Latte Macchiato Pazifisten

Dies las ich letztens als Kommentar auf tagesschau.de.[1] Es ging um den Tod von Theodor Van Kirk, einem der Piloten der Maschine, die am 6. August 1945 die Atombombe über Hiroshima abgeworfen hat. 70.000 Menschen starben auf einen Schlag, viele weitere an den Folgen.

Dieser Artikel ist Teil des Themenmonats „Krieg und Frieden.“

„Latte Macchiato Pazifisten“: Jene, die mit ihrem MacBook im Café sitzen – vermutlich Starbucks – ein leckeres Kaffeegetränk schlürfen und diejenigen verurteilen, die dafür gekämpft haben, getötet haben, gestorben sind, damit eben diese Menschen dort sitzen können und nicht Angst haben müssen, dass gleich der Feind um die Ecke kommt, den schnieken Apfel zerstört, den Kaffee selbst trinkt und alle anderen erschießt.

Ich kann sie verstehen, die Wut, die hinter einem solchen Kommentar steht, denn es ist einfach, Pazifist zu sein in einem Land wie unserem und alles andere zu verurteilen. Aber es ist schwer Pazifist zu sein, wenn du einem Menschen in die Augen siehst, der deine Eltern, deine Freunde, deine Kinder, dich im nächsten Moment töten wird, wenn du ihn nicht zuerst tötest. Es ist schwer Pazifist zu sein in einem Krieg, der auch deine Existenz bedroht.

Vor einigen Tagen saß ich noch in Jerusalem, wo ich ein Jahr lang studiert habe. Politisch korrekt: In West-Jerusalem. Eine Stadt, die zu einem Staat gehört, der sich im Krieg befindet. Eine Stadt, die mit Raketen beschossen wurde. Eine Stadt, deren Bewohner seit Jahrhunderten eigentlich nichts anderes erleben, als dass sie die Waffe in die Hand nehmen müssen, um sich gegen die zu verteidigen, die sie ausrotten wollen. Eine Stadt, in der fast jeder jemanden kennt, der durch den Konflikt zu Schaden gekommen ist. „Wenn ich nicht bereit bin, zu kämpfen, dann wird es uns bald nicht mehr geben.“ Wer kann da Pazifist sein? Da, wo selbst Anhänger linker Parteien, vergleichbar mit der deutschen Partei DIE LINKE, momentan das Handeln Netanjahus als richtig und besonnen empfinden, obwohl sie seine Politik insgesamt ganz und gar nicht gut finden.

Wer kann Pazifist sein im Kriegsgebiet?

In den Nachrichten sehe ich Christen, Jesiden, Schiiten und viele andere, die verfolgt und getötet werden. Kann ich es jemandem verübeln, der zur Waffe greift, wie es die Kurden tun? Müsste ein/e Pazifist/in in dem Moment sagen: „Nö, ich bin gegen Gewalt. Ich wehre mich nicht mit Waffen.“? Aber wer kann da Pazifist sein?

Dürfen wir es uns leisten, Pazifisten zu sein, obwohl wir vielleicht mit Gewalt etwas ändern könnten? Ich weiß keine Antwort auf diese Frage. Werden wir, als westliche Welt und ich, der ich dazu gehöre (so ist das in einer Demokratie) uns nicht eines Tages vor dem Herrn aller Herren dafür verantworten müssen, dass wir nicht eingeschritten sind bei dem Gemetzel in Syrien, im Kongo, im Irak …? Aber müssten wir uns nicht auch dafür verantworten, wenn wir einschreiten würden?

Sind wir nicht alle Dankbar für die Soldaten der Alliierten, die Hitler zu Fall brachten? Was wäre heute, wenn sie gesagt hätten: „Nö, wir sind Pazifisten.“? Aber hätte ich das ausführen wollen? Ich will niemanden töten, auch nicht für meine Freiheit und trinke weiter meinen Latte Macchiato und schreibe E-Mails.

Ich stelle Fragen und habe keine Antworten. Ich ringe damit, ob mir als Christ geboten ist nie, nie, nie, auch im Äußersten nicht zu töten. Ich lese Bonhoeffer, der sagt, dass sogar der Kampf das Gebot Christi im entsprechenden Moment sein kann, das Töten also geboten sein kann, von Gott höchstpersönlich. Der Krieg hingegen doch nie.[2]

Ich lese aber auch Shaine Claiborne, einen frommen amerikanischen Friedensaktivisten, der zu Beginn des Irakkrieges in den Irak reiste, um dort gegen den Krieg zu protestieren. Er schreibt, dass uns das Kreuz lehrt, dass es sich lohnt für etwas zu sterben, aber nicht für etwas zu töten.[3]

Und jetzt? Soll ich Pazifist sein mit allen Konsequenzen oder nicht?

Ich weiß es nicht, aber ich frage mich, wie man die Gotteskrieger im Irak bitte ohne militärische Gewalt aufhalten will. Und ich frage mich auch, ob ich mit dieser Frage nicht einfach nur meinen Kleinglauben beweise, mein mangelndes Vertrauen in den Gott, der sich der Gewalt der Menschen ausgeliefert hat bis zum Allerletzten und gerade darin diese Welt überwunden hat.

Übrigens, es gibt sie, die Pazifisten im Kriegsgebiet Israel-Gaza. Oder sagen wir mal so: Zumindest diejenigen, die andauernd auf der Straße sind und gegen jegliche Gewalt protestieren. Es sind Juden und Araber und sie wissen warum sie das tun, denn sie haben ein Familienmitglied in dem Konflikt verloren und wollen nicht, dass noch jemand das erleiden muss, was sie erleiden. Egal auf welcher Seite.

Ihr findet sie hier: https://www.facebook.com/ParentsCircleFamiliesForum und hier http://www.theparentscircle.org/

Es lohnt sich eines der persönlichen Statements zu lesen oder eines der Videos anzuschauen.


 

[1] 4Chan ist das Pseudonym des Kommentators. http://meta.tagesschau.de/id/88083/letztes-enola-gay-besatzungsmitglied-gestorben

[2] Vgl. Schlingensiepen, Ferdinand: Dietrich Bonhoeffer. 1906-1945 Eine Biographie, München 2005.

[3] Vgl. Claiborne, Shaine: Ich muss verrückt sein, so zu leben. Kompromisslose Experimente in Sachen Nächstenliebe, Gießen 52012.

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Ein Kommentar

  1. Ich finde, um die Frage nach der Gewaltanwendung zu beantworten, ist es wichtig, die Frage nach dem Wozu zu stellen. Wenn man frei nach der Antifa einfach „ISIS aufs Maul“ geben will ist das etwas anderes, als wenn man nach der Etablierung eines stabilen und umfassenden Frieden in der Region strebt und zu dem Schluß kommt, daß die ISIS da keine konstruktive Rolle spielen kann, sondern eine Gefahr ist.
    Sie militärisch zu bezwingen wäre IMHO weniger das Problem, als Stabilität zu schaffen. Das Militär kann nur das Erstere schaffen (und auch nur für eine Weile), daher denke ich, daß man zu kurz denkt, wenn man alles an der Frage „Militär ja oder nein“ aufhängt. Israel schafft es ja auch trotz klarer militärischer Überlegenheit nicht, Stabilität und Frieden zu etablieren.

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