16. Dezember

Den heutigen Beitrag haben wir von Julia erhalten.

Ich kenne einen Ort, da leben viele kleine Menschen. Und jeder hat sein eigenes kleines Häuschen. Da gibt es rosarote, hellblaue, grüne und dunkelgelbe und überhaupt alle Farben. Und jedes Häuschen hat eine Tür in derselben Farbe und mehrere kleine Fensterchen. Und an den Fensterchen sind die Fensterläden auch in derselben Farbe wie das Häuschen. Und jeder kleine Mensch trägt ein Kleidchen, eine Hose oder ein Hemdchen in der Farbe seines Häuschens.
Jeder kennt irgendwann die Farben der anderen Häuschen um das eigene herum. Und darum kommt es oft vor, dass ein kleiner Mensch in seinem Häuschen sitzt und schon gar nicht mehr hinaus schauen will, weil er ja schon alles kennt.
Doch manchmal kommt es vor, da verschwindet plötzlich eines der Häuschen oder es steht mit einem Mal ein neues irgendwo zwischen den anderen.

Das erlebte auch das Mädchen in dem kleinen erikafarbenen Häuschen. Lange Zeit stand direkt vor der Tür ihres kleinen Häuschens ein anderes Häuschen. Sie wusste gar nicht, wie das da plötzlich hingekommen war. Aber jetzt musste sie sich immer an dem anderen Häuschen vorbeiquetschen, wenn sie mal nach draußen gehen wollte. Und das wurde ihr bald zu anstrengend und sie verließ ihr Häuschen kaum noch.
Glücklicherweise stand aber nicht weit von dem einen ihrer Fensterchen ein anderes Häuschen, in dessen Fenster sie direkt hinein sehen konnte, wenn nicht die Läden geschlossen oder der Vorhang zugezogen war. Und so konnte sie sich wenigstens ab und zu mit dem Menschen in dem Häuschen unterhalten, oder ihm einfach lächelnd zuwinken, wenn sie gerade am Fenster vorbei kam.
Auch durch die anderen Fensterchen sah sie bunte Häuschen und viele kleine Menschen, die aus Fenstern lugten, vorsichtig winkten, oder sogar mutig aus ihren Türen traten. Einige besuchten einander oder blieben an einem offenen Fenster stehen, um sich ein wenig zu unterhalten.

Mit der Zeit wurde das Mädchen aus dem erikafarbenen Häuschen traurig. Das Häuschen vor ihrer Tür zeigte zwar mit der Tür direkt zu ihrem, doch so oft sie auch aus der Tür sah oder sie offen stehen hatte, nie kam jemand zu ihr herein oder ließ sich an ihrer Tür sehen. Der Mensch aus dem Häuschen gegenüber wollte wohl nicht ausgehen, auch wenn sie ihn ab und zu am Fenster sehen konnte und sogar schon ein paar Worte mit ihm gewechselt hatte. Aber er machte nie Anstalten, seine Tür zu öffnen.
Und die anderen kleinen Menschen? Denen war es vielleicht doch zu anstrengend sich zwischen zwei Häuschen durchzuzwängen oder sie dachten, dass die beiden, die ja so nah beieinander wohnten, sich sicher ständig gegenseitig besuchen würden und sich womöglich gestört fühlen könnten, wenn jemand sie besuchen wollte.

Eines Tages hatte das Mädchen in dem erikafarbenen Häuschen keine Lust mehr alleine zu sein. Und so rannte sie einfach zur Tür hinaus, achtete gar nicht auf das Häuschen gegenüber und lief zu den anderen kleinen Menschen.
Sie hatte schon Angst, ob die anderen sich einfach abwenden würden. Denn schließlich war sie ja sonst nie dabei, wenn die anderen kleinen Menschen sich trafen. Doch die Anderen kamen ihm schon entgegen gelaufen und freuten sich über die neue Farbe in ihren Spielen.
Am nächsten Tag überlegte das Mädchen lange, ob es wieder zu den anderen hinausgehen sollte. Sie war sich nicht sicher und schaute diesmal erst nach, ob gegenüber nicht ein Fenster oder womöglich sogar die Tür offen wäre. Aber nichts rührte sich. Vielleicht stand der kleine Mensch von gegenüber ja an einem anderen Fenster…
Schließlich quetschte sie sich wieder an dem Häuschen vorbei, um die anderen kleinen Menschen zu treffen und sie hatten viel Spaß zusammen. Das Mädchen fragte sich schnell, warum es sich früher nie hinaus getraut hatte.

Bald hatten die anderen es in ihre Gruppe aufgenommen und wenn sie morgens nicht gleich zwischen den Häuschen herausgelaufen kam, dann wurde an die Wand ihres Häuschens oder an eines ihrer Fensterchen geklopft, bis sie kam.
Bald lief sie jeden Tag zu den Anderen hinaus und der Weg zwischen ihrem Häuschen und dem Häuschen direkt gegenüber schien ihr bald kaum noch beschwerlich.
So ging es einige Wochen und jeden Tag freute sich das Mädchen auf die Anderen und lief hinaus. Und jeden Tag ging sie zwischen den Wänden der beiden Häuschen hindurch. Ab und zu bekam sie nun sogar Besuch in ihrem Häuschen oder besuchte ein anderes der kleinen Häuschen in der Nähe.

Eines Tages stellte sie plötzlich fest, dass der Weg zwischen den kleinen Häuschen hindurch nun bequem zu gehen war, ohne dass sie sich hindurch quetschen musste, und dass der Weg immer noch breiter wurde.
Jedes Mal, wenn jemand hindurch gegangen war, musste er die Häuschen ein bisschen auseinander geschoben haben.
Und bald hatte sie schon fast vergessen, dass es da ein Häuschen gab, das ihr einst den Weg versperrt hatte.

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