„Bitte in einem Satz, ohne Floskeln.“ Oder: Gott ist kein Pinguin
Foto: Liam Quinn (CC BY-SA 2.0)

Wir hatten vor einer Weile Artikel zum Pfarrer-Film gebracht. Den kann man ja so oder so finden, in meiner Erfahrung jedenfalls polarisiert er. Besonders bewegt hat ein paar Studienkollegen von mir, wie die angehenden Pfarrerinen und Pfarrer auf die Frage reagieren, was das Evangelium sei.

Für alle, die noch kein Griechisch haben: Evangelium ist ein griechisches Wort, das einerseits eine Buchgattung (-> Markus-, Matthäus-, Lukas-, Johannes-, Thomas-, Judas-, …) bezeichnet, und setzt sich andererseits aus den Worten Angelium (sprich: An-geh-lium, da ist das Wort „Engel“, Bote drin, es bedeutet ‚Botschaft‘) und Eu (bedeutet wiederum „gut“. Sprich mit dem Punker deines Vertrauens: Oi!) zusammen. Gute Botschaft, frohe Kunde meint es also.

Für alle, die den Film noch nicht gesehen haben: Die VikarInnen wollen zuerst nicht drüber reden, was das Evangelium für sie ist, kommen zwei Wochen später erneut zusammen und geraten (im auf wenige Minuten zusammengeschnittenen viertelstündigen Rollenspiel) massiv ins Schlingern, als sie von einem Atheisten gefragt werden, ob sein Leben einen Sinn hat.

Am Ende steht die Frage: Wo war in diesem Gespräch das Evangelium?

Schnitt.

Würde, mal angenommen, ein frommer Pinguin mit seinen Pinguinfreunden über Gott reden, dann würden er vielleicht sagen: „Schaut die Welt an, sie ist großartig und kühl. Gott hat uns so geschaffen, dass wir es wunderbar in der Kälte aushalten. Gott ist wie wir!“

Und ein anderer Pinguin würde im Barthianischen Tonfall erwidern: „Nein! Gott ist ganz anders als wir! Wir haben etwas mit ihm gemeinsam, immerhin hat er uns nach seinem Bild geschaffen – aber Gott ist definitiv kein Pinguin.“

Lassen wir also diese beiden Pinguine, die vielleicht eine heilige Schrift haben, mit einem dritten Pinguin ins Gespräch kommen, der sie fragt: „Ist ja alles gut und schön, mit eurer Schrift und so, aber was genau ist der Kern von dem, was ihr glaubt?“

Was für eine entblößende Situation! Auf einmal geht es um den persönlichen Glauben, ganz direkt, ganz ungefiltert.

„Was genau meinst du mit „der Kern“, fragt der naturliebende Pinguin.“

„Na, was gibt euch an dieser Vorstellung von Gott Kraft?“, fragt der Dritte zurück. „Ich hätte diese Kraft nämlich gern auch.“

Sofort wedeln die beiden anderen Pinguine mit ihren Flügeln und bewerfen ihn mit Vorschlägen: „Lies unser Buch!“ „Geh in einen Gottesdienst!“ „Geh in die Natur, schwimm im kühlen Wasser!“ „Glaube einfach!“ „Lass Gott in dein Herz, lass seinem Wort Raum, sich zu ereignen!“ Solches und noch viel mehr bekommt der Suchende zu hören.

Am Ende sagt er dankeschön, ohne es zu meinen, und watschelt davon.

Schnitt.

Also würde, mal angenommen, jemand auf mich zukommen und mich fragen: „Glaubst du eigentlich, mein Leben hat einen Sinn?“ Dann würde ich hoffentlich zuhören und mich erkundigen, was denn passiert ist und was den Suchenden zu dieser essentiellen Frage getrieben hat. War da früher ein Sinn und jetzt nicht mehr? Hat er einen Menschen verloren, eine Arbeit, etwas Richtungweisendes? Oder hat er Menschen erlebt, die mit ihrer Person bestimmter wirkten, als er selbst sein Leben sieht?

Hoffentlich würde ich erst zuhören und fragen, was die Bedingungen für diese große Frage sind, denn manchmal antworte ich erst und sage: „Ja, ich glaube, dein Leben hat einen Sinn.“ Damit ist nichts gesagt, obwohl die Frage beantwortet ist.

Es ist vielleicht eine angenehme Nachricht, jemand glaubt an die Sinnhaftigkeit dieses Lebens. Allerdings ist es noch kein Evangelium.

Die gute Nachricht, wie ich sie verstehe, ist: Da gibt es einen, der kann für dein Leben wie für mein Leben Sinn geben und Sinn sein. Und den verliere ich nicht in der Menge, der verschwindet nicht auf Nimmerwiedersehen. Der ist da. Der liebt seine Leute und sucht besonders die zusammen, die sich selbst verloren und sinnlos fühlen. Von ihm wissen wir durch Jesus, den die Frommen „Gesalbter“ und „Herr“ nennen.

Die wirklich gute Nachricht aber ist: Du musst dich nicht mit der Suche anstrengen. Wenn du ihn suchen willst, ist schon genug, denn er wird dich finden, weil er sich schon vor langer Zeit auf die Suche nach dir gemacht hat, als du noch gar nicht wusstest, dass du vielleicht eines Tages an den Punkt kommen würdest, einen Sinn im Leben zu vermissen.

Die schlechte Nachricht dabei ist aber: Ich kann dir nicht sagen, wie du zu ihm kommst, oder ob es sich für dich genauso anfühlen wird, wenn ihr euch begegnet, wie für mich. Ich kann nur sagen, wie ich ihm begegnet bin, dass die Zeit in der Jungen Gemeinde viel dazu beigetragen hat, dass ich gemerkt habe, dass ich auch ohne Gesellschaft nicht alleine bin. Und über Musik habe ich einen Zugang gefunden, wie ich mit Gott in ein Gespräch treten kann. Ob das für dich auch so geht?

Ja, ich weiß, dass ich jetzt klinge, wie diese Fernsehpfarrer. Nein, das ist keine Predigt, ich versuche dir nur zu sagen, was ich weiß. Es ist oft nur ein Gefühl, weißt du, und Gefühle lassen sich so schwer in Worte packen.

Noch etwas wollte ich sagen … ah ja, die Bibel. Die Sache mit diesem besonderen Buch da, von dem die Christen ständig reden, ist verzwickt. Da ist wenig Klarheit in den vielen Abschnitten zu finden, aber es stehen auch Sachen drin, die mir Hoffnung geben, zum Beispiel …

Schnitt.

Ich sitze schon seit Stunden mit einem Mathematiker am Tisch. Wir trinken Saft. Es ist spät. Wir machen das manchmal, es ist zu einem Ritual zwischen alten Freunden geworden. Gerade haben wir noch über ein Klavierstück geredet, das er beeindruckend findet, da sagt er plötzlich: Ich denke darüber nach, mich taufen zu lassen. Weißt du, was mich dran hindert? Die Dogmen. Die Kirche sagt so viel, da weiß ich gar nicht, ob ich das alles so glauben kann.

Und ich antworte: Zweifel sind in Ordnung, die gehören dazu. Wenn du magst, komme ich ein Stück auf deinem Weg mit.

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2 Kommentare anzeigen

  1. Pr S. Feye

    Mehr dazu findet man in: Die Wiedergefundene Botschaft, von Louis Caltiaux (Herder)..

  2. Michael Simon

    „Da gibt es einen, der kann für dein Leben wie für mein Leben Sinn geben und Sinn sein.“
    Warum brauche ich ein höheres, geisterhaftes Wesen, um einen Sinn in meinem Leben zu finden? Das ist absolut unnötig. Der Sinn des Lebens findet sich tagtäglich um uns herum, und das geht ohne Gott, Weihrauch und Brimborium: Seit 4 Milliarden Jahren findet eine ständige Evolution statt, die durch eine nicht abreißende Kette biologischer Vererbung und Mutation zu uns geführt hat. Dieser Prozess wird weitergehen und wir werden uns in den nächsten Jahrhunderttausenden weiter verändern. Damit sind wir auf diesem Planeten Leben, dass Leben will inmitten von Leben, dass Leben will. Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass wir dabei sind – mit allen Konsequenzen: Geburt, Gesundheit, Liebe, Freude, Glück, Trauer, Schmerz, Krankheit, Tod. Das alles gehört zum Leben und wir dürfen es genießen. Jeden Tag werden Millionen von Geschlechtsakten durchgeführt, die zu keinen Kindern führen oder es wird abgetrieben. Nur eine kleine Zahl von Menschen, gemessen an der potenziell möglichen (‚herstellbaren‘) Menge an Menschen, schafft es tatsächlich ins Leben und ins eigene Bewusstsein. Wir haben es geschafft und wir können diesen kleinen, blauen Planeten mit samt seiner Flora, Fauna und anorganischen Materialien am Rande einer unbedeutenden Galaxie inmitten von Milliarden Galaxien bewundern. Wir leben, dank unserer Vorfahren und wir werden das Leben an unsere Kinder weitergeben! – Das ist der Sinn unseres Daseins. Das Leben ist nicht selbstverständlich, es ist einzigartig und vor allem – einmalig! Es wird nie mehr wieder kommen, ein Leben nach dem Tod gibt es nicht und ist durch nichts belegt. Unser Bewusstsein wird mit dem Zerfall unseres Gehirns verschwinden. Wir haben also ’nur‘ max. 100 Jahre – Freuen wir uns jeden einzelnen Tag darüber und Carpe diem!

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