Eine Frage der Gewalt – „Noah“

Vor einigen Monaten kam der Film Noah in die Kinos und vor allem in christlichen Kreisen sorgte das für einiges Aufsehen. Verständlich, schließlich interessiert sich Hollywood nicht jeden Tag für biblische Stoffe. Wenn man sich den Film so ansieht, kann man nur sagen, ist vielleicht auch besser so. Der Film war ein (sehr amüsantes) Desaster: von der Story her, von den Charakteren her, von der schauspielerischen Leistung her, obwohl einige sehr gute Darsteller dabei waren (Emma Watson, wieso spielst du bei so etwas mit?). Auch die Theologie des Films war, gelinde gesagt, eher schwierig. Wir kommen darauf zurück. Ab hier kommen Spoiler. Ihr seid gewarnt!

Dieser Artikel ist Teil des Themenmonats „Krieg und Frieden.“

Die Geschichte (über die man auf gar keinen Fall näher nachdenken sollte) geht ungefähr so: Ein Führer eines Familienkultes drangsaliert seine Familie und droht ihnen mit Gewalt und Tod, während draußen die Welt untergeht. Äh, Moment, das war falsch. Noch einmal: Weil die Menschen so böse sind, will Gott die Menschheit zerstören und nur Noah und seine Familie übrig lassen. Dabei lässt Er aber offen, ob Noahs Familie die letzten Menschen darstellen oder nicht. Das bleibt Noah überlassen.

Als Noahs unfruchtbare Schwiegertochter zwei Mädchen bekommt, muss sich Noah entscheiden. Gegen das Flehen seiner Frau und die lächerlichen Gefechtsversuche seines Sohnes Sem marschiert er mit dem Messer in der Hand los und entscheidet sich im letzten Moment dafür, die Enkeltöchter doch zu küssen, anstatt sie abzustechen. Die Familie kann wieder zusammen wachsen. Außer Ham der immer noch sauer ist, dass er jetzt als Jungfrau sterben muss, weil sein Vater die für Ham bestimmte Gebährpartnerin (der Film ist zu unerotisch für Sex) äh, ich meinte „große Liebe“, zurückgelassen hat.

Parallel dazu versucht der Kain Nachfahre Tubal-Cain auf das Schiff zu kommen (was ihm gelingt) und Noah umzubringen (was ihm nicht gelingt). Dabei schwingt er große Reden, dass Gott ihn nie mochte und sich echte Männer alles mit Gewalt nehmen. Womit wir am thematischen roten Faden des Films angekommen sind: Der Gewalt. Ohne sie passiert nichts in diesem Film. Sei es die Gewalt Gottes (Sintflut, die Steinengel), die Gewalt der Nachkommen Kains (die sich nicht nur in exzessiven Waffenschmieden und sexueller Gewalt ausdrückt, sondern auch im Fleischessen) oder die Gewalt Noahs und seiner Söhne (zur Verteidigung des Willen Gottes).

In der Grundkonzeption des Films teilt sich die Menschheit in drei Gruppen: Nachkommen des Seth (Noah & Söhne), Nachkommen des Kain (Rest der Welt) und Frauen.

Das Schweigen der Frauen

Frauen bilden eine eigene Gruppe, da sie nur Opfer aber keine Anwender von Gewalt sein können: Naameh kann ihren Mann nur anflehen, seine Enkelkinder nicht zu töten. Sie kann nicht zum Holzbalken greifen und ihm eins überziehen. Beim Sturm auf die Arche sind nur männliche Soldaten anwesend. Eine Ausnahme bildet vielleicht Na’el, die einen Stein hochhebt, um sich gegen Ham zu verteidigen. Allerdings wirft sie diesen letztendlich nicht, wendet also ebenfalls keine Gewalt an.

Außerdem sind die Frauen anscheinend nicht in der Lage Erbe/Segen/Fluch von Seth und Kain weiterzugeben. Naameh, Ila und Na’el sind nach der Logik des Films Töchter Kains, doch diese Tatsache wird nie weiter thematisiert. Dazu passt, dass keine von ihnen, anders als Tubal-Cain oder Noah, je versucht, direkt Kontakt zu Gott aufzunehmen. Vor allem in Naamehs Fall, die Frauen und Kinder für ihre Söhne will, wäre das doch naheliegend. Schließlich ist Gott der Erschaffer des Lebens! Nicht Methusaleh oder Noah.

Die Gewalt der Söhne Kains (am Beispiel von Tubal-Cain)

Diese Gewalt ist natürlich die offensichtlichste. Sie beginnt mit Kain und prägt seine Nachkommen allumfassend und ohne Gnade. Sie richtet sich gegen die Natur, die Mitmenschen und gegen Gott. Gespeist wird sie aus zwei Quellen: Aus einem tiefen Empfinden, dass Gott immer die andere Nachkommensseite (Seth) bevorzugt hat und dem trotzigen Überlegenheitsgefühl, dass ihm die Welt daher umso mehr zusteht. Sei es Land, Segen Gottes oder ein Platz auf der Arche. Wenn Gott es nicht freiwillig rausrückt, muss es sich mit Gewalt genommen werden. Noch vielmehr: Männlichkeit drückt sich in Gewalttätigkeit und Kraft aus. Männlichkeit drückt sich in Herrschaft aus (diese Herrschaft scheint aber keine Diener für den armen Tubal-Cain einzuschließen. Er muss alles selbst machen.). Diese zutiefst selbstsüchtige Grundhaltung ist es, die Gott überhaupt dazu bewogen hat, die Welt zu zerstören. Tubal-Cains Stolz und die gleichzeitige Verzweiflung darüber, Gott nicht zu hören, ist eine der wenigen Stärken des Films.

Die Gewalt Noahs

Die Gestalt Noahs ist der wirkliche Pferdefuß am ganzen Film und das, was mich wirklich geärgert hat. Auf dem ersten Blick scheint Noah das komplette Gegenstück zu Tubal-Cain zu sein: Er ist vollkommener Diener Gottes und Beschützer von selbst der kleinsten Pflanze. (Er ist selbstverständlich Veganer, nehme ich an. Vielleicht lebt Noahs Familie auch von Luft und Liebe). Gott gibt ihm die Erde und Noah bewahrt sie. Das Problem beginnt mit der Sintflut. Noah ist der einzige mit einem Draht zu Gott. Er allein ist der AuserwählteTM, der in Gottes Auftrag handelt. Dadurch kann er von Gott autorisierte (richtige) Gewalt anwenden. Weil Noah eine Arche braucht, ist Gewalt gegen die Natur in Ordnung. Weil Noah das Innere der Arche verteidigt, müssen die heranstürzenden Massen getötet werden. Noah handelt nach Gottes Gebot und Gottes Gebot lautet: „Mach du mal! Ich finde alles schick, was du entscheidest!“ Oder so ähnlich war wohl Gottes Schweigen im Film gemeint. Noah hingegen interpretiert es so: „Die Menschen sind BÖSE! Es muss eine neue Schöpfung geben, aber diesmal ganz ohne Menschheit!“ Also nimmt Noah keine anderen Menschen auf. Das ist nicht explizit Gottes Wille, sondern vor allem Noahs Entscheidung, die durch sein negatives Menschenbild bestimmt ist. Nicht Gott sondern Noah bestimmt, wie das Ende der Welt aussieht.

Das wird an zwei Punkten klar: Als Nameeh Methusaleh um Kinder für Ila bittet, hilft er ihr. Dabei unterstreicht er aber, dass diese Kinder Noah am Ende vor eine Entscheidung stellen werden. Nämlich, ob er die Kinder tötet und damit die Vernichtung der Menschheit besiegelt oder nicht. Ähnlich ist auch die Reaktion Ilas zu verstehen, die als Mutter der beiden Mädchen am ehesten dagegen sein sollte, dass Noah jemals wieder in die Nähe der Familie gelassen wird. Sie sagt am Schluss des Films, dass Noah, der AuserwählteTM, die Arche bauen durfte, um am Ende allein zu entscheiden, ob die Menschheit es Wert ist, weiter zu bestehen. Das heißt, wenn er die beiden Mädchen getötet hätte, wäre das auch in seiner Autorisierung durch Gott geschehen. Auch wenn es ihn zur Verzweiflung treibt, auch wenn seine Familie sich abwendet, auch wenn er damit Tubal-Cain sehr ähnlich wird, Gott überlässt es ihm.

Dadurch wird Noah nicht nur Herr über die Natur und die Tiere. Er wird Herr über die Menschen. Daher muss ihn seine Familie wieder aufnehmen, weil Noah per se nicht unrecht gehandelt hat. Er musste an diese Grenze, weil er der Entscheider war, der Auserwählte. Damit steht er über der Moral. Er bekommt eine Autorität, die nur Gott zusteht, nämlich Herr über Leben und Tod zu sein (und wie er darunter leidet, all der Wein kann diese schreckliche Bürde nicht lindern!).

Diese Version unterscheidet sich von der biblischen in zwei wichtigen Punkten: Zum einem macht es Noah zum Hauptakteur und nicht Gott. In der Bibel entscheidet Gott, dass die Sintflut kommt. Er bewahrt Noah und seine Familie.

Zum anderen ist es in der Bibel von Anfang an klar, dass die Menschheit überleben wird. Die biblische Noah-Geschichte ist eine Bewahrungsgeschichte. Der Gott des Lebens garantiert, dass das Leben selbst während seines Gerichtes weitergehen wird.

Hier schickt er die Sintflut, lehnt sich zurück und schaut was rauskommt. Der Garant des Lebens wird Noah, was ihn letztendlich wie Gott erscheinen lässt. Und wenn das keine Sünde ist, weiß ich auch nicht weiter.

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Ein Kommentar

  1. Gestern konnte ich den Film auch selbst anschauen. Eine sehr treffende Analyse. Allerdings denke ich, dass die Figur Noahs nicht das Problem des Films ist. Noah verhält sich eigentlich ziemlich nachvollziehbar und authentisch – für jemanden in seiner Situation.

    Der eigentlich üble Protagonist in diesem Film ist m.E. Gott. Es mag ja sein, dass in unsere postsäkulare Welt ein Gott, der sich heraushält und die Menschen selbst über ihr Schicksal entscheiden lässt, gut hineinpasst. Und es mag sogar sein, dass das für unser Erleben oft eine sinnvolle Deutekategorie ist.

    Aber es macht eben keinen Sinn, wenn dieser Gott sich dann eben doch plötzlich einmischt und ohne klare Absicht eine Sintflut sendet. So ein Gott ist in der Tat grausam und das treibt im Film auch Noah zur Verzweiflung. Noah ist eben nicht der Entscheider, sondern ist dieser sinnlosen Flut genauso ausgesetzt wie alle anderen.

    Schlimmer als ein Gott, der sich konsequent heraushält ist einer, der völlig unberechenbar mal etwas tut, mal nicht.

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