Moment mal: Momente

Vor meinem Fenster liegt ein toter Vogel. Noch nie lag einer auf meinem Balkon. Ich frage mich, wie er dort hingekommen ist. Ich wohne im dritten Stockwerk, über mir ist auch noch eines, und dem Fenster ist noch der überdachte Balkon vorgelagert, aber dennoch muss der Vogel wohl gegen meine Scheibe geflogen sein. Im Stockwerk unter mir kommt es auch regelmäßig vor, dass Vögel dagegen fliegen, aber dann macht es nur kurz „tock“ und sie leben noch, vielleicht sind das die aufgeschreckten Vögel, die den Dachgarten in dem Geschoss genutzt hatten und in die falsche Richtung weg flogen. Der Vogel vor meinem Fenster muss wohl schon mehr Tempo gehabt haben. Wahrscheinlich war er nur einen Moment unaufmerksam und dann war es zu spät noch den einen Flügelschlag zu machen, um nach rechts über das Dach hinweg dem Tod zu entkommen.

Ein Moment kann so schnell und so entscheidend sein. Man kann Momente verpassen und wahrnehmen. Beider erinnert man sich noch lange, des verpassten häufig noch länger und genauer im Detail als des wahrgenommenen. Wie oft sitze ich und starre vor mich hin, erinnere mich eines solchen verpassten Momentes, oder auch eines Momentes, in dem ich im Nachhinein betrachtet falsch gehandelt habe, etwas falsches gesagt habe. Aber sind nicht gerade die Momente ein Teil dessen, was uns ausmacht? Momente, über die wir uns freuen, sie wahrgenommen zu haben, das Richtige gesagt zu haben, richtig gehandelt zu haben, das streben wir an zu sein. Momente, die wir verpasst haben, etwas Falsches gesagt haben, falsch gehandelt haben, das sind wir auch und das wollen wir verbessern.

Mit Blick auf den toten Vogel vor meinem Fenster erinnere ich mich eines Momentes vor vielen Jahren, wie ich mit meiner Schwester über einem Erdloch im Garten stehe, in dem ein toter Vogel liegt. Wir haben beide Schaufeln und ein Gesangbuch in der Hand, aus letzterem singen wir „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, bevor wir den Vogel Schaufel für Schaufel begraben und ein Kreuz aus zwei zusammen geknoteten Stöcken auf das frische Grab stellen. Ein Moment, der ein Teil dessen ist, was mich dazu gemacht hat, dass ich heute hier sitze, mit dem Wunsch Pfarrerin zu werden; der mich auch jetzt wieder zu Schaufel und Gesangbuch greifen lässt.

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