Moment mal: Auf Geisterjagd
Hellmouth, Master of Catherine of Cleves – Hours of Catherine of Cleves, Morgan Library & Museum (gemeinfrei)

Wir feiern Reformationsjubiläum, am kommenden Freitag ist es wieder soweit, diesmal zum 497. Mal. Doch hat auch hierzulande der heidnische Brauch des Halloween-Festes die feierliche Erinnerung der Reformation verdrängt. Und es sind nicht nur die „neuen Heiden“, die Halloween feiern, viele Christen nehmen am Spektakel teil. Eine Polemik.

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Hellmouth, Master of Catherine of Cleves – Hours of Catherine of Cleves, Morgan Library & Museum (gemeinfrei)

Einige Kirchenleute kämpfen noch. Sie versuchen sich Halloween zu erwehren. Das Fest wird als heidnischer Brauch denunziert, obwohl er ebenso starke christliche Wurzeln hat, wie keltische Ursprünge. Sie geißeln den kommerziellen Hintergrund des Festes, das sich natürlich an Kinder richtet und kritisieren, dass bei dieser Gelegenheit noch mehr Süßigkeiten, Spielzeug und Kram vertickt werden. Manche theologische Kritik geht so weit zu behaupten, dass die „Geisterwelt“, das Abseitige, Dunkle, Geheimnissvolle für Christen nicht von Bedeutung wäre. Ja, dass es unter Christen keinen Platz für den Glauben an Gespenster, Verstorbene, die nicht zur Ruhe kommen, gebe.

Natürlich ist das alles eine lächerliche Verkürzung der Lage. Auf der ganzen Welt gibt es christliche Bräuche, die deutschen Protestanten unbekannt sind und so gar nicht in den Kram passen dürften. Sie folgen häufig nicht der reinen Lehre, sind Verknotungen mit alten Volkstraditionen und animistischen Bräuchen. Gerade deshalb haben sie auch mehr Fleisch, verströmen Düfte und animieren zum Mitmachen. Dagegen stinkt die deutsche Festpraxis des Reformationstages ab.

Da ändert auch das Reformationsjubiläumsbohei der EKD nichts dran, auch keine Luther-Verehrung mit passendem Merchandising und Bonbonschleuder und erst recht nicht das beleidigte Schmollen der Kirchenleute, die „neuen Heiden“ wüssten halt einfach nicht, was gut für sie ist. Wenn es uns mit dem Reformationsfest ernst ist, dann muss es eben das bleiben: „ernst“, so richtig trocken protestantisch.

Von den Heiden lernen

Man muss den Reformationstag nicht gegen Halloween auspielen und umgekehrt. Was stattdessen Not tut, ist, Halloween als christliches Fest (wieder-)zuentdecken. Denn, lasst uns ehrlich miteinander sein: Halloween wird nicht einfach wieder verschwinden. Es geht darum, Halloween für das Evangelium zu reklamieren, in Besitz zu nehmen. Dafür muss man es natürlich erst einmal voll und ganz mitfeiern! Das ließe sich tatsächlich von den Heiden unter uns lernen.

Denn worum geht es? Um den Spaß am Verkleiden, in eine andere Rolle zu schlüpfen, die Nacht zum Tage zu machen, sich ein wenig zu fürchten, gemeinsam unterwegs zu sein, Süßes oder Saures zu schmecken, zu lärmen und die bösen Geister zu verscheuchen. Darin kann ich beim besten Willen nichts Schlechtes sehen. Und auch nichts, was dem Evangelium entgegen stünde.

Macht Euch mal locker!

Und wenn wir uns alle mal locker gemacht und Spaß an Halloween gefunden haben, dann, ja, dann können wir anfangen, anders über All Hallow’s Eve zu reden. Vielleicht ja so ähnlich wie im untenstehenden Video. Dann ist es Zeit, das Fest in die Kirchenmauern zurück zu holen, in denen kann man sich auch fürchterlich fürchten. Und was spricht eigentlich gegen eine Geisternacht in der Kirche? Das bedeutet im Übrigen nicht, dass der Reformationstag nicht gefeiert gehört: Am Morgen Reformationssause bitte ohne unsinnigen Kladderadatsch, am Abend dann raus zur Geisterjagd!

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5 Kommentare anzeigen

  1. Danke für den Artikel!
    Die Themen von Sterblichkeit, Tod und Angst sollten in den Kirchen ihren Platz haben, gerne auch performativ wie an Halloween.
    In der Kritik der Kirchen wird ja auch immer die Konsumorientierung des Fests kritisiert, aber dann müsste man doch bei Weihnachten viel lauter aufschreien!

    Nur nebenbei: Wenn man bei der Reformation auch mal die Schattenseiten in den Blick nehmen würde, wie die Verfolgung der Gruppen wie Schwärmer, Spiritualisten und Täufer und durch die altgläubige, wie auch die neuen reformatorischen Kirchen, dann würde der Grusel auch ganz gut zum Reformationstag passen.

  2. der Kommentar ist nur, um die Benachrichtigung zu abonnieren. Vielen Dank übrigens dafür!

  3. Michael Simon

    „Es geht darum, Halloween für das Evangelium zu reklamieren, in Besitz zu nehmen.“
    Ich glaube und hoffe nicht, dass das gelingen wird. In meinem (atheistischen) Sinne ist das auch gut so. Das Problem der christlichen Kirche ist, dass sie einfach als unlustig gilt. „Hölle und Abgrund werden nimmer voll, und der Menschen Augen sind auch unersättlich.“ (Sprüche 27,20) Wer anderen ständig mit Hölle, Teufel und Verderben droht, braucht sich nicht wundern, wenn sich die Angesprochenen mit der Zeit angewidert wegdrehen. Das Evangelium ist eben keine ‚frohe‘ Botschaft, sondern sie ist menschen-verachtend. „Jesus droht des Öfteren mit der Hölle und erwähnt häufig das Heulen und Zähneklappern, das dort herrscht (Mt 24,50-51, Lk 10,12-15, Mt 10,15; 23,33).“ schreibt Heinz-Werner Kubitza in seinem Buch ‚Der Jesuswahn‘. Was daran ‚froh‘ sein soll, können auch nur christliche Fundamentalisten entdecken. Deshalb werden christliche Feiertage mit weltlichen oder heidnischen Inhalten durchsetzt, um sie fröhlicher, lebensbejahender und ‚leichter verdaulich‘ zu machen. Wir haben max. 100 Jahre auf diesem Planeten, danach sind wir aufgrund des Zerfalls unseres Gehirns vollständig verschwunden. In dieser kurzen Zeit haben wir keine Lust auf Miesmacherei und Höllenqualen. Deshalb bringt der Weihnachtsmann vom Nordpol die Geschenke, der Osterhase bringt die bemalten Eier, in der Walpurgisnacht tanzen die Hexen und an Halloween vertreiben wir Geister und Gespenster, von denen wir wissen, dass sie nicht existieren. Das macht Spaß und stiftet ganz von allein Lebenssinn. Nur Christen, die an die Dualität von Körper und Seele glauben, sehen darin etwas Schreckliches. Für jeden aufgeklärten, naturalistisch denkenden Humanisten dagegen ist klar, dass es keine ‚lebenden‘ Leichen geben kann und das es keine wiederauferstanden Toten gibt, vor denen man sich fürchten muss. Mit dem Körper und dem Gehirn stirbt auch das Bewusstsein und die angeblich vorhandene Seele. Man ist dann für immer ‚weg‘, kein Grund also, dass sich die noch Lebenden davor fürchten müssen. Nicht das kindliche Verkleiden mit Masken und Schminke ist das Problem, sondern die Indoktrination mit erfundenen Geschichten sind es, bei denen kleinen Kindern erzählt wird, sie seien wirklich geschehen: „Da er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen und sein Angesicht verhüllt mit dem Schweißtuch.“ (Joh 11,43-44) Wer behauptet, dass wäre ‚tatsächlich‘ passiert ist der, der uns allen wirklich Angst und Bange macht.

    • Das Problem der christlichen Kirche ist, dass sie einfach als unlustig gilt.

      Das ist wohl kaum das Problem, sondern dass sie an der richtigen Stelle nicht mehr erst genommen wird, weil sie an falscher Stelle bockig reagiert.

      Das macht Spaß und stiftet ganz von allein Lebenssinn.

      Wie denn?

      Nur Christen, die an die Dualität von Körper und Seele glauben, sehen darin etwas Schreckliches.

      Stimmt nicht. Artikel bitte noch mal lesen.

      • Michael Simon

        „Das ist wohl kaum das Problem, …“

        Ich sehe das als eines der Hauptprobleme an. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Stimmung und Atmosphäre in der Kirche extrem bedrückend und beängstigend ist. Wieso soll ich einmal in der Woche mich in eine Situation begeben, in der ich das Gefühl vermittelt bekomme, dass ich schlecht bin, ein Sünder, der in der Hölle landet? Ich war früher (fast) jedesmal froh, wenn der Gottesdienst vorbei war und ich (endlich) nach Hause gehen durfte. Und die aktuellen Gottesdienste sprühen auch nicht gerade vor Lebensfreude.

        „sondern dass sie an der richtigen Stelle nicht mehr erst genommen wird, …“

        Was soll denn das für eine richtige Stelle sein? Dort, wo das Christentum richtige Aussagen getroffen hat, sind diese bereits längst in Allgemeingut übergegangen (siehe Allgemeine Erklärung der Menschenrechte) und dort wo das Christentum falsche Aussagen macht, ist es lächerlich diese weiterhin als ‚wahr und richtig‘ zu verkaufen. Als Beispiel nenne ich mal folgendes: „Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Reich Gottes komme.“ (Mk 10,25) Gemäß Wikipedia hat die katholische Kirche in Deutschland ein geschätztes Vermögen von 200 Milliarden Euro. Das Vermögen der Vatikanbank liegt Schätzungen zufolge bei rund sechs Milliarden Euro. Die katholische Kirche hat alleine in Italien 10.000 Immobilien. Die Anhäufung von einem unvorstellbaren Sach- und Geldvermögen will so gar nicht zu einem „Franziskus – Der Papst der Armen“ passen, wie es das ZDF am 13.03.2015 getitelt hat. Normalerweise dürfte kein einziger katholischer Würdenträger ins Reich Gottes kommen. Natürlich reden sich die Würdenträger raus und sagen: ‚Wir sind ja gar nicht reich, ich persönlich bin arm. Nur die unpersönliche Institution ist reich.‘ Wenn es einen Gott geben würde, würde er sich sicherlich nicht durch so einen buchhalterischen Trick hinters Licht führen lassen, denn eins ist klar: Kirchliche Würdenträger lassen sich fürstlich für ihre Arbeit entlohnen und genießen den Reichtum ihrer Kirche dadurch, dass sie diesen Reichtum nutzen.

        „Wie denn?“

        Ganz einfach: Wir leben nur max. 100 Jahre – danach sind wir unwiederbringlich ‚weg‘, da unser Bewusstsein mit dem Gehirn verschwindet. Nutzen wir also jeden Tag, indem wir uns an dem erfreuen, was uns auf diesem kleinen blauen Planeten am Rande der Milchstraße geboten wird. Spaß im Leben zu haben, sich mit anderen freuen, dass man sein Leben hat und genießen darf reicht doch völlig aus. Da brauche ich keinen Jesus und keinen Jahwe noch dazu.

        „Stimmt nicht.“

        Was genau stimmt nicht? Im Artikel steht „Dann ist es Zeit, das Fest in die Kirchenmauern zurück zu holen, in denen kann man sich auch fürchterlich fürchten.“ Genau da sehe ich das Problem! Selbstverständlich kann man sich in Kirchenmauern fürchten, aber im Gegensatz zu Halloween, wo alles nur Spaß ist, ist die Kirche ‚todernst‘. An einem Ort, wo Ernsthaftigkeit geboten ist, kann man keinen Spaß haben. Zumindest ist das meine Erfahrung. Wer sich also in der Kirche fürchtet, tut das also ‚wirklich‘, während das Gruseln auf den Straßen teil des ‚Just for fun‘ ist.

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