Moment mal: Der Satz Oder: Wie Idea mein Leben veränderte

Seit einigen Tagen wird mein frommes Gemüt von quälenden Fragen bezüglich der Ernsthaftigkeit meines Glaubens bewegt. Ausgelöst wurde diese existentielle Krise durch die Lektüre eines regelmäßig erscheinenden christlichen Magazins. Dieses konfrontierte mich bereits einleitend mit folgender Überschrift: „Die Islamisten sind unter uns! Was nun?“ Ich bin tief in mich gegangen und habe auch alle weiteren Artikel des Heftes, die sich mit diesem Thema beschäftigten, mit reger Aufmerksamkeit gelesen. Aber das Gefühl vom Islam bedroht zu sein, wollte sich beim besten Willen nicht einstellen.

Selbst die Unverfrorenheit gläubiger Muslime, Gebetsräume an Schulen zu fordern, ließ diesbezüglich kein Unbehagen in mir aufkommen. Schon leicht beunruhigt studierte ich deshalb direkt die nächste größere Artikelüberschrift in der Rubrik „Aberglaube“: „Heidentum erschwert den Kampf gegen Ebola“. Das hat mich zugegebenermaßen dann doch ziemlich vom Hocker gehauen. Denn das Bewusstsein in einer Welt zu leben, die zum einen Teil aus Christen und ihren jüdischen Geschwistern besteht (wie ein anderer Artikel vermittelt), zum anderen aus gefährlichen Islamisten und zum dritten aus abergläubigen Heiden, war mir offengestanden genauso neu, wie die Tatsache, dass Ebola nur eine vergleichsweise Lappalie wäre, wenn die Westafrikaner Jesus Christus endlich als Herrn und Heiland anerkennen würden.

Naja, zum Glück lernt man nie aus – und an weiteren Erkenntnissen mangelte es nicht. So musste ich im Folgenden noch von mancher Ungeheuerlichkeit lesen, die Christen in Deutschland tagtäglich erleiden müssen: Angefangen bei der manipulativen Stimmungsmache der Öffentlich-Rechtlichen gegen nur in unbedeutendem Maße radikale Evangelikale und bis hin zu den mittlerweile hinlänglich bekannten diktatorischen Maßnahmen des Staates sexuelle Diversität und Genderfragen an Schulen thematisieren zu lassen.

Auch der ausführliche Bericht vom Besuch einer atheistischen (gottesdienstähnlichen) Versammlung (inklusive einer Übersetzungshilfe des Autors für die dort gesungenen englischsprachigen Lieder; Bsp.: „Nun, da der Regen weg ist, kann ich klar sehen.“) brachte zumindest die Bestätigung meiner zuvor nur selten aufgekeimten Vorahnung, dass Menschen, die ohne Gott durchs Leben gehen, putzig-weltfremde Naivlinge sind.

Kurz und gut, je länger ich las, desto klarer wurde mir, wie sehr ich bisher auf dem Holzweg gewesen war. Alles ergab auf einmal Sinn, die Widersprüche allen Seins begannen sich aufzulösen, die Wahrheit war nur noch eine Handbreite entfernt … da kehrte mein Blick auf eine der vorderen Seiten des Magazins zurück.

Meine Augen fanden die ersten Zeilen einer Kolumne, einen verworrenen und wenig strukturierten Text (in manchem dem Vorangegangen vielleicht gar nicht so unähnlich), der vieles aufgriff und nichts so richtig ausführte, und doch zumindest ein ungeschriebenes thematisches Gesetz heutiger Kolumnen beachtete: Am Ende geht’s immer um vegetarisches Essen.

Und so kulminierte das Textchen in einem Satz, der – wie eine Freundin es formulierte – auf so vielen Ebenen falsch ist, dass er meine eingeschlafene Widerstandskraft gegen all den zuvor gelesenen Blödsinn zielsicher aufweckte und mich gleichzeitig in schiere Verzweiflung zu stürzen imstande war. Ein Satz, so unfassbar flach, dass es mir schwerfällt ihn selbst in einer Kolumne zu wiederholen, auch wenn er wie beschrieben aus einer stammt. Ein Satz, den man sich vermutlich immer wieder laut vorsagen sollte, wenn man daran zweifelt, ob es legitim ist, sich auch im Glauben der Vernunft zu bedienen. Ein Satz, wie ein Mahnmal. Dieser Satz: „Jesus wurde Fleisch, nicht Gemüse!“

Noch Fragen? In diesem Sinne …

(Sämtliche Anspielungen und Zitate entstammen der aktuellen „idea spektrum“ [Ausgabe 42.2014])

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2 Kommentare anzeigen

  1. Anne49

    wer IDEA liest ist selber schuld…

  2. lugoe

    Deswegen lese ich diese evangelikale weltfremde Stimmungsmache seit Jahren nicht mehr wirklich. Nur wenn ich mich aufregen will oder wie der Autor dieses Textes: Wenn ich mal wieder zu weit von der Wahrheit meines Glaubens entfernt bin. Danach sieht man doch viel klarer. Oder wie im Artikel zitiert: „Nun, da der Regen weg ist, kann ich klar sehen.“ Amen

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