Moment mal: Bin ich Charlie Hebdo?
Charlie Hebdo, Carlos Latuff

Bildunterschrift: „Hey Reuters, es gibt noch ein Opfer!“ Carlos Latuff, Charlie Hebdo via Middle East Monitor

(Dieser Artikel steht auch als Kontrapunkt zur Verlautbarung der Redaktion. Ich bin an einer Diskussion hierüber natürlich interessiert)

„Hallo Du, meinst Du nicht, dass Du langsam was zum Review freigeben müsstest …“ schreibt mir Corinna, die für die „Moment Mal“-Kolumne zuständig ist, Sonntagnachmittag.

Ja, müsste ich.

Aber da sitze ich in der Bredouille, denn ich kann zur Zeit keinen Gedanken auf den geplanten Text zu Doctor Who verwenden, weil in Frankreich bei zwei in Verbindung stehenden Terroranschlägen insgesamt 16 Menschen getötet wurden und über was anderes zu schreiben wäre ja irgendwie feige.

Seit Mittwoch lese ich eigentlich nur noch Artikel, die auf den Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo und die Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt in Paris reagieren.

Vieles ist noch unklar, aber eins ist jetzt schon sicher: Diese Anschläge werden Frankreich und Europa (und dadurch die Welt darüber hinaus) verändern. Die Taten selbst, aber noch viel mehr die Geschichte(n), die darüber erzählt werden und die Konsequenzen, die daraus gezogen werden in Politik, Kultur und in unserem gesellschaftlichen und individuellen Umgang miteinander (inklusive unserer muslimischen MitbürgerInnen).

Die Geschichte(n) spielen hierbei eine zentrale Rolle, denn die Konsequenzen beziehen sich ja nicht direkt auf das Ereignis, sondern auf seine Interpretation, die nur in Erzählungen vorgefunden wird.

Ob die Anschläge von Paris zu einer Ausdehnung des staatlichen Sicherheitsapparats (mit einhergehender Überwachung und Militarisierung), einem Verbot „verletzender“ Karikaturen oder auch nur einer aus Angst motivierten Selbstzensur von JournalistInnen, mehr Leuten bei Pegida-Demos und einer weiteren Ausgrenzung von muslimischen MitbürgerInnen führt, hängt von den Erzählungen der Ereignisse ab.

Durch die technologisch mögliche Gleichzeitigkeit von Ereignis und Berichterstattung und die dadurch entstandene Notwendigkeit, sie zu nutzen, formierten sich die Narrative dann auch in der Gattung des oft schon voyeuristischen Livefeeds, aber auch sehr schnell in Form unzähliger Kommentare und Analysen.

Aus den Geschichten wurde aber schnell eine Meistererzählung, die sich bereits etablierter Erklärungsmuster (Kampf der Kulturen, …) bedient und ungefähr so lautet:

Mit dem Attentat wurde unsere Freiheit angegriffen, diejenigen, die ermordet wurden, sind Helden.

Als Reaktion müssen die provokantesten Karikaturen verbreitet werden und alle Muslime müssen sich davon distanzieren und die Karikaturen eigentlich toll finden.

Dass in dieser Geschichte vieles nicht mehr auftaucht, ist Teil jeder Meistererzählung.

Anders als bei den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon am 11.9.2001 gibt es heute – wiederum durch die technologischen Möglichkeiten – viel mehr Möglichkeit zum Widerspruch gegen die eine Erzählung. Dies konnte man z. B. an dem alternativen Hashtag #JeSuisAhmet sehen, der den Fokus auf den ebenfalls ermordeten muslimischen Polizisten Ahmed Merabet lenkte, der eben jene Freiheit des Chefredakteurs von Charlie Hebdo zu schützen versuchte. Unter dem Hashtag #JeNeSuisPasCharlie, erschienen mehrere Artikel, die bei klarer Verurteilung der Morde und Freiheit der Presse fragten, ob man die Urheber rassistischer, sexistischer und homophober Karikaturen zu Helden erklären muss, um ihren Tod zu betrauern. Und die alte Frage zu stellen, ob da nicht viele falsche Freunde zusammenstehen, weil es eben wieder gegen die Muslime geht.

Kurz, ob #JeSuisCharlie nicht eigentlich #VousEtesISIL (Ihr seid der Islamische Staat) bedeutet.

Ich finde diese Fragen wichtig und glaube, Freiheit und gutes Zusammenleben können nur gelingen, wenn es möglich ist, verschiedene Geschichten zu erzählen und der Versuchung der einen Geschichte zu widerstehen. Das ist eben auch Meinungsfreiheit.

Welche Rolle spielen hier Theologie und Kirche?

In meiner Gemeinde musste ich heute (Sonntag) auch den Gottesdienst halten und ich ließ die Gemeinde den Psalm 12 lesen und antwortete darauf mit Worten aus Römer 12,17-21. (Ich empfehle, die Texte zusammen zu lesen)

Biblische Texte können unserer Trauer und unserem Zorn Worte geben und es ist ein wesentlicher Schritt diese Gefühle und Gedanken in der Liturgie voreinander und vor Gott zu bekennen. Vor Gott können wir unsere Ratlosigkeit zeigen und uns auf verschiedene Geschichten einlassen, ohne sie unbedingt übernehmen zu müssen.

Als christliche Kirchen in dieser Situation nicht von Gott zu reden (und damit auch von Gottes Feindesliebe und der Umarmung des Anderen, zu der auch wir eingeladen sind) wäre blasphemischer als jede Karikatur.

Eine abschließende Erfahrung:

Eine Freundin hat mich heute gefragt, ob ich es für eine gute Idee halte, bald nach Paris zu fahren. Solche Fragen sind genau das, wovor ich Angst habe. Aber über diese Angst müssen wir reden sonst fragt mich bald noch jemand, ob es noch sicher ist zum muslimischen Gemüsehändler neben meinem Haus zu gehen und ob ich mich nicht bedroht fühle, neben ihm zu wohnen.

Für diese Gespräche brauchen wir Räume und nicht bloß Appelle und Vereinnahmungen, wo alle auf einmal jemand anderes als sie selbst sein müssen.

Weiterführende Artikel (leider kann ich kein französisch)

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7 Kommentare anzeigen

  1. Laura

    Lieber Benjamin – sind wir Seelenverwandt? Ich hatte auch schon ähnliche Gedanken, wobei es mir leider nicht gelungen ist, diese so klar und deutlich zu formulieren. Da ich meine Masterarbeit über Islamophobie schreibe, werde ich seit Wochen von einer Artikelflut überrannt und war von der Eeinseitigkeit leider nicht überrascht. Erst als ich gestern Bilder von dem „Marsch“ in Paris gesehen hatte, hatte ich zum ersten Mal den Eindruck, dass die ganze Sache nicht zu kippen droht: Bis dahin waren sämtliche Berichte und „Interpretationen“ der Anschläge doch wirklich so unglücklich formuliert, dass Pegida Leute zu Hause gesessen haben und sich vor Freude die Hände gerieben haben.
    Mit einer Freundin sprach ich gestern auch über die Anschläge – ihr sei zuerst der Reichtagsbrand von 1933 eingefallen. Das klingt nach Verschwöhrungstheorie, aber manchmal denke ich auch: Sind wir (wer auch immer wir ist) nicht ein bisschen selber Schuld an den Anschlägen? Ist das nicht eine Spirale des Hasses, der Feindbilder und nicht funktionierender bzw. nicht vorhandener Kommunikation? Meinungsfreiheit hin oder her – diese Karrikaturen machen sich nicht nur über den Propheten lustig sondern zeigen auch, wie beschränkt wir über den Islam denken: Genau das macht Muslime wütend – auch wenn das natürlich keine Legitimation ist, zu Morden. Und wenn man sich dann noch anguckt, wie in Frankreich generell mit Muslimen umgegangen wird, braucht man sich fast nicht mehr wundern.
    Wenn hier nicht bald solche schlauen Sätze wie z.B. von Sabine Schiffer und den vielen anderen Wissenschaftlern (die sich seit 2001 mit Islambildern/phobie/feindlichkeit beschäftigen) gehört werden, dann werden wir keine pluralitätsfähige Gesellschaft werden.

    • „Und wenn man sich dann noch anguckt, wie in Frankreich generell mit Muslimen umgegangen wird, braucht man sich fast nicht mehr wundern.“

      Ich halte das für ein ganz gefährliches Denken! Ausgrenzung ist kacke, aber rechtfertigt sie Mord? Ich glaube, hier lässt Du (lassen sich viele) den Duktus der Diskussion von Extremisten aufzwingen.

      • Vielleicht melde ich mich jetzt auch mal zu Wort.

        Ich würde mich auch gegen eine zu einfache Gleichung von Diskriminierung zu Gewalt wehren, v.a. weil ich sie paternalistisch finde. Man kann sich immer anders entscheiden, wie ja die überwältigende Mehrheit der marginalisierten und gedemütigten Menschen auf der ganzen Welt zeigen.
        (Was natürlich nicht nur an ihrer moralischen Fähigkeit liegt, sondern auch an Entmutigung, etc. Von daher wären vielleicht gewaltfreie Aktivisten ein besseres Gegenbeispiel).
        Nichts rechtfertigt Mord, das ist klar.
        Aber vielleicht wäre es eine konstruktivere Gesprächsgrundlage, wenn die Nichtmuslime in Europa jetzt nicht so tun würden, als hätte nur der Islam ein Problem mit Meinungsfreiheit und als gäbe es keinerlei Ausgrenzung.

  2. Tina

    Hallo Benni,

    danke für deinen mutigen und tollen Text.
    Ich selber habe wahrscheinlich nicht halb so viele Geschichten über die Anschläge gelesen wie du, doch stelle ich mir ähnliche Fragen und habe vor allem Angst, dass bestimmte, eine breite Öffentlichkeit findende und vielleicht auch ein bisschen unreflektierte Interpretationen und die Reaktionen von Politiker_innen und Gesellschaft darauf rechte Stimmungsmache und islamophobe Hetze in Mittel- und Westeuropa verstärken. Die Anschläge und der Tod von so vielen (viel zu vielen) Menschen haben mich sehr erschüttert und auch wütend gemacht und im ersten Moment war ich froh, dass so viele Menschen ihre Trauer und Solidarität öffentlich machten und den Schutz der Presse- und Meinungsfreiheit forderten. Aber massenweise „je sui Charlie“ zu lesen und zu hören machte mich dann doch stutzig – insbesondere nachdem ich mir einige Karikaturen des Magazins anschaute. Wie kann ich mich denn mit einer Zeitschrift identifizieren, in der westeuropäische, gut verdienende, weiße Männer rassistische, homophobe und sexistische, meiner Meinung nach bösartige und menschenverachtende Zeichnungen veröffentlichen und damit marginalisierte Gruppen weiter stigmatisieren? Das geht nicht – nicht für mich zumindestens und auch nicht, wenn es nur symbolisch gemeint ist. Vielleicht ist Satire auch einfach nicht mein Stilmittel? Sehe ich das zu eng? Muss ich mir nun Vorwürfe anhören, ich würde Fundamentalisten und Terroristen in Schutz nehmen?

    • „Wie kann ich mich denn mit einer Zeitschrift identifizieren, in der westeuropäische, gut verdienende, weiße Männer rassistische, homophobe und sexistische, meiner Meinung nach bösartige und menschenverachtende Zeichnungen veröffentlichen und damit marginalisierte Gruppen weiter stigmatisieren?“

      Witze haben eine Sinn hinter dem Wortsinn. Nur weil die Worte rassistisch oder sonst was sind, bedeutet es nicht, dass auch ihre Haltung so ist. Manchmal genau das Gegenteil.

      • Ich hatte irgendwo gehört, dass der Chefredakteur an einem Buch über Islamophobie, das ganz unsatirisch sein sollte gearbeitet hat, das veröffentlicht werden wird.
        Daran könnte man vielleicht Haltung und Pose unterscheiden.

        Deine, Philipp, Unterscheidung der Sinne klingt für mich nach „ironischem Rassismus“, der meistens nicht funktioniert und einfach nur zum verhüllten Rassismus wird oder sogar bewusst so eingesetzt wird.
        Ich arbeite auch eher mit einem Rassismusbegriff, der nicht nur auf Intention abzielt, sondern auch einfach die Verwendung bestimmter Bilder und Ideen, die in rassistischen Diskursen verwendet werden, problematisiert (z.B. die Hakennasen auf eigentlich allen Zeichnungen, die Muslime darstellen sollen – bei Juden würde das kaum einer durchgehen lassen).
        Satire trifft nicht alle gleich, auch wenn sie auf alle gezielt wird.

        Eine andere Frage ist, ob man sich mit den Ermordeten nicht trotzdem solidarisieren kann, ohne alles gut zu finden.
        Und ob auf Facebook #JeSuisCharlie zu schreiben schon Solidarität ist, oder eine billige Vereinnahmung (du, Philipp, hast ja sowas in die Richtung geschrieben).
        Vielleicht ist Identifikation (und die wird alleine schon semantisch, aber auch sonst durch #JeSuisCharlie gefordert) nämlich gerade nicht Solidarität, die nur in Distanz und Achtung des Anderen passieren kann.

  3. Christopher

    Eine Position, die ich für bedenkenswert halte. Mich hat an dem Kurzschluss-Retorten-Slogan „Je suis Charlie“ von Anfang an gestört, dass hier Solidarität und Identifikation auf eine kritische Weise unkritisch miteinander vermischt werden. Meines Wissens kam der Slogan unmittelbar nach dem Anschlag, also schon wenige Stunden danach, auf. Zu einem anderen Schluss kommt übrigens folgender Autor, obgleich er recht ähnlich argumentiert: http://kirchengeschichten.blogspot.de/2015/01/warum-ich-charlie-bin-und-trotzdem.html

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