürsten und englisches Frühstück, bis hin zu Coffee-To-Go-Bechern war alles in den Bäumen zu finden.

Sehnsucht

In der Kirche strömen die meisten Gemeindemitglieder lachend in Richtung Kaffeeausschank. Aber mir ist im Moment gar nicht nach Smalltalk. Ich blicke zum Dach des Kirchenschiffes, doch die Decke reflektiert nicht mehr golden, sondern scheint nur noch hellblau. Drinnen ist es inzwischen so hell, dass draußen völlige Finsternis zu herrschen scheint. Die unbestimmte Sehnsucht, die die Adventsprozession in mir geweckt hat, treibt mich leise hinaus. Die Kirche strahlt in die Nacht und über mir spannt sich ein Netz aus kleinen Lichtern die komplette Fußgängerzone entlang. Ein bisschen erinnert das an den weiten Sternenhimmel einer klaren Gebirgsnacht und meine Sehnsucht wächst.

Zu Hause zu Hause (also in Deutschland) begrüßt mich meine Familie mit Mistelzweig, Weihnachtshütchen, Guinness und Fish& Chips. Nach England brauche ich mich da schon mal nicht zurückzusehnen.

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Im Münster von Beverley scheint es sich, nach diesem Weihnachtsbaum zu urteilen, gut arbeiten zu lassen.

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