Zwischen Bibliothek und Bohnen Eigentümliche Eindrücke von morgens bis abends
Foto: Theresa Reinhardt

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Wunderlich: Warum ist Hull die einzige britische Stadt ohne rote Telefonzellen? [Hull]

Ein Auslandsjahr muss sein. Das stand schon fest, bevor ich mich überhaupt für ein Studienfach entschieden hatte. Zwei Semester lang studiere ich nun Religion and Philosophy in Hull/England und werde hier regelmäßig über meine Erlebnisse berichten.

9.00 Uhr: Jugendtreffen der Herrnhuter Brüdergemeine, London. Das Frühstück steht auf dem Tisch. Es gibt Tee. So weit, sehr gut. Dazu Toast mit Butter. So weit, auch gut. Und es gibt diese kleinen, dicklichen, englischen Würstchen. Weiter nichts. Weniger gut. Immerhin bin ich in England, also muss ich da auch wenigstens einmal durch, denke ich mir und wickle eine recht kalte Toastscheibe um ein recht schwarzes Würstchen. Ich beiße hinein und verliere mich in Träumen voller Marmelade und Honig.

10.00 Uhr: Studentenwohnhaus, Hull.  Mist, ich bin wieder mal zu spät aufgestanden und immer noch mit dem Abwasch beschäftigt, als die Küchentür aufgeht und eine Frau, die definitiv nicht in unserem Haus wohnt, hereinkommt. So schnell es geht, spüle ich die letzten Tassen aus und ziehe mich in mein Zimmer zurück, um unserer Putzfrau nicht im Wege zu stehen. Etwas anderes als das eigene Zimmer putzt hier kein Student selbst. Doch man sollte sich hüten davon auf eine generell höhere Sauberkeit zu schließen. Denn was ich nicht selbst geputzt habe, mache ich bedenkenlos wieder dreckig.

11.00 Uhr: Traditionell anglikanischer Gottesdienst, Hull. Drei Taufen? Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich wohl in einen anderen Gottesdienst gegangen. Viele fremde Festgesellschaften und eine lange, formelle Zeremonie. Na toll. Doch dann hat sich die gesamte Gemeinde um den Taufstein versammelt und der Pfarrer scherzt mit dem zehnjährigen Täufling. Von ein paar lockeren Sprüchen begleitet, folgen die Fragen an Eltern und Paten. Und wenn die Gemeinde ihre Antworten nicht mit überzeugendem Enthusiasmus gibt, wird die entsprechende Passage einfach noch einmal wiederholt. Plötzlich sind alle dabei, lächeln sich an und ich bin mittendrin in diesem feierlichen Augenblick.

16.00 Uhr: Seminarraum, University of Hull. Gleich beginnt eine meiner ganzen sechs Unterrichtsstunden in der Woche. Der Dozent sitzt bereits vor uns auf einem Tisch und berichtet von den neusten Entwicklungen in der Universitätspolitik. Offenbar sind gerade Verhandlungen über die Rente von Unimitarbeitern gescheitert. Das akademische Personal hat sich aus diesem Grund zu einem Streik entschlossen. Oh, fallen jetzt etwa meine wenigen Vorlesungen aus? Nein, stattdessen wird auf unbestimmte Zeit die Benotung von Prüfungen aller Art boykottiert. Für Studenten im Bachelor-System ist das natürlich ein Albtraum und offensichtlich scheint sich keiner meiner Dozenten deren Zorn zuziehen zu wollen. Stattdessen wird der Boykott boykottiert.

17.00 Uhr: Bibliothek, University of Hull. Angestrengt versuche ich mich auf einen der Texte meiner schier endlosen Lektüreliste zu konzentrieren. Aber es ist kalt, laut und jetzt ist auch noch das Licht ausgegangen. An die englische Vorliebe für gut gekühlte Räume habe ich mich inzwischen halbwegs gewöhnt und die Lampe an meinem Arbeitsplatz kann ich wieder anschalten. Es handelt sich nämlich um eine ganz moderne Beleuchtung, die sich regelmäßig nach ca. 30 min selbst ausschaltet. (Dass man mehrere Stunden an einem Platz verbringt, wird offenbar nicht erwartet.) Aber gegen die Lautstärke helfen nur Kopfhörer oder Ohropax. Inzwischen habe ich herausgefunden, dass es verschiedene Lärm-Zonen gibt: Social Study heißt, man darf „studieren“ so laut man will. Im Quiet Study Bereich sollte man versuchen, nicht lauter zu sprechen als normalerweise. Und im Lesesaal, betitelt mit Silent Study, gilt eigentlich Redeverbot. Doch da das auch nur so eine eigentliche Sache ist, kann man genauso gut gleich in die Quiet-Zone wechseln und wenigstens einen herrlichen Ausblick auf den Sonnenuntergang genießen.

19.00 Uhr: Unterwegs. Gemächlich rattert der Zug durch den Abend. Ich schaue mich gelangweilt um und traue meinen Augen nicht. Noch einmal blicke ich über den Gang, um mich zu vergewissern, dass ich mir das Ganze nicht bloß eingebildet habe. Dort sitzt tatsächlich ein junges Pärchen und angelt genüsslich grüne Bohnen aus einer Plastiktüte. Das ist noch merkwürdiger als die Angewohnheit, zu jeder Tageszeit eine Tüte Chips parat zu haben. Eine Leipziger Freundin fragte mich vor meiner Abreise, was ich in England vermissen werde. Jetzt weiß ich es: Haribo Tropifrutti und Tiefkühlspinat (hier gibt es nur die komischen Haribo-Sorten und riesige Abpackungen von Erbsen).

23.00 Uhr: Asylum (Nachtclub), University of Hull.  Schon eine halbe Stunde lang stehen wir in der Warteschlange und haben uns gerade mal ein paar Schritte nach vorn bewegt, als der metallene Absperrzaun plötzlich scheppernd umgerissen wird. Schuld ist nicht etwa ein ungeduldiger Partygast, sondern eine betrunkene Studentin. Da ihre Freunde es nicht so recht schaffen, sie wieder auf die Beine zu ziehen, rufen sie die Security zu Hilfe. Die Sicherheitsmänner machen mit der Aussicht auf freien Eintritt zwei freiwillige Begleiterinnen ausfindig, die das schielende Mädchen nach Hause schleppen. Denn ihre Freunde wollen den Platz in der Warteschlang offenbar partout nicht aufgeben. Wir sind erst wenige Meter weiter vorgerückt, als der Nächste alkoholbedingt zusammenbricht. Diesmal müssen die Sanitäter hinzueilen und den bewusstlosen Studenten abtransportieren. Entsetzt blicken eine pakistanische Freundin und ich uns an. Um uns herum unterhalten sich die Wartenden lachend, als wäre nichts geschehen. Ich bin so dankbar für meine internationalen Freunde. Es tut gut, sich gemeinsam wundern zu können.

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