Unter Heiden (8): Ein Land, zwei Welten

Diesen Herbst jährt sich der Mauerfall zum 25. Mal. Ein Vierteljahrhundert ist seit der Revolution im Herbst ’89 vergangen. Die meisten Theologiestudierenden sind jünger! Man könnte meinen, es würde sich gar nicht mehr lohnen, über Ostdeutschland zu reden und zu schreiben. Dass dem nicht so ist, behaupteten vor ein paar Wochen erst eine Reihe junger Menschen, die eine ostdeutsche Biographie haben im Magazin der Wochenzeitung DIE ZEIT. Und sie haben Recht.

Nach langer Unterbrechung geht es weiter mit Unter Heiden. Seit Februar hat es keine neue Kolumne über das Leben und den Glauben der Menschen in Ostdeutschland gegeben (Mehr zur Unterbrechung und zur Zukunft von Unter Heiden auf meinem Blog). Doch die Heiden sind ja nicht alle Ossis und ihre Themen gehen uns alle an.

Unsere Nazis, eure Nazis

Noch immer wird über Ostdeutschland geschrieben, als handelte es sich dabei um ein terra incognita. Zum Beispiel scheint es in Deutschland prinzipiell zwei Arten Nazis zu geben: Unsere Nazis und eure Nazis.

Wenn eure Nazis mit Hooligans gegen Salafisten den Straßenkampf aufnehmen und dabei vierzig (40!) Polizisten verletzt werden, dann berichten alle darüber — lang und breit. Liegt es daran, dass mit dem radikalen Islamismus noch eine zweite Bedrohung des friedlichen Zusammenlebens involviert ist? Oder daran, dass so etwas bei euch nicht vorstellbar erschien?

Wie wird die Berichterstattung der großen Zeitungen und Fernsehsender, wie wird unser Hinsehen ausschauen, wenn der nächste geschönte Bericht über rechtsradikale Gewaltaten erscheint und wie immer bestätigt, was wir alle zu wissen scheinen: Rechtsextremismus ist ein Ossi-Problem?

Die Nazis und die dummen Ossis

Wie fällt die Berichterstattung darüber aus, wenn wieder Nazis oder ihre blaugefärbten Gesinnungsgenossen in ostdeutsche Land- und Kreistage einziehen, es vielleicht schon bald den ersten Bürgermeister der AfD zwischen Elbe und Oder geben wird? Sind es dann wieder die Ossis gewesen, die sich haben einlullen lassen, wie in den Artikeln zu den Landtagswahlen diesen Herbst fast durchgehend anklang? Oder schauen wir endlich auf die Chefs sowohl der Nazis als auch ihrer rechtspopulistischen Geschwister? Die kommen seit der Wende aus dem Westen, haben den Osten als idealen Brutkasten ausgemacht und ihn sich ganz gezielt ausgeguckt.

Hier verdienten die Nazis über Jahre gutes Geld: in Parlamenten, durch kriminelle und halbseidene Geschäfte und schließlich durch die Infrastruktur, die sie sich hier regional aufgebaut haben. Und nur weil die NPD nun aus dem sächsischen Landtag verschwunden ist, sind sie und ihre vorgelagerten Organisationen nicht weniger gefährlich geworden.

Seuche Rechtsextremismus

Über die Jahrzehnte wurde Ostdeutschland vom Rechtsextremismus verseucht. Rechte Überzeugungen finden sich heute tief in der Gesellschaft verwurzelt. Sicher, das mag auch im Westen so sein. Aber im Osten fehlt die breite(re) Schicht an vernüftigen Bürgertum — nicht nur auf dem Land. Die vermag es anderswo einiges zu verdecken. Und schließlich fehlen uns hier im Osten „die Ausländer“.

Ich weiß gar nicht mehr wie häufig ich von Mitbürgern aus den gebrauchten Bundesländern in den letzten Jahren Variationen des Satzes „Hier im Osten gibt es aber erfreulich wenige Ausländer“ gehört habe. Es sind Wessis, die sich in ihren eigenen Großstädten von den ganzen Kopftuchträgerinnen und Arabern offenbar unter Druck gesetzt fühlen. Ein Besuch im Osten kommt da einem Kuraufenthalt gleich.

Es fehlt das Korrektiv

Wie dem auch sei, das Fehlen von gesellschaftlichen Korrektiven durch aktive Minderheiten, sei es ein flächendeckendes liberales Bürgertum, eine lebendige Demokratie oder eben eine erquickliche Zahl Andersgläubiger oder anderswie Anderer sorgt dafür, dass hier der rechtsextreme Appell an das „Wir“, dass sich gegen „die Anderen“ zu wehren hat, besonders gut verfängt.

Sowas verzapft in Sachsen-Anhalt ein Kreisverband der Jungen Union (der Landesverband hat sich auf Twitter bereits distanziert):

Und an einem Landsberger Gymnasium feiert nazistisches Gedankengut und dazugehörige Folklore fröhliche Urstände. Lehrer, Eltern und Öffentlichkeit will davon nichts bekannt gewesen sein. Reaktion in der Region: kaum meßbar bis wohlwollend gleichgültig. Jedenfalls scheint die Normalbevölkerung von so etwas kaum überrascht. Wie ist es zu dieser Verrohung gekommen? Und ist sie allein ein ostdeutsches Phänomen? Die Beantwortung der ersten Frage fällt erschreckend leicht: Arbeitslosigkeit in der Familie, Verwahrlosung, Suff, das Gefühl dauerhaft und ohne eigenes Zutun abgehängt zu sein, Wut auf „die da oben“, die es all die Jahre haben nicht richten oder es einigen haben nicht Recht machen können, geringe Bildung, kaum Chancen auf Wohlstand — ich meine die Westvariante, nicht die Schmalspur-Ossiversion mit Minijob, Aufstockung, irgendwann Mindestrente. Das reicht doch erst mal zu. Die zweite Frage kann man getrost mit „Nein“ beantworten. Auch in westdeutschen „Problembezirken“ so mancher Großstadt geht es genauso zu. Das wird nicht nur statistisch nivelliert. Ihr betrügt Euch hier am meisten selbst, wenn ihr denkt, dass Euch diese Probleme nichts angehen. Ostdeutsche Debattenlage? In der Huffington Post stellt sich Sebastian Christ die Frage „Wie viel Faschismus steckt wieder in den Köpfen der Deutschen?“ und beantwortet sie recht geschwind mit „ne Menge“. Er macht dafür auch die laue Debattenlage in Merkel-Deutschland verantwortlich. Das ist Ironie vom Feinsten: Erst die Diskursunfähigkeit einer ostdeutschen Kanzlerin sorgt für das Widererstarken radikaler Meinungen? Sind am Ende wieder die Ossis Schuld, weil sie Demokratie nie gelernt haben? Viel eher ist es doch so: Es gibt in Deutschland (dem ganzen) eine inzwischen große Gruppe junger Menschen (vor allem Männer), die sich vom „normalen“ Way-of-Life ausgeschlossen fühlt und ihm deshalb bewusst den Rücken kehrt. Die einen packen ihre Sachen und schließen sich Islamisten an, reisen nach Syrien oder in den Irak, um sich als Kanonenfutter für die ISIS verbrennen zu lassen. Die anderen radikalisieren sich hier, bekehren sich zum Hass gegen Moslems, Juden und das Establishment. Und weil das diesmal alles auch online geschieht, kriegen wir das am Rande sogar mit. Die Alte Bundesrepublik liegt im Sterben

Mal ehrlich, so stellen sich doch viele von uns Deutschland noch immer vor. Alles gut geordnet, abgesichert, abgeschlossen. Auch 25 Jahre nach dem Mauerfall ist es nicht richtig zu sagen, dass die Alte Bundesrepublik mit der DDR untergegangen ist. Es gibt sie noch immer an vielen Orten der Republik und in vielen Köpfen der Wessis und Ossis gleichermaßen. Sie stirbt, nur sehr viel langsamer als die DDR gestorben ist.

Beispiel Parteien: Die alten SED-Kader sterben der LINKEN weg, so wie auch die alte CDU stirbt – die alte Sozialdemokratie und die FDP sind schon verreckt. Das hinterlässt Phantomschmerzen, wir nennen sie AfD.

Beispiel Nazivergangenheit und Gegenwart: Die alten Nazis und ihre Opfer sind bis auf wenige Ausnahmen tot. Wir kennen ihre Schicksale zum Großteil nur noch aus dem Geschichtsunterricht und aus Fernsehdokus. Ihre aktuellen Widergänger färben sich in der Wolle oder werden noch radikaler und gewalttätiger, sie knüpfen ganz bewusst wieder bei ihren Großvätern an und haben für die bundesdeutschen Nazis der letzten 50 Jahre nur Verachtung übrig. Und in der Öffentlichkeit finden sich Thesen und Gedanken wieder, die so weder in der Alten Bundesrepublik noch in der DDR geäußert werden durften. Den Umgang mit dieser pluralen, digitalen Öffentlichkeit müssen wir beiderseits der Elbe lernen.

Ein Land, zwei Welten

Vielleicht ist unser Land nicht mehr in Ost und West einzuteilen, auch wenn so viele Berichte, Reportagen und Statistiken es uns derzeit wieder glauben machen wollen. Ich will jedenfalls nicht krampfhaft an meinem Osten festhalten, es wird mir von Gleichaltrigen schon als Rückständigkeit ausgelegt. Und ich bin so ungern rückständig. Wir sind jetzt euer Osten und ihr seid unser Westen. Unser Land aber beherbergt ganz sicher zwei Welten.

Wir können es uns nicht leisten, vor der einen, anderen die Augen zu verschließen. Auch wenn uns, vielleicht als Theologiestudierende noch mehr als andere, mit ihr nichts verbindet und wir bisher unbehelligt von ihr aufgewachsen sind. Wenn wir den Osten ein wenig besser verstehen lernen, dann kann uns das vielleicht dabei helfen, diese andere deutsche Welt zu verstehen. Vielleicht ist auch hier der Osten nur ein wenig früher dran.

Bis zum nächsten Mal: Unter Heiden – Jesus war Ossi

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2 Kommentare anzeigen

  1. Felix Weise

    Wenn du nicht zwischen West und Ost unterscheiden willst, warum tust du es dann imm ganzen restlichen Artikel davor. Der ständige Gebrauch von „euch“ und „unser“, sowie von Ossis und Wessis – wozu? Und dann noch die ganze Zeit die Vereinahmung einer Opferrolle: „Die Wessis behandeln uns ungerecht und denken wir wären alle Nazis“. – Was soll das denn? Ich denke das zielt an der Wirklichkeit vorbei. Die Medien berichten über eine Demonstration mit Verletzten im Osten genauso wie im Westen. Sicherlich neigen manche Medien zur Pauschalisierung – aber tust du nicht genau das gleiche in deinem Artikel?
    Und selbst wenn in vielen Köpfen noch eine Teilung da ist, sind nicht Zeitungsartikel, Fernsehbeiträge und Blogs eine Möglichkeit dem entgegenzuwirken? Ich habe leider momentan den Eindruck, das genau das Gegenteil passier und überall die anhaltenden Unterschiede zwischen Ost- und West betont werden. Wozu? Unsere Generation hätte die Brücken vermutlich gar nicht so im Kopf, wenn sie von den Medien nicht heraufbeschworen werden.

    • Lieber Felix,

      so eine Kolumne soll ja immer auch ein Stück weit miterlebtes Nachdenken sein, insofern finde ich es wichtig, dass eine Entwicklung bemerkbar ist.

      Die Verwendung von „Ossi“, „Wessi“, „Euch“ und „Ihr“ und natürlich „Heiden“ ist ein Stilmittel, das ich in dieser Kolumne häufig (um nicht zu sagen, extensiv) verwende. Das ist ein Risiko, das weiß ich, weil die Wörter natürlich unterschiedlich interpretiert werden können. Ich mach das mit Absicht.

      Und dann noch die ganze Zeit die Vereinahmung einer Opferrolle: “Die Wessis behandeln uns ungerecht und denken wir wären alle Nazis”. – Was soll das denn? Ich denke das zielt an der Wirklichkeit vorbei.“

      Ich glaube nicht, dass ich das so geschrieben habe. Aber die Wahrnehmung des Rechtsextremismus in den Medien – darum ging es – ist meiner Meinung nach tatsächlich durch einen starken Ost-West-Bias geprägt. Ich befürchte, da steckt darüber hinaus noch mehr „Wirklichkeit“ drin, als uns allen lieb sein kann. Denn nicht wenige Ossis nehmen sich tatsächlich als Opfer der Geschichte wahr, wenn auch vielleicht weniger unsere Generation. Und zweitens, fällt es vielleicht häufig gar nicht mehr auf – sowohl den Journalisten, als auch den Lesern – wie stark mancher Narrativ über den Osten immer noch gepflegt wird. Dazu zählt meiner Meinung nach auch die Rede vom demokratieungeübten und etwas dusseligen Ossi.

      Sicherlich neigen manche Medien zur Pauschalisierung – aber tust du nicht genau das gleiche in deinem Artikel? Und selbst wenn in vielen Köpfen noch eine Teilung da ist, sind nicht Zeitungsartikel, Fernsehbeiträge und Blogs eine Möglichkeit dem entgegenzuwirken?

      Erwischt. Die Mittel in dieser Diskussion sind ja frei wählbar. Überzeichnung und Ironie sind meiner Meinung nach legitime Stilmittel. Nicht jeder Diskussionsbeitrag muss sachlich und „objektiv“ sein. Ich bekenne mich zu meiner Subjektivität.

      Unsere Generation hätte die Brücken vermutlich gar nicht so im Kopf, wenn sie von den Medien nicht heraufbeschworen werden.

      Mein Eindruck ist der, dass viele junge Menschen einfach behaupten und davon ausgehen, dass es keine „realen“ Unterschiede mehr gibt, weil sie (ich behaupte vor allem durch ihr priviligiertes Aufwachsen ist West und Ost) keine eigenen Erfahrungen damit gemacht haben. Was ich nicht unterschreiben würde. Die Medien konstruieren manchmal Unterschiede, wo keine sind (Demokratieverständnis, politisches Interesse, etc.) und übergehen solche, die tatsächlich existieren (unterschiedliche Familienbiographien, wirtschaftliche und soziale Unterschiede, etc.). Ich halte diese Unterschiede nicht unbedingt für eine Schwäche unseres Landes. Solange man sie kennt und sich mit ihnen auseinandersetzt. Ich stelle immer wieder fest, dass viele – gerade junge – Menschen aus „dem Westen“ „den Osten“ kaum kennen und sich ganz erstaunliche Vorstellungen vom Leben hier machen. U.a. deshalb schreibe ich diese Kolumne.

      Ich hoffe, ich konnte ein paar deiner Gedanken aufnehmen und freue mich auf deine Antwort.

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