Moment mal: Supergeile Kirche
Die imposante St.-Nikolai-Kirche in Stralsund (Foto: Max Melzer)

Wir haben in Deutschland viele, viele Kirchen. Und ich meine nicht etwa Denominationen, sondern die tatsächlichen Gebäude. So gibt es allein in Deutschland über 20.000 evangelische Kirchen und Kapellen.

Ihr kultureller Wert liegt auf der Hand. Jeder, der schon mal in einem wirklich beeindruckenden Kirchengebäude war, kennt das Gefühl der Erhabenheit, das von diesen Bauwerken ausgeht.

Allerdings sind die allermeisten Kirchen zugleich die Heimat von Gemeinden und deren Sonntagsgottesdiensten. Das ist nicht immer nur praktisch. Viele Gemeinden leiden unter ihren kostspieligen Gebäuden, die zu besseren Zeiten gebaut wurden und nun kaum noch finanziell tragbar sind. So erfuhr ich während Führungen in der Ostseestadt Stralsund, dass die Gemeinden, denen die drei gigantischen Stadtkirchen gehören, verzweifelt nach Möglichkeiten suchen, ihre Kirchen zu erhalten. Denn die Zeiten, als die Hansestadt von wohlhabenden Kaufleuten frequentiert wurden, sind längst vergangen.

Diese riesigen Kirchen sind außerdem auch kein idealer Ort mehr für geistliches Leben. So vermag die St.-Nicolai-Gemeinde in Stralsund ihre Kirche nicht einmal ansatzweise zu füllen, die ganze Gottesdienstgemeinde findet ohne weiteres auf Stühlen innerhalb des Altarraumes Platz. Eine intime Atmosphäre entsteht so nicht.

Das Innere der St.-Nikolai-Kirche in Stralsund. Die Gemeinde sitzt gewöhnlich *hinter* dem ersten Altar. (Foto: Max Melzer)

Das Innere der St.-Nikolai-Kirche in Stralsund. Die Gemeinde sitzt gewöhnlich *hinter* dem ersten Altar. (Foto: Max Melzer)

Es kann also nicht schaden, wenn wir als Kirche unsere Kirchen immer mal wieder neu entdecken. So sind mir in letzter Zeit zwei Projekte aufgefallen, die sich gerade damit beschäftigen. Das erste ist wohl eher eine Imagekampagne, ein viral angelegtes Video der Christuskirchgemeinde Hamburg. In einer witzigen Parodie der berühmten EDEKA-Werbung wird das alte Kirchengemäuer plötzlich „supergeil“:

Das zweite Projekt ist ein bemerkenswertes Experiment des französischen Künstlers Filipe Vilas-Boas mit dem Titel „Shooting Thoughts“. Seht selbst:

Die Idee finde ich faszinierend. Sie verbindet die altertümlich-ehrwürdige Atmosphäre hoher Kirchengewölbe mit moderner, interaktiver Technik (eine Verbindung, die – am Rande bemerkt – auch der Kirche insgesamt nicht schaden würde).

Was haltet ihr von solchen Experimenten? Glaubt ihr, dass das Modell „Kirchgebäude“ ausgedient hat? Diskutiert mit uns in den Kommentaren!

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2 Kommentare anzeigen

  1. Martin

    Spannende Installation, aber als Gebäude haben Kirchen wohl noch lange nicht ausgedient. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Leute das Angebot einer offenen Kirche wirklich nutzen. Die kommen rein, beten, weinen, schweigen oder schauen sich um. Solche Orte in denen das möglich ist, gibt es in der Stadt sonst nicht, oder?

  2. Thomas

    Ich bin stark dafür, Kirchenräume immer wieder neu zu entdecken und zu nutzen. Das muss nicht unbedingt modernste Technik sein, es kann auch mal eine Andacht wie zur Bauzeit der Kirche sein, mit wenigen Kerzen usw. Oder mal eine Nachtandacht ganz ohne Licht. Oder eine Veranstaltung, die einfach die ganze Nacht durch geht. Oder eben spannende Installationen mit Technik.

    Oder aber eine Öffnung des Raumes für Fremdnutzung: Konzerte von Bands, Spartenkino, Projekte gibt es verteilt über das Land viele.

    Wichtig ist dabei aber auch die Bestimmung des Kirchenraumes im Blick zu behalten und die Gemeinde mitzunehmen.

    Dann tut Kirche aber plötzlich etwas, was die Gesellschaft nachfragt: sie bietet Heimat, Spiritualität, einen vertrauten Rahmen – und holt die Leute aber dort ab, wo sie stehen. Nicht alle Leute überall. Aber sicher einen Teil derer, die heute in der Esoterik- und Weltreligionsecke im Buchladen stehen und sich ihre eigene Spiritualität basteln, weil die alte Kirche zu wenig nach außen gerichtet ist und oft nur Insider erreicht.

    Und dann ist die Unterhaltung der Gebäude wieder einfacher: wer sich angenommen und wohl fühlt spendet leichter, entweder Geld oder Zeit oder beides. Und jeder schafft positive Öffentlichkeit. Bis eine Gemeinde plötzlich wieder so eine breite Basis hat, dass sie fast wieder eine Volkskirche ist.

    Na gut, man muss viel festgefahrenes Verhalten der Kerngemeinde, Kirchvorsteher, Regional- und Landeskirchenämter dafür aufbrechen und sich intensiv engagieren. Aber es lohnt die Mühsal. Und man wird ja noch träumen dürfen.
    Auch von mehr zeitgemäßem Einsatz von Technik in Kirchen (und weniger Schreibmaschine- mit TippEx-Liedblättern ;-)

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