Moment mal: Demut
Patriarch Bartholomeos I, und Papst Franziskus. Foto: AP Photo/L'Osservatore Romano
Patriarch Bartholomeos I, und Papst Franziskus. Foto:  AP Photo/L'Osservatore Romano

Patriarch Bartholomeos I und Papst Franziskus. Foto: AP Photo/L’Osservatore Romano

Wir scheinen in einer Welt zu leben, in der jeder sich an seiner Stellung in der Gesellschaft mit aller Kraft festkrallt. Wer es kann, vertuscht seine Fehler oder weigert sich, sie zuzugestehen. Anders kann ich mir nicht die aktuellen Nachrichten erklären, in denen ununterbrochen davon berichtet wird, wie in den USA immer und immer und immer wieder weiße Polizisten unbewaffnete Schwarze umbringen und dafür nicht einmal Anklage erhoben wird. Das System deckt sich selbst, Mörder werden in Schutz anstatt in Haft genommen – das Festkrallen an der eigenen Stellung von Polizisten, Politikern und Staatsanwälten wird wichtiger selbst als Gerechtigkeit.

Wie wirkmächtig ist im Kontrast dazu dieses Foto, das letzte Woche um die Welt ging: Papst Franziskus war zu Besuch bei Bartholomeos I., dem Oberhaupt der Orthodoxen Kirche; in einem ökumenischen Gottesdienst beugte er seinen Kopf tief vor dem Patriarchen und sagte: „Ich bitte um einen Gefallen: den Segen für mich und die Kirche von Rom.“

Kurzer kirchenhistorischer Background: Seit dem Jahr 1054 sind römische und orthodoxe Kirche getrennt. Damals ging es vor allem um die Frage, wer die Macht hat, die Kirche zu leiten. Der Papst krallte sich an seine Autorität als Oberhaupt der römischen Reichskirche und war bemüht, auch seine weltliche Macht weiter auszubauen. Die östliche Kirche wollte die übergriffige päpstliche Autorität irgendwann nicht mehr anerkennen und so exkommunizierten sich Papst und Patriarch gegenseitig.

Nun hat ausgerechnet der Papst der römisch-katholischen Kirche dieses endlose Festkrallen unterbrochen – mit einer Geste der Demut. Er hatte diese Geste keinesfalls nötiger als sein Gegenüber – dass er sich dennoch unterordnet, ist ein starkes Zeichen für die Welt. Können wir uns vorstellen, dass sich etwa Präsident Obama von Putin die Stirn küssen lässt? Oder umgekehrt?

Eine solche Geste der Demut ist auf den ersten Blick riskant: Mit dem Verzicht auf meine eigene Machtposition liefere ich mich der Macht des anderen aus. Aber was eigentlich geschieht, ist, dass das ganze System von Macht und Machterhalt durchbrochen wird. Die Barrieren fallen und es kann wieder an Gerechtigkeit gearbeitet werden.

Ich wünsche mir – und bin mir der Plattheit des Spruches bewusst – in unserer Zeit mehr von diesem Mut zur Demut.

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