Moment mal: Als Protestant kommt man gleich in den Himmel
Francesco Botticini, die Aufnahme der Jungfrau

Francesco Botticini, die Aufnahme der Jungfrau

Gestern war Ewigkeitssonntag. Die Reformatoren lehnten Allerheiligen am 1. November ab. Dennoch ist es wichtig für die Hinterbliebenen ihrer Verstorbenen zu gedenken. Ich bin schon als Kind an diesem Sonntag nie gern in die Kirche gegangen. Es war immer so bedrückend. So eine traurige Stimmung. Eine lange Liste der Verstorbenen, die ich meistens gar nicht kannte. Trotzdem berührte es mich immer. Tut es auch heute noch.

Ein mir sehr lieber Rentner sagte einmal zu mir, wenn er stirbt sollte bitte folgendes Lied zu seiner Beerdigung gesungen werden:

Singt und tanzt und jubelt laut vor Freuden!
Gott, der Herr, läßt uns ein Fest bereiten.
Kommt herein, auch ihr seid eingeladen!
Kommt und laßt uns mit ihm fröhlich sein.

Reiß dich los und eile ins Vaterhaus!
Er, dein Vater, schaut schon längst nach dir aus.

Er, dein Vater, will dir vergeben.
So beginnst du ein neues Leben.

 

Niemals wird das Feiern zuende sein.

Nach der Fremde bist du ja nun daheim.

Seine Familie fand die Idee nicht so lustig. Solch ein fröhliches Lied kann man doch nicht zu einer Beerdigung singen! Warum eigentlich nicht? Je öfter ich den Text lese, desto passender finde ich ihn. Vor allem die letzte Zeile: „Nach der Fremde bist du ja nun daheim.“ Das ist doch unsere christliche Hoffnung, das ist doch Kern unseres Glaubens: Jesus besiegte den Sündentod. Wenn unsere menschliche Hülle stirbt, kommen wir nach Hause. Ein Kind meiner Kommilitonin pointiert diesen Gedanken bei einer Beerdigung: „Warum bist du traurig, Mama? Er ist doch jetzt im Himmel!“

Als Protestant kommt man gleich in den Himmel. Ein Systematik-Dozent hat uns immer gerne Anekdoten erzählt. Eine stammte aus seiner katholischen Vergangenheit: Er erzählte von einer Beerdigung, die er miterlebt habe. Eine der Hinterbliebenen fragte den Priester, ob der Verstorbene nun im Himmel sei? Nein, meinte dieser dann. Der ist natürlich zuerst im Fegefeuer.

Ich bin froh, dass ich mir gestern nicht vorstellen musste, dass meine Großtante nun im Fegefeuer weilt. Lieber denke ich daran, wie sie ihren letzten Abend auf Erden im Kreise ihrer Familie genießen konnte und wie sie nun „nach der Fremde daheim“ ist. Zum Glück war sie ja evangelisch.

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