Den Krieg fortsetzen – den Krieg abschaffen

Dem Friedensnobelpreisträger Obama fällt nichts anderes mehr ein, als am Tag der Erinnerung an den 11. September 2001 den Entschluss zu verkünden, den Terrorstaat IS bis zur Vernichtung zu bekämpfen. Wie will er das machen? Indem er mit Flugzeugen dessen Stellungen auch in Syrien bombardieren lässt und zugleich Soldaten schickt, die „moderate Rebellen“ im  Kampf gegen den IS ausbilden sollen. Er versichert, dass er auf keinen Fall wieder Kampftruppen schicken will. Andere sollen zur Verteidigung der USA kämpfen und notfalls sterben. Genau so handelt auch die Bundesregierung, wenn sie die Kurden im Kampf gegen den IS mit Waffen unterstützt, aber nicht mit deutschen Soldaten. 

Der „Krieg gegen den Terror“, den George W. Busch nach dem 11. September 2001  erklärt hat, und der nicht die Vernichtung der Terroristen zur Folge hatte, sondern ihre ständige Vermehrung, wird also jetzt von Obama und der Bundesregierung fortgesetzt.

Ist jetzt nicht die Stunde gekommen, wo die Kirchen ihr Zeugnis, dass es keinen gerechten Krieg geben könne, laut wiederholen müssten? Aber wie können die Völker, die von Waffen starren, jemals zu dem gerechten Frieden kommen, um den sich die Kirchen bemühen wollen?

Meine Überzeugung, die immer von neuem bestätigt wird, ist die, dass es immer neue Kriege geben wird, solange sich praktisch alle Nationen in der Welt auf Kriege vorbereiten, indem die Regierungen anordnen, dass Waffen für die Kriegsführung produziert werden und Männer und Frauen an diesen Waffen für den Ernstfall ausgebildet werden. Die Forderung „Nie wieder Krieg!“  oder „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“ wird erst dann wirklich ernst genommen, wenn eine Nation beginnt, die Institution des Militärs abzuschaffen. Unsere Kirchen sollten den Mut haben oder auch das Wagnis eingehen, mit den Worten des Memorandums 2014 oder mit eigenen Worten diese Gedanken nicht nur in Akademietagungen oder am Runden Tisch mit Experten, sondern in den  Kirchengemeinden selbst, zur Diskussion zu stellen.

140612 Gegen die Militarisierung der Welt auch durch Waffenexport aus Europa

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4 Kommentare anzeigen

  1. Kritiker

    Ich weiß, normalerweise sollte ich damit beginnen, meinen Respekt zu äußern, vor dem Mut, Engagement usw. des Autoren. Aber dies fällt mir schwer, angesichts der – sicher nicht beabsichtigten Engstirnigkeit, die ich beim Lesen bemerke. Es ist ein unglaublicher Hohn, wenn der Autor die USA dafür verantwortlich macht, dass die IS Kurden umbringen. Natürlich, da brauchen wir uns nicht streiten, trägt die USA eine große Mitschuld an den derzeitigen Verhältnissen im Irak. Sie hat in der Vergangenheit sehr vieles falsch gemacht, und sie tut das bis heute. Aber, und das gilt es zu beachten, die USA haben die Terroristen der IS nicht gezwungen, Menschen zu töten. Der Völkermord an den Jesiden ist den IS nicht befohlen worden. Das wollten diese selbst. Von daher sind Zeilen wie „Andere sollen zur Verteidigung der USA kämpfen und notfalls sterben. Genau so handelt auch die Bundesregierung, wenn sie die Kurden im Kampf gegen den IS mit Waffen unterstützt, aber nicht mit deutschen Soldaten“ absoluter Bullshit. Nein, die Kurden kämpfen nicht für die USA. Sie kämpfen für ihre Frauen und Kinder. Sie kämpfen für ihre Freiheit. Der Autor hat nicht verstanden, dass der Narrativ „nie wieder Krieg“ so nur in Deutschland existiert. Andere Länder haben den Narrativ „nie wieder Unterdrückung“. Sie weigern sich, wie Schlachttiere zur Schlachtbank geführt zu werden, nur weil wir Deutschen – gesichert durch ein friedliches Europa und unsere Verbündeten – Krieg nur noch von fern kennen. Die Verfolgten und getöteten Menschen im Irak können sich das nicht leisten. Christen, die Gottesdienste feiern, müssen z.T. Sicherheitsleute vor ihre Kirche stellen.
    Der Autor fragt, „Ist jetzt nicht die Stunde gekommen, wo die Kirchen ihr Zeugnis, dass es keinen gerechten Krieg geben könne, laut wiederholen müssten? Aber wie können die Völker, die von Waffen starren, jemals zu dem gerechten Frieden kommen, um den sich die Kirchen bemühen wollen?“
    Wäre es denn ein gerechter Friede, so frage ich, wenn die Kurden zusehen, wie ihre Frauen vergewaltigt und ihre Männer abgeschossen werden? Ist es das, was der Autor von ihnen verlangt? Die Kirche weiß, dass es keinen gerechten Krieg geben kann – übrigens ein Allgemeinplatz, sie weiß aber auch, dass es in dieser Weltzeit niemals einen absoluten und für alle gerechten Frieden geben wird. Dieses Eschaton steht noch aus. Es wäre kurzsichtig, wenn wir meinten, dass wir Frieden herstellen können, den doch nur Gott allein vollständig schaffen kann, wenn wir uns bewusst werden, dass wir immer Sünder bleiben (simul iustus et peccator). Es ist Größenwahnsinn, das zu behaupten. Es ist nicht christlich-realistisch.
    Nun will ich ja nicht alle Friedensanstrengungen verbieten. Es dürfte bekannt sein, was uns Christen im doppelgebot Jesu gesagt ist.
    Aber wir wissen auch, dass Staat und Kirche zweierlei Ding sind (zumindest Lutheraner wissen das). Sie haben Berührungspunkte, aber sie sind doch verschieden. Und ein Staat hat per Definitionem ein Gewaltmonopol, welches er zunächst nach innen durchsetzen sollte (welches i.ü. auch zur Befriedung beiträgt). Und außerdem besitzt der Staat die Verantwortung, für seine Bürger zu sorgen, auch, wenn diese (militärisch) angegriffen werden sollten.
    Unter diesen Umständen ist die Forderung nach einem waffenfreien Europa Bullshit.
    Noch eines zur den „Forderung[en] „Nie wieder Krieg!“ oder „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein““ – ich frage nur nach: Wo hat Gott dies so allabsolut gesagt? Oder ist es nur uns neuzeitlich-mitteleuropäischer Narrativ?

    Alles in Allem halte ich diesen Aufruf für weltfremd, schriftfremd, geschichtsfremd und sachfremd. Nicht, weil es den Wehrdienst gibt, gibt es Kriege, sondern weil Menschen habgierig, verblendet, fanatisch, stolz, unbarmherzig und böse sind. Weil der Mensch ein Sünder ist, deshalb gibt es Krieg.

    • mo_wie

      „Es ist Größenwahnsinn, das zu behaupten.“ gilt fuer den Gastbeitrag und die geaeusserte „Kritik“.

      Etwas (hier: Krieg) mit den Worten „..soll nach Gottes Willen nicht sein“ zu verurteilen befindet sich ungefaehr auf dem selben Niveau „kritischer“ Auseinandersetzung damit in Form von „Bullshit“.

      In diesem Sinne „danke“ ich beiden Beitraegen und Frage mich ob einer von beiden Autoren es schafft sich selbst zu kritisieren.

      Ein weiterer Kommentar zur Verdeutlichung:

      „Natürlich, da brauchen wir uns nicht streiten, trägt die […] eine große Mitschuld an den derzeitigen Verhältnissen im [xyz]. Sie hat in der Vergangenheit sehr vieles falsch gemacht, und sie tut das bis heute“

      „Dem Friedensnobelpreisträger […] fällt nichts anderes mehr ein, als am Tag der Erinnerung an den 11. September 2001 den Entschluss zu verkünden, den Terrorstaat [xyz] bis zur Vernichtung zu bekämpfen.“

      […] bitte ersetzen durch: (christliche) Kirche / USA / Obama.
      [xyz] frei nach belieben, gern auch mit den hinter […] genannten Punkten.

      Noch ein Punkt zur Reflektion an die Redaktion:

      Ich bezweifle stark, dass „wir ziemlich spontan(!) entschieden, das „Sommerloch“ mit einem Schwerpunkt zum Thema Krieg und Frieden zu füllen.“
      ziemlich spontan

      In diesem Sinne: Lesen. Denken. Schreiben.
      Fuer mich das letzte Mal bei theologiestudierende.de

  2. Hallo mo_wie,

    danke Dir für Deinen Kommentar. Meine Frage an Dich: Hast Du ganz grundsätzlich ein Problem damit, dass wir das Thema hier besprechen oder damit, dass im Rahmen einer solchen Aktion auch viele unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen?

    Für mich schließt das Lesen (und Mitarbeiten) bei einem Portal wie theologiestudierende.de auch ein, andere Meinungen als die meinige zur Kenntnis zu nehmen. Ich kann ja jederzeit in den Kommentaren oder mit einem eigenen Artikel widersprechen.

    Werner Dierlamm hat diese Möglichkeit hier genutzt und wir haben keinen Grund gesehen, sie ihm zu verwehren. Wenn Du alle Beiträge des Themenmonats Revue passieren lässt, wirst Du meiner Meinung nach sehen, dass Beiträge von ganz unterschiedlichen Positionen aus geschrieben wurden. Ich halte das für eine Stärke der Diskussion und theologiestudierende.de.

    Und als Letztes: Da der Themenmonat meine Idee war, bin ich mir ausreichend sicher, dass er eine spontane Idee war.

    PS: Zum Problem, den Willen Gottes in solchen Diskussionen zu proklamieren, habe ich auf meinem eigenen Blog geschrieben: http://philipp-greifenstein.de/minderes-unwohlsein-beim-anblick-des-deus-ex-machina/

  3. Michael Simon

    „Genau so handelt auch die Bundesregierung, wenn sie die Kurden im Kampf gegen den IS mit Waffen unterstützt, aber nicht mit deutschen Soldaten. “
    Ich begrüße das Memorandum 2014, wie oben abgedruckt, ausdrücklich. Trotzdem muss ich ein paar kritische Anmerkungen machen. Mich stört, dass es hier bei Lippenbekenntnissen bleibt. Leider haben wir in Deutschland keine vollständige Säkularisierung wie in Frankreich, sondern die christlichen Kirchen als KdöR haben erheblichen Einfluss auf den deutschen Staat. Sie nutzen diesen Einfluss auch zum eigenen Vorteil, wenn man sich die Eintreibung der Kirchensteuer und die Subventionierung von Diakonie und anderen Einrichtungen anschaut, genauso wie die Bezahlung der Bischofsgehälter usw. (vgl. http://www.stop-kirchensubventionen.de/). Die Kirchen könnten erheblichen Druck auf die Bundesregierung machen und eine entsprechende Öffentlichkeit erzeugen, immerhin haben die Kirchen gemeinsam ca. 50 Millionen Mitglieder. Aber, wie das auch in der Vergangenheit gewesen ist, machen sich die Kirchen eher mit den Mächtigen gemein, statt gegen Missstände und die Regierung wirksam vorzugehen: „Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm: Halt du sie dumm, ich halt sie arm.“ sang einst Reinhard Mey („Sei Wachsam“, auf Leuchtfeuer, 1996).
    Die aktuelle Bundesregierung wird zum großen Teil von einer ausdrücklich als ‚christlich‘ hervorgehobenen Partei geführt, alle Minister sind nicht konfessionslos, die Bundeskanzlerin selbst ist evangelisch (vgl. http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/kabinett-ohne-konfessionslose). Damit bekennen sich alle an der Bundesregierung Beteiligten ausdrücklich zum christlichen Glauben und sollten eigentlich das Memorandum 2014 unterstützen. Dies erfolgt aber nicht. Ein eindeutiger Verstoß gegen zentrale Inhalte christlicher Lehren:
    – „Du sollst nicht töten.“ Ex 20,2–17
    – „Ein neu Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebet, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander liebhabet.“ Joh 13,34
    – „Liebet eure Feinde, segnet, die euch verfluchen, tut Wohl denen, die euch hassen, bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen.“ Mt 5,43-48
    – „Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ Lk 6,35-36
    Was ist davon zu halten? Zum einen ist die Bundesregierung nur dem Namen nach christlich, nicht aber, wenn man ihr Handeln entsprechend beurteilt. Mensch sei Dank, könnte sich aber auch eine atheistische Bundesregierung nicht auf Kriegseinsätze berufen. Gemäß Art. 26 Abs. 1 GG, Art. 2 des Zwei-Plus-Vier-Vertrages und § 80 StGB sind Angriffskriege ausdrücklich verboten. Als einzige Ausnahme kann angesehen werden, wenn nach einer Resolution des UN-Sicherheitsrats gemäß Art. 42 oder Art. 53 der Charta der Vereinten Nationen, die eine Basis für das Völkerrecht ist, die Anwendung militärischer Gewalt unter deutscher Beteiligung beschlossen wird. Ich bezweifle aber, dass solche Resolutionen für alle bundesdeutschen Kriegseinsätze vorliegen. Damit verstößt also die Bundesregierung (egal ob christlich oder säkular) gegen deutsches Recht. Offiziell natürlich nicht, weil man einfach Angriffskriege zu militärischen Hilfseinsätzen umetikettiert. Die christlichen Kirchen könnten hier ihre Macht dazu benutzen dies anzuprangern. Beispielsweise könnten Minister exkommuniziert werden, Kirchen könnten sich aus staatlichen Aufgaben zurückziehen usw. Dies wird aber weder angedroht noch durchgeführt. Insoweit verbleibt es bei schönen Sonntagsworten, die jeder Politiker verbal unterstützt, die aber für sein politisches Handeln ohne Belang sind.

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