Moment Mal: Kerwe

Heute, am Donnerstag, da ich diesen Beitrag schreibe bin ich leicht angespannt und wenn ich daran denke, dass das in den kommenden Tagen nicht besser wird, höre ich meine knirschenden Zähne sogar selbst. Ich bin heute morgen vom Dröhnen der Laubsauger aufgewacht – gestern schmunzelte ich noch über den Cartoon von Ruthe, heute höre ich sie den ganzen Tag saugen; und wenn die Arbeiter vom Bauhof nicht saugen, dann fegen sie, oder fahren mit der Kehrmaschine durch die Straßen. Im Ort ist Großputz angesagt – morgen beginnt die Kerwe, oder wie es an anderen Orten heißt, Kirmes oder Kirchweih, oder noch anders. Ab morgen höre ich dann nicht mehr die Laubsauger durch die Straßen heulen, sondern vom Schulhof her das Tröten der Boxautos, das Bimmeln des Kinderkarussells, den Bass der Live-Bands.

Es ist nicht so, dass ich die Kerwe nicht mag oder so. Im Gegenteil, ich genieße es, wenn die ganze Familie (drei Generationen) am Sonntag zusammen kommt und wir gemeinsam in einer der Kerwewirtschaften essen gehen. Zumindest war das mal so. Inzwischen ist die dritte Generation in alle Winde verstreut, zum Teil auch schon Vertreter der vierten Generation auf der Welt – da ist es nicht mehr so einfach, so unterm Jahr mal zusammen zu kommen. Das Leben verändert sich und geht weiter.

Die Veränderungen auch im Ort sieht man gerade an der Kerwe – die Kerwewirtschaften werden weniger und auch der Festplatz ist vom Aussterben bedroht. Letztes Jahr stand ich um 20 Uhr auf einem leeren dunklen Platz mit geschlossenen Buden, weil keiner mehr da war. Aber warum? Hat die Kerwe ihren Reiz verloren? Es ist ja nicht so, dass zur selben Zeit aus aller Welt die Menschen nach München ziehen, um dort das Oktoberfest zu erleben. Ist die Kerwe also einfach nur zu klein, zu örtlich, oder zu alt? Die Tradition der Kerwe geht bis ins Mittelalter zurück, auf Wikipedia und auch anderen Seiten findet man unter dem Stichwort „Kerwe“ oder „Kirchweih“ Gesetzestexte, die wiedergeben, dass es mancherorts wohl ziemlich heiß her gegangen sein muss. Oder hat die Kerwe einen Namen, der nicht ansprechend genug ist? Wenn im Frühjahr im Nachbarort Mathaisemarkt ist, kommen die Menschen auch kilometerweit angefahren.

Die Kerwe ist ursprünglich ein Fest gewesen, das quasi zum Geburtstag des Kirchengebäudes am Ort gefeiert wurde, also zur Kirchweihe. Heute stellt man nur auf dem zweiten Blick den Bezug zur Kirche fest. Dadurch, dass die Kerwe in der Regel im Herbst statt findet, steht sie im Zusammenhang mit Erntedank. In meinem Heimatort fällt sie grundsätzlich auf das letzte Septemberwochenende, ein Zeitpunkt, zu dem der Wein eingefahren sein dürfte und die Winzer und Bauern sich ausgiebig ihrer Ernte erfreuen können. Aus diesem Grund steht im Programm wohl auch ausdrücklich für Sonntagmorgen der Kirchgang drin und der Festbetrieb beginnt nicht vor elf Uhr, aber dann mit Frühschoppen.

Leider muss ich feststellen, dass es von kirchlicher Seite keinen Bezug gibt. Im Gegenteil, dieses Jahr findet um elf Uhr die monatliche Familienkirche statt. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass der Termin der Kerwe wohl nicht mehr auf dem eigentlichen Termin der Kirchweihe liegt, aber das konnte ich bisher nicht prüfen. Sie scheint sich wohl einfach von der Feierwütigkeit distanziert zu haben. Dennoch ist zu beobachten, dass am Sonntag des Kerwewochenendes die gottesdienstliche Besucherzahl erhöht ist, da die Veranstalter der Kerwe – der Sing- und Volkstanzkreis – geschlossen in Tracht den Gottesdienst besuchen.

Ich werde morgen eher nicht mit den Zähnen knirschen, sondern selbst eine oder auch zwei Runden Boxauto fahren. Mit der Familie werde ich in den Kerwewirtschaften Schnitzel essen gehen, zum Kerweumzug werde ich am Straßenrand stehen, bekannten Gesichtern zuwinken und vom Laufen ausgedörrten Kehlen Wein ausschenken, sodass diese im Anschluss an den Umzug auf dem Festplatz wieder ausgiebig singen können. Das Leben an sich und im Ort verändert sich, aber es ist doch schön, noch Traditionen zu haben, die dabei Halt geben und Konstanten bieten, wie die abschließende Zuckerwatte am Montag.

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