Moment mal: Ein Patentrezept

Als guter Christ kümmert man sich um die Alten, Kranken und Schwachen. Das weiß doch jeder. Durch den demographischen Wandel unserer Gesellschaft gibt es in jeder guten Nachbarschaft auch zahlreiche Seniorinnen und Senioren, die nur darauf warten sich mit dir unterhalten zu dürfen. Auf dem Dorf ist das auch kein Problem, da kennt sowieso jeder jeden. Als Student lebt man nun aber meistens in einer Stadt oder zumindest in dessen Vorort. Theologie kann man schließlich nicht offziell in der Dorfkneipe studieren. Zumindest nicht, wenn man hinterher diverse Leistungsnachweise vorzeigen muss.

Wie komme ich nun, um meiner christlich verstandenen Pflicht nachzugehen, mit den netten alten Menschen um mich herum in ein Gespräch? Wie erfahre ich, was sie bewegt? Wie erfahre ich, wer in der Wohnung oder gar im Haus gegenüber wohnt, ohne am Fenster zu stalken?

Dafür gibt es tatsächlich ein Patentrezept. Ein Patentrezept, das so gut wirkt, dass du gar nicht mehr anders kannst, als jede ältere Dame deiner Umgebung wie einen Magneten anzuziehen. Sie rufen dir sogar von ihrem Balkon zu und winken dir jedes mal (und damit meine ich wirklich jedes mal) von ihrem Stammplatz am Fenster zu, wenn du zufällig vorbeikommst. Du wirst nicht glauben, wie sehr sie sich freuen, in den selben Bus zu steigen wie du und wie selbstverständlich sie den engen Platz neben dir okkupieren.

Es ist ganz einfach: Du brauchst ein Baby. Dabei ist völlig unerheblich, ob es dein eigenes oder ein geliehenes ist. Wichtig ist, dass du lächelnd einen Kinderwagen vor dir herschiebst oder ein Würmchen im Tragetuch an deinem Bauch klebt. Jede entgegenkommende ältere Dame deiner Nachbarschaft wird dich anlächeln, wird dich nach dem Namen des Nachwuchses fragen, es angucken wollen und dir dann von ihren eigenen drei Kindern, den sieben Enkeln und vier Urenkeln erzählen. Ab und an wird dir eine Frage gestellt, die es reicht mit einem Lächeln zu quittieren, denn auf Grund ihres stundenlangen Sitzens am Fenster, wissen sie eh bereits alles über dich und deinen Tagesablauf. Details sind irrelevant. Nun erfährst du auch die ganze Lebensgeschichte deines Gegenübers. Und das jedes mal, wenn du sie wiedertriffst. Ab und an mischen sich wertvolle Erziehungstipps aus den Illustrierten von 1950 mit hinein.

Danach kannst du mit dem guten Gefühl, einer alten Dame Zeit geschenkt zu haben in den zweiten oder dritten Bus steigen (den ersten hast du schon bei den Enkeln verpasst) und dich deinem ursprünglichen Ziel nähern. Wenn du ganz gewitzt bist, hast du die Verzögerung schon eingeplant und kommst pünktlich zum Seminarbeginn in der Uni an.

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