„Du sollst nicht töten lassen!“ Ein Interview mit Militärbischof Dr. Sigurd Rink
Militärbischof Dr. Sigur Rink

Militärbischof Dr. Sigurd Rink

Der neue und erste hauptamtliche Evangelische Militärbischof Dr. Sigurd Rink verrät uns im Interview wie der Alltag eines Militärbischofs aussieht, welchen Weg er in dieses Amt gegangen ist und was es bedeutet, Christ in der Bundeswehr zu sein. Auch aktuelle Themen wie Auslandseinsätze, Waffenlieferungen und die Situation in Ostereuropa werden nicht ausgespart.

theologiestudierende.de: Seit wann sind sie als Militärbischof im Amt?

Dr. Sigurd Rink: Am Montag, 8. September 2014, wird mir das Amt in einem Gottesdienst in Berlin übertragen. Mit der Arbeit habe ich aber schon am 15. Juli begonnen und zu diesem Datum begann auch das Arbeitsverhältnis mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Sie haben von 1979 bis 1983, also direkt nach Ihrem Abitur verschiedene Versöhnungsprojekte angeleitet. Hat Sie das (und wenn ja, inwiefern) in irgendeiner Weise inspiriert Theologie zu studieren? Welche anderen Überlegungen führten Sie ins Theologiestudium?

Es war genau anders herum: Das Engagement war eine Folge der Überzeugung, nicht deren Auslöser. Als Schüler bekam ich an der katholischen Stiftsschule St. Johann in Amöneburg viele wichtige Anregungen. Wir hatten sehr intensive Gesprächsgruppen zu gesellschaftspolitischen Fragen, zum Frieden, aber auch zu Glaubensthemen. Irgendwann stand mein Entschluss, Pfarrer zu werden. Und weil ich nicht nur studieren, sondern mich auch praktisch für Frieden und Versöhnung engagieren wollte, bin ich als Volontär nach Portadown in Nordirland gegangen.

Sie haben nach Ihrem Theologiestudium noch weitere Ausbildungen angeschlossen u.a. zum Kommunikationswirt. Was hat Sie dazu bewogen? Warum sind Sie nicht „traditionell“ im Pfarramt geblieben?

Zusatzaufträge sind im Pfarramt unserer hessischen Kirche keine seltene Ausnahme, sondern eher die Regel. Als ich mit 25% meiner Stelle mit der Öffentlichkeitsarbeit unseres Dekanats beauftragt wurde, habe ich mich nach einer geeigneten Fortbildung umgesehen. Beim Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik in Frankfurt gab es die Möglichkeit eines zweijährigen berufsbegleitenden Studiengangs und eines Praktikums. Das Praktikum habe ich bei der Frankfurter Rundschau geleistet – eine tolle Erfahrung! Aber ich wollte immer Pfarrer bleiben; die Fortbildung habe ich nicht als Alternative zu meinem augenblicklichen Beruf gesehen, sondern als Qualifizierung genau dafür. Auch die Annahme einer kirchlichen Leitungsaufgabe war für mich kein Berufswechsel; ich bleibe Pfarrer.

Laut Ihrer Biografie haben Sie selbst keinen Wehrdienst geleistet? Haben Sie sich bewusst dagegen entschieden? Wenn ja, aus welchen Gründen?

Ja, das war eine bewusste Entscheidung. Schon in der Schulzeit haben wir uns intensiv mit friedensethischen Fragen befasst, auch die Deutschen Evangelischen Kirchentage und der Konziliare Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung haben mich sehr geprägt. In der damaligen angespannten Situation der Blockkonfrontation und der atomaren Abschreckung konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich als Soldat einen sinnvollen Beitrag leisten kann. Formal lief es dann allerdings darauf hinaus, dass ich gar nicht dienstpflichtig war, weil ich Theologie studiert und mich auf das geistliche Amt vorbereitet habe.

Wie sind Sie zur Militärseelsorge und insbesondere zu Ihren Bischofsamt im Militär gekommen?

Das war eine längere Entwicklung. Ein entscheidender Punkt für mich waren die Geschehnisse in Ruanda 1993/94. Da wurde die internationale Gemeinschaft dadurch schuldig, dass sie den Völkermord nicht verhindert hat. Da wurde deutlich, dass Nicht-Handeln genauso Schuld bedeuten kann wie der aktive Einsatz von Gewalt. Manchmal ist der Schutz von Menschen nicht ohne flankierende militärische Maßnahmen möglich.

Einige Jahre später war ich dann Vorsitzender der Konvente der Evangelischen Akademien in Arnoldshain und Frankfurt. Da haben wir viele Tagungen zum Thema gemacht. Das war einer der Gründe, dass die EKD mich jetzt in das Amt als Militärbischof berufen hat.

Christliche Nächstenliebe und Militär sind für viele ein Widerspruch. Wie gehen Sie persönlich damit um und wie reagieren Sie auf Anfragen solcher Art?

Es gilt das Gebot: „Du sollst nicht töten.“ Und zur christlichen Verantwortung gehört auch dies Zweite: „Du sollst nicht töten lassen.“ In der noch nicht erlösten Welt sind wir gefragt, was wir tun können, um Gewalt einzuhegen und dem Unrecht zu wehren. Dazu ist ein staatliches Gewaltmonopol mit Polizei und Militär eine sinnvolle Einrichtung.

Wie sieht eine Woche als Militärbischof aus? Wie sieht Ihr Alltag aus? Gibt es überhaupt so etwas wie einen Alltag? Was sind Ihre konkreten Aufgaben?

„Ordinieren, visitieren, orientieren“, das sind – mit kirchlichen Vokabeln gesprochen – die Schwerpunkte der Amtsführung. Es geht darum, die Geistlichen nicht nur zu finden und einzuführen, sondern sie auch später in ihrem Dienst intensiv zu begleiten. Darüber hinaus muss und will ich mir mein eigenes Bild machen, wie es in der Seelsorge vor Ort aussieht. Dazu gehören auch Truppenbesuche sowohl im Inland als auch in den Einsatzkontingenten der Bundeswehr.

Und schließlich gilt es, die Stimme der evangelischen Kirche öffentlich zu Gehör zu bringen, wenn es um Fragen der Seelsorge für die uns anvertrauten Soldatinnen und Soldaten geht oder um die friedensethische Reflexion. Gerade dies zweite Thema geht natürlich nicht nur die Militärseelsorge an, sondern uns alle in der evangelischen Kirche. Hier will ich mich ohne Alleinvertretungsanspruch einbringen.

Haben Sie Auslandseinsätze? Wenn ja, wie oft? Wo waren Sie schon? Was steht als nächstes an?

Bereits vor meinem offiziellen Einführungsgottesdienst war ich im Kosovo bei den deutschen KFOR-Truppen. Manche nennen dieses Kontingent den „vergessenen Einsatz“, weil die öffentliche Aufmerksamkeit zur Zeit anderen Krisengebieten gilt. Im Augenblick gibt es deutsche Soldaten in Afghanistan, auf dem Balkan, im östlichen Mittelmeer, in Somalia, der Türkei, Mali, Zentralafrika, im Kongo, Sudan, vor dem Horn von Afrika und in der Westsahara. Zum Teil sind es wenige Personen – zum Beispiel in Beobachtermissionen – in anderen Einsätzen ganze Kontingente. In den ersten beiden Jahren meines Dienstes will ich alle deutschen Einsatzkontingente besuchen.

Ist die Militärseelsorge härter zu verkraften als die Seelsorge in einer „normalen“ parochialen Gemeinde

Nein. Auch wäre es interessant zu definieren, was „normal“ ist. Jede Gemeinde und jede Aufgabe hat ihre eigenen Herausforderungen. In der Militärseelsorge sind dies: Die Bereitschaft, sich für mehrere Monate von der Familie zu trennen und Einsätze zu begleiten; die Bereitschaft zu einem Leben unter einem gewissen Druck und manchmal auch in großer räumlicher Enge – zum Beispiel an Bord der Schiffe der Marine; das Wissen um akute Gefahren – zum Beispiel in Krisengebieten.

Faszinierend ist die ausgeprägte Geh-Struktur in der Militärseelsorge. Wer als Geistliche oder Geistlicher neu in eine Kaserne oder ein Einsatzkontingent kommt, findet oft nichts vor außer einer großen Offenheit und Neugier der Menschen. Es gibt in der Regel keinen Kirchenvorstand, keinen Mitarbeiterkreis, kein „Das haben wir schon immer so gemacht“. Oft sind nicht nur die Geistlichen neu in der Situation, sondern auch die Gemeinde ist gerade erst mit ihnen zusammen am neuen Ort in der neuen Situation angekommen. Unsere Pfarrerin im Kosovo kommt mit Bibel und Gesangbuch in Prizren an und fragt sich: „Was mach‘ ich jetzt als Erstes?“

Sie fragen, ob es „härter“ ist. Doch manches in der Militärseelsorge unterscheidet sich auch positiv von den bisherigen, zivilen Erfahrungen unserer Geistlichen. Viele berichten, wie erfüllend es ist, sich nicht als Manager, Gremienleiter oder Baubetreuer zu erleben, sondern vor allem und fast ausschließlich als Seelsorger, Gesprächspartner und Liturg gefragt zu sein.

Inwiefern wirkt sich die aktuelle Lage in den Kriegs- und Krisengebieten (Ukraine, Gaza-Streifen) auf Ihre Arbeit aus? Bzw. sind diese Gebiete oft Thema – in den seelsorgerlichen Gesprächen und auch im „normalen“ Gemeindeleben?

Ja. Das ist oft Thema. Gerade die Situation in Osteuropa brennt den Soldaten wirklich auf den Nägeln. Da fragen sich viele, wie es weiter geht.

Auf der Homepage der Militärseelsorge wird der Lebenskundliche Unterricht erwähnt. Geben Sie auch Lebenskundlichen Unterricht? Wie bereiten Sie Sich darauf vor?

Die formale Antwort ist: nein. Es gehört nicht zu meinen Aufgaben, selbst regelmäßig Soldatengruppen zu unterrichten. Aber die Aus- und Fortbildung unserer Geistlichen für diesen Unterricht und die Qualifikation für den friedensethischen Diskurs sind ein inhaltlicher Schwerpunkt unserer Arbeit im Kirchenamt.

Was glauben Sie, warum entscheidet sich ein Christ bzw. eine Christin zur Bundeswehr zu gehen und als Soldat bzw. als Soldatin zu dienen?

Da gibt es bestimmt ganz unterschiedliche Motive. Gerade jetzt im August wurde das neue „Schülerbarometer“ veröffentlicht, nach dem die Bundeswehr Deutschlands zweitbeliebtester Arbeitgeber ist – das wissen auch junge Christinnen und Christen.

Bei Gesprächen mit Soldatinnen und Soldaten wird schnell deutlich, dass viele von ihnen ihren Beruf nicht als bloßen Job sehen, sondern wirklich als Berufung. Das ist etwas für Leute, die für Werte stehen wollen. Von diesem Denken wird auch etwas in der Bundeswehr-Kampagne „Wir.Dienen.Deutschland.“ sichtbar.

Wie muss man sich das christliche Gemeindeleben eines Soldaten bzw. einer Soldatin vorstellen? Gibt es auch reguläre Gottesdienste? Wenn ja, sind diese gut besucht? (Eventuell sogar besser besucht als in den meisten Ortsgemeinden?

Ja, es gibt Gemeindeleben, Musik, Gesprächskreise, Gottesdienste. Ein Unterschied zum zivilen Gemeindeleben ist, dass fast alle der selben Berufsgruppe angehören, auch im Alter dichter zusammen liegen und sich in der Regel nicht nur im Gottesdienst sehen, sondern auch dienstlich miteinander zu tun haben. Aber auf den zweiten Blick staunt man, welche Vielfalt es innerhalb der uniformierten Bundeswehr-Welt gibt.

Auffallend in der Militärseelsorge ist, dass es weniger „Kasualien“ gibt, also weniger Gottesdienste zu Taufen, Trauungen, Konfirmationen, Goldenen Hochzeiten oder Beerdigungen. Ein anderes Kennzeichen ist die starke ökumenische Ausrichtung unserer Praxis. Vor Ort geht es eigentlich nur gemeinsam.

Der Gottesdienstbesuch ist unterschiedlich stark. Aber im Verhältnis zur Gesamtzahl der evangelischen Soldatinnen und Soldaten vor Ort, ist es oft eine sehr große Anzahl von Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern. Dafür sind wir dankbar. Das liegt zum Teil daran, dass viele teilnehmen, die (noch) gar nicht Mitglied einer christlichen Kirche sind; diese Gruppe macht immerhin fast vierzig Prozent der Bundeswehrangehörigen aus.

ISAF Reportage

Weihnachtsgottesdienst im Lager des deutschen Einsatzkontingentes in Kunduz, Foto von Medien Bundeswehr ©Bundeswehr/PIZ KUNDUZ, bestimmte Rechte vorbehalten

Die Familien der Soldaten und Soldatinnen gehören auch zur Militärgemeinde, statt zu ihrer Ortsgemeinde. Wie groß sind die Entfernungen für etwaige Veranstaltungen?

Diese Fragestellung beruht auf einem Missverständnis. Nach dem Militärseelsorgevertrag zwischen der Bundesrepublik und der Evangelischen Kirche in Deutschland bleiben auch die Angehörigen des „personalen Seelsorgebereichs“ der Militärseelsorge zugleich Glieder ihrer Ortsgemeinden (Artikel 8,1). Aber es gibt natürlich Veranstaltungen, die die Militärseelsorge besser anbieten kann als die Ortsgemeinde, wenn wir zum Beispiel die Angehörigen von Einsatzsoldaten zum Erfahrungsaustausch einladen. Da sind die Wege manchmal weit, aber dafür treffen die Eltern, Partner oder Kinder andere, die in der selben Situation sind wie sie.

Sie stellen Sich hinter die Position des Bundespräsidenten, dass Deutschland auch im Ausland durchaus militärisch agieren sollte. Dies schließt auch Rüstungsexporte ein. Können Sie Ihren Gedankengang diesbezüglich näher erläutern und theologisch begründen?

Der entscheidende Begriff in den Äußerungen, auf die viele sich beziehen, ist nicht „Militär“, sondern „Verantwortung“. Sie kann auf vielfältige Art wahrgenommen werden: diplomatisch, wirtschaftlich, durch Verträge. Seit dem Völkermord in Ruanda ist mir deutlich, dass wir auch militärisch nicht nur für das verantwortlich sind, was wir tun, sondern auch für das, was wir unterlassen.

Rüstungsexporte sehe ich sehr kritisch. Zwar spricht alles dafür, dass Deutschland mit seinen Bündnispartnern Waffentechnik austauscht und dass nicht jeder alles selbst entwickeln und herstellen muss. Aber wenn Deutschland Kleinwaffen außerhalb des Bündnisses liefert, frage ich mich schon, wo diese Waffen in zwei, drei Jahren sein werden und wer sie auf wen richtet.

Zum Abschluss noch eine Frage zu Ihren Hobbys, die Sie auf der Internetseite der Militärseelsorge angegeben haben: Spielen Sie aktuell in einer Band Schlagzeug? Haben Sie mal in einer Band gespielt? Und was machen Sie sonst gern, wenn Sie nicht gerade das Militär beseelsorgen?

Mein Privatleben ist zur Zeit durch den Umzug von Wiesbaden nach Berlin bestimmt. Hier habe ich mich noch keiner Band angeschlossen. Aber ich durfte schon dienstlich ans Schlagzeug: Im Gottesdienst in Prizren/Kosovo haben wir mit einer Band „Proud Mary“ von Creedence Clearwater Revival gespielt.

Was ich sonst so mache? Ich habe eine Familie, fahre begeistert Fahrrad (auch zur Arbeit ins Kirchenamt), schwimme im Tegeler See, solange das Wetter es noch zulässt, und freue mich auf das reiche Berliner Kulturleben im Winter.

Welche Frage hat fehlt Ihnen? Welche Fragen würden Sie gern noch beantworten? Möchten Sie uns noch einen Gedanken mitgeben?

Die Frage, die ich theologiestudierende.de gerne beantworte, lautet: „Was können Theologiestudierende tun, um das Arbeitsfeld der Militärseelsorge noch besser kennen zu lernen als durch dieses Interview?“ Die beste Möglichkeit ist die eines Praktikums bei uns. Im Internet gibt es eine Liste der Evangelischen Militärpfarrämter. Die Kolleginnen und Kollegen freuen sich über einen Anruf.

Militärpfarrerin oder Militärpfarrer können Sie aber erst dann werden, wenn Sie ordinierte Geistliche Ihrer Landeskirche sind und einige Zeit Gemeindeerfahrung haben.

Vielen Dank für Ihre Geduld und Ihre Aufmerksamkeit! Wir wünschen Ihnen Gottes Segen für Ihre Arbeit!

Vielen Dank für Ihr Interesse!

Die Fragen formulierte Corinna Sperlich, das Gespräch mit Sigurd Rink führte Walter Linkmann.

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