Moment mal: Schlimm, schlimmer, Krieg?

Während Deutschland über die angemessene Form der Intervention im Irak und in Syrien debattiert und Margot Käßmann von der Überflüssigkeit der Bundeswehr träumt (das meine ich keinesfalls abwertend), lese ich einen Essay von C.S. Lewis aus dem Jahre 1940. Aus einer Zeit, in der sich Großbritannien in einem verheerenden, aber aus heutiger Sicht zweifellos notwendigen Krieg mit Nazideutschland befand, erklärt uns Lewis seine Haltung:

„Die Auffassung, daß Krieg immer eine Katastrophe sei, entstammt offensichtlich einer materialistischen Ethik, aus der Überzeugung, daß es nichts Schlimmeres gibt als Tod und Schmerzen. Aber das glaube ich nicht. Meiner Meinung nach ist es viel schlimmer, wenn eine höhere Religion durch eine primitivere, ja, schon wenn eine höherentwickelte weltliche Kultur durch eine ihr unterlegene ausgerottet wird. Auch die Tatsache, daß viele von denen, die im Krieg fallen, unschuldig sind, kann mich nicht groß beeindrucken. Ich finde, das macht den Krieg in einer gewissen Hinsicht nicht schlimmer, sondern besser. Alle Menschen müssen sterben, und die meisten auf ziemlich erbärmliche Weise. Wenn zwei Soldaten aus feindlichen Lagern einander im offenen Kampf töten – jeder im Glauben, daß sein Land im Recht ist, jeder in dem Augenblick, da seine Eigenliebe nichts mehr zählt und seine Opferbereitschaft alles –, dann scheint mir das bei weitem nicht das Schrecklichste in dieser schrecklichen Welt. Natürlich muß einer von ihnen (mindestens einer) im Irrtum sein. Und ebenso natürlich ist Krieg etwas sehr Schlimmes. Aber das ist gar nicht die eigentliche Frage. Die Frage lautet, ob Krieg das schlimmste Übel auf der Welt ist, so daß ihm jeder andere Zustand, den eine Unterwerfung zur Folge haben könnte, auf jeden Fall vorzuziehen wäre.“ (Lewis, C.S.: Ich erlaube mir zu denken. Essays zu zeitgemäßen und unzeitgemäßen Fragen, Basel 1982, 115f.)

Trotz der, wie ich finde, schlüssigen Argumentation zögere ich, mir die Ansicht Lewis‘ zu eigen zu machen. Nein, es ist kein religiöser Chauvinismus der mir Probleme bereitet. Den kann ich dem Absolutheitsanspruch des Christentums – oder besser: dem des Evangeliums – zuordnen. Und der steht für mich außer Frage.

Was mich zurückhält ist die Tatsache, dass es mir zu gut geht im Deutschland des Jahres 2014. Zu weit weg ist mir der Krieg, als dass ich ihn auf diese (oder auf andere) Weise rechtfertigen wollte. Aber so leicht werde ich die Provokation, die Lewis mir zumutet, dennoch nicht los. Vor allem als Christ ist mir sein Hinweis auf ein verborgenes, allzu materialistisches Weltbild sympathisch (Matthäus 10, 28). Außerdem erscheint es mir verdächtig, einen Gedankengang einzig aus dem Grund zu verwerfen, weil ich ihn nicht nachzuvollziehen wage. Auch Theologen müssen manchmal mutig sein.

Was ich sehr an Lewis schätze, ist, dass er nicht Halt macht bei seiner Kritik. Er ist weit davon entfernt sich damit zu begnügen, Krieg bloß als Notwendigkeit zu verteidigen. Resignation oder gar Zynismus liegen ihm fern:

„Ich denke, am meisten erreichen die Leute, die sich ohne viel Aufhebens für eine gute Sache einsetzen, etwa für die Abschaffung des Sklavenhandels, für eine Gefängnisreform, für eine Arbeitsschutzgesetzgebung oder für die Bekämpfung der Tuberkulose, und nicht diejenigen, welche meinen, sie könnten der ganzen Welt Gerechtigkeit oder Gesundheit oder den Frieden bringen. Die echte Kunst besteht wohl darin, mit den Mißständen, die uns direkt in unserem Leben begegnen, so gut wie möglich umzugehen.“ (A.a.O., 117)

Es reicht nicht aus grundsätzlich gegen Krieg, aber ansonsten für nichts bestimmtes zu sein. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ meint mehr als sich nicht zu bekriegen. Letztlich möchte doch jeder sich selbst nicht nur nicht schaden, sondern sich Gutes tun. Auch der Asket und der Selbstmörder handeln nach dieser Maxime. Sie haben nur etwas seltsame Vorstellungen vom Guten. Wichtiger als im Großen das Schlechte – hier: den Krieg – zu lassen, scheint mir, im Kleinen Gutes zu tun. Denn das Große kann nicht am Kleinen vorbei erreicht werden.

(Dieser Artikel ist Teil des Themenmonats „Krieg und Frieden.“)

Schlagwörter: , , , ,

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.