Moment mal: Die Passion von Weihnachten

Der letzte Weihnachtsbraten ist gegessen und manch eine hat sich wohl schon vom Elternhaus verabschiedet, bepackt mit Plätzchen bis Ostern, und hat sich auf den Weg zur angesagten Silvesterpartylocation begeben – froh, dem alljährlichen Ritual von leckeren Essen und schwelenden Familienkonflikten entkommen zu sein.

Vielleicht war es auch ganz anders; mein Punkt jedenfalls ist: Weihnachten ist vorbei, jetzt geht es darum wo und mit wem Silvester gefeiert wird und vielleicht ein bisschen die Vokabeln und Texte aufzuholen, die sich seit Semesterbeginn aufgeschoben haben. Aber dafür gibt es ja auch die Vorsätze für 2015.

Mir selbst geht es ja genauso. Aber Weihnachten ist nicht vorbei, es geht weiter und es fehlt einfach etwas an der Geschichte, wenn wir an der Krippe stehen bleiben. Es ist einfach zu romantisch und irreal.

Kurt Marti, der große theologische Dichter, sagte dazu neulich in seinem sehr spannenden Interview mit der Berner Zeitung:

Weihnachten ist ja auch so kommerzialisiert worden, weil es eine leicht verständliche fromme Legende ist. Ostern ist das kompliziertere Ereignis. Eine Geburt ist eine Geburt, darunter kann man sich etwas vorstellen. Aber eine Auferstehung, was kann man sich da vorstellen?

Da ist sicherlich was dran, aber hier will ich den Fokus auf die Passion von Weihnachten legen, in der wenig Ostern zu spüren ist, aber viel Wirklichkeit. Es geht mir um den Kindermord zu Bethlehem und die Flucht der heiligen Familie nach Ägypten, die im Matthäusevangelium auf die Geburtsgeschichte folgt.

„Als sie aber hingezogen waren, da erscheint ein Engel des HERRN dem Josef im Traum und spricht: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter zu dir und fliehe nach Ägypten, und bleibe dort, bis ich es dir sage! Denn Herodes wird das Kind suchen, um es umzubringen. Er aber stand auf, nahm das Kind und seine Mutter des Nachts zu sich und zog hin nach Ägypten. Und er war dort bis zum Tod des Herodes; damit erfüllt würde, was von dem HERRN geredet ist durch den Propheten, der spricht: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“

Da ergrimmte Herodes sehr, als er sah, dass er von den Weisen hintergegangen worden war; und er sandte hin und ließ alle Jungen töten, die in Bethlehem und in seinem ganzen Gebiet waren, von zwei Jahren und darunter, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erforscht hatte. Da wurde erfüllt, was durch den Propheten Jeremia geredet ist, der spricht: Eine Stimme ist in Rama gehört worden, Weinen und viel Wehklagen: Rahel beweint ihre Kinder, und sie wollte sich nicht trösten lassen, weil sie nicht mehr sind.“ – Matthäus 2,13-18

Ich lese diese Geschichte inzwischen jedes Jahr zu Weihnachten und jedes Jahr kommen mir neue Bilder in den Kopf – dieses Weihnachten waren es die Kinder, die in Pakistan von Kämpfern der Taliban ermordet wurden. Die Frage nach den „heiligen Unschuldigen“, wie sie in der Tradition genannt werden ist oft leicht, die Frage nach den Verantwortlichen schwerer.

Wer ist hier Herodes? Sind nur die Talibankämpfer verantwortlich und tut die pakistanische Regierung gut daran, die Todesstrafe gegen Terroristen wieder einzuführen und gleich fünfhundert Inhaftierte zu exekutieren? Oder sind ihre Angriffe auf von den Taliban kontrollierte Gebiete und die Vernachlässigung der Bevölkerung nicht Teil des Problems?

Und was ist mit den Drohnen der USA, die mit dem Versprechen der effizienten Eliminierung „hochwertiger Ziele“ bei maximaler Sicherheit für die amerikanischen Piloten in regelmäßigen Abständen Hochzeiten und Gruppen von Kindern zerfetzen? Oder deutsche Waffenfirmen, die von diesen und anderen Konflikten profitieren?

Wer ist hier Herodes?

Und müssen wir die Frage der Hauptverantwortung geklärt haben, um selbst Buße zu tun?

Die Geschichte vom Massaker an Bethlehems Kindern durch Herodes Schergen und die Flucht der heiligen Familie wird nur bei Matthäus erzählt und ist aller Wahrscheinlichkeit nicht historisch, auch wenn es Herodes dem Großen an sich durchaus zuzutrauen wäre.  Aber ob es nun nach den Kriterien moderner Geschichtswissenschaftler historisch ist oder nicht ist hier nicht unser Interesse.
Die Geschichte vom Kindermord macht deutlich, dass mit Jesu Geburt nicht einfach alles gut geworden ist. Im Gegenteil, ohne diese Geburt hätte Herodes seine Soldaten nie geschickt!

Jesus und seine Familie entkommen durch die Intervention des Engels, aber niemand warnt die anderen Familien Bethlehems.

Ich finde es gut, dass der neue EKD-Ratsvorsitzende und viele andere Kirchenmenschen nicht müde werden, zu betonen, dass Jesus selbst Flüchtling war, aber der Text selbst bewahrt auch die Erinnerung an alle, die nicht fliehen konnten und gibt damit Menschen in allen Kriegen und bewaffneten Konflikten in der Vergangenheit und heute eine Stimme, die nicht fliehen konnten.

Es ist wichtig, solche Texte zu lesen und zu predigen. Und auf die Reaktionen zu hören.
Biblische Geschichten sprechen ziemlich unverhohlen von Gewalt und Unterdrückung, von Rachephantasien und ihrer Auslebung. Und gleichzeitig schimmert da immer wieder die Hoffnung auf, dass Gott den Schrei der Unterdrückten hört und ihnen Recht schaffen wird, dass gleichzeitig aber ein anderes Verhalten auch jetzt schon möglich ist.

Zwischen diesen beiden Hoffnungen besteht eine Dialektik, die m.E. am besten im Römerbrief zum Ausdruck kommt:

„Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes! Denn es steht geschrieben: ‘Mein ist die Rache, ich will vergelten spricht der HERR.’ ‘Wenn nun dein Feind hungert, so speise ihn; wenn ihn dürstet, so gib ihm zu trinken! Denn wenn du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.’ Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten!“ – Römer 12,19-21

In der Sprachwelt der Bibel können wir lernen, unsere eigenen Erfahrungen und Gefühle wahrzunehmen und vor Gott damit umzugehen.

Dabei werden gerade solche Texte wie der Kindermord zu Bethlehem, aber auch Rachepsalmen wichtig, weil sie uns Sprache geben, Wut, Ängste und Verzweiflung überhaupt zu artikulieren.

Sie finden ihren Raum vor Gott, dem wir die Rache für all die „heiligen Unschuldigen“ anvertrauen können, die jedes Jahr von unseren modernen Heroden ermordet werden.

In der katholischen und der orthodoxen Tradition haben die „heiligen Unschuldigen“ einen eigenen Tag, den 28.12. Marginalisiert und vergessen hinter Leuchtreklame und Geschenken liegt hier eine „gefährliche Erinnerung,“ die auch in protestantischen Kirchen wiederzubeleben sich lohnen würde.

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2 Kommentare anzeigen

  1. Uwe Kühneweg

    Der 28.12. steht als „Tag der unschuldigen Kinder“ auch im lutherischen liturgischen Kalender.

    • Danke für die Information, Uwe.
      Ich bin ja aus einer Freikirche und entdecke die weniger bekannten Teile des Kirchenjahres erst langsam. Aber mein Eindruck, dass der Tag nicht wirklich mit Gottesdiensten oder ähnlichem begangen wird, ist schon korrekt, oder?

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