Vom Frieden singen – #SongofPeace

Über die Jahrhunderte hinweg haben Komponisten und Musiker sich sowohl dem Krieg als auch dem Frieden künstlerisch genähert. Vom Frieden singen, das heißt, den Krieg nicht vergessen, sondern zu verarbeiten.

Deshalb wollen wir gemeinsam mit Euch Kriegs-/Friedenslieder sammeln. Lieder und Musikstücke, die Euch bewegen, nachdenklich stimmen oder zum Lachen oder Weinen bringen. Unter dem Hashtag #SongofPeace sammeln wir hier in den Kommentaren, auf Twitter und Facebook Eure Vorschläge.

Den Anfang macht einmal Philipp, der hier seine TOP 5 vorstellt:

Dieser Artikel ist Teil des Themenmonats „Krieg und Frieden“.

1. The Battle Hymn of the Republic

Enstanden ist diese Hymne während des Amerikanischen Bürgerkriegs, geschrieben wurde der zugrundeliegende Text von Julia Ward Howe, einer prominenten Gegnerin der Sklavenhaltung und Frauenrechtlerin. Der Text nutzt biblische Motive, in die immer wieder Schlachtenszenarien aus dem Bürgerkrieg eingeflochten sind. Besondere Bekanntheit erlangte außerhalb der Staaten der Refrain „Glory, glory, hallelujah!“. Heute wird die Hymne bei zahlreichen (halb-)staatlichen Anlässen gesungen (wie im untenstehenden Video zur Eröffnung der Präsidentenbibliothek von Georg W. Bush).

Mit dieser Hymne lässt sich prächtig in den Krieg ziehen. Wer sie fürwahr hält, weiß Gott hinter sich, ja, auf seiner Seite mitkämpfend. Der Krieg erscheint als endzeitliches, heilsnotwendiges Geschehen, in dem man sich bewähren und bestehen soll. Insofern steht die Battle Hymn of the Republic einmal ganz abgesehen von gerechteren oder ungerechteren Kriegszwecken in der Tradition des Gott mit uns!, das bei weitem keine nur deutsche Geschichte hat. Krieger aller Zeiten versicherten sich nicht nur des Beistands Gottes; der Glaube, Gott stehe auf der richtigen — nämlich der unsrigen — Seite, hatte über Jahrhunderte starke propagandistische Wirkung und stärkte die Moral der Truppen immens.

Dagegen muss man aus heutiger Perspektive Widerspruch einlegen. Ein Gott des Friedens steht für keine Koppelschlösser oder Paniere zu Verfügung. Johnny Cash singt denn auch eine textlich veränderte Fassung. Die Battle Hymn of the Republic wird zum Gospel.

2. Verleih uns Frieden gnädiglich (Da pacem domino)

Dieses Lied kennen viele Christen hierzulande. Gerne wird es zum Ende eines (Fest-)Gottesdienstes gesungen, z.B. zum Ende des Reformationstagsgottesdienstes in der Schlosskirche zu Wittenberg. Martin Luther übersetzte dieses Lied im Jahre 1529 aus dem Lateinischen. Zu dieser Zeit stand das türkische Heer vor Wien. Das lateinische Vorbild stammt wohl aus dem 9. Jahrhundert. Johann Sebastian Bach nahm die Thematik und Motivik des Chorals in mehrere Werke auf, z.B. in seine Kantate Am Abend aber desselbigen Sabbats (BWV 42). Dort dient er als Schlusschoral und führt nochmals den Unterschied zwischen der Unruhe der Welt und dem Frieden bei Gott vor Ohren. Gleichwohl enthält er hier auch eine Bitte für die Obrigkeit, weise zu handeln. Der Choral steht damit auch in der Tradition protestantischer Obrigkeitshörigkeit.

Theologisch enthält der Choral eine Summe dessen, was zum Thema Frieden und Krieg zu sagen ist. Die Bitte um Frieden, auch ganz konkret für unsere Lebenszeit. Das Bekenntnis, dass Friede nur durch das Wirken Gottes entstehen kann. Die Mahnung, dass nur Gott für uns kämpfen kann. Auch wenn Luther selbstverständlich für eine kriegerische Abwehr der Türken votierte, blieb er den alten lateinischen Worten treu, so dass ihr subversiver Charakter erhalten blieb. Der Choral ist also ein universaler Bittruf, dass Gott Frieden schaffe und eine Ermahnung an die Menschheit, dass ihr Streiten umsonst ist. Heute wird auch die Taizé-Version des Liedes gerne und häufig gesungen.

3. Imagine

Imagine von John Lennon gehört zu den bekanntesten Popsongs aller Zeiten. Es gehört in den Kanon der Lieder, die am Lagerfeuer und auf Friedensdemos gesungen werden. Und es hat in den wenigen Jahren seit seiner Entstehung tatsächlich viele Menschen zum Nachdenken und Träumen gebracht.

Theologisch gesprochen, handelt es sich um eine Phantasie des ewigen Friedens, eine Prophetie, eine Endzeitrede. Imagine ist ein moderner Friedenspsalm. Keinen Grund mehr zu haben, einander zu töten — das gemahnt an die Gottesreichsprophetie Jesajas (Jesaja Kap. 11). Für manch skeptisches christliches Ohr ist die Zeile „and no religion too“ immer mal wieder eine Anfechtung wert. Aber: Lennon geht es hier nicht um eine Absage an den Glauben, sondern um das feindliche Gebahren der einen Religion gegen die andere. Insofern steht dieser Satz auch in einer christlichen Tradition der Religionskritik.

4. With My Own Two Hands

Dieser Song von Ben Harper ist mir eines der liebsten „Friedenslieder“. Erstens, weil es sich nicht auf die augenfällige Abwesenheit von Krieg beschränkt, sondern ökologische, familiäre und persönliche Dimensionen von Frieden anspricht. Zweitens, weil es hier um unser eigenes Tun geht — mit meinen eigenen Händen.

Theologisch steht dieses Lied der Theologie Dorothee Sölles nahe, die davon ausgeht, dass Gottes Wirken in dieser Welt von unserem eigenen Handeln abhängig ist. Sölle formulierte das in einem Satz: „Gott hat keine anderen Hände als unsere.“ Man mag diesem Satz in seiner Radikalität vielleicht nicht vollständig zustimmen können, er bleibt in jedem Fall aber Mahnung, dass Christen zum Friedenstiften ausgesandt sind (Seligpreisungen der Bergpredigt). Und ein Stachel im Fleische derer, die ihren Glauben gerne für sich selbst leben wollen. Sölle erinnert daran, dass jeder theologische Satz immer auch ein politischer Satz sein muss. Das heißt: christlicher Glaube ohne Konsequenz für unser Handeln ist tot.

5. Freude schöner Götterfunken

Zum Schluss meiner kleinen Zusammenstellung — Ergänzungen und Kommentare sind unbedingt erwünscht! — ein Lied der Lieder. Das erste „Lied“ in einer Sinfonie, uns allen aus dem Schulunterricht bekannt, eines der am häufigsten aufgeführten klassischen Musikstücke der Welt. Die Ode an die Freude, der letzte Satz der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven ist eine Vertonung des gleichnamigen Gedichts von Friedrich Schiller. Heute vielfach als die Europahymne bekannt, diente sie z.B. während der deutschen Teilung den gemeinsam antretenden Athleten aus Ost und West als Hymne bei den Olympischen Spielen 1956, 1960 und 1964. Es ist eine seltsame Hymne, weil sie bei offiziellen Anlässen nicht gesungen wird, und, weil es ihr nicht um abgrenzende Identifikation, sondern um ein universales Anliegen geht. Es geht auch im eigentlichen Sinne nicht um Gott, Glauben oder Religion, wenn auch Gott als Schöpfer angerufen wird, sondern um die conditio humana an sich.

„Alle Menschen werden Brüder“ und „über’m Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen“ sind die beiden Motive die im 4. Satz schließlich über die widerstreitenden Motive der vorausgehenden Sätze triumphieren. In ihrer Zweiheit, Brüderschaft auf der Erde und Transzendenzbezug, und durch die sie tragende Musik zeigen sie eine Friedensvision, der man sich kaum entziehen kann.

Die untenstehende Aufnahme des 4. Satzes entstand 2012 in der Royal Albert Hall in London während der traditionellen Sommerkonzerte (Proms). Es spielt unter der Leitung von Daniel Barenboim das West-Eastern Divan Orchestra, ein Orchester das aus jungen israelischen, palästinensichen und arabischen Musikern besteht. Es singt der National Youth Choir of Great Britain und als Bass René Pape, ein Kruzianer und gebürtiger Dresdner. Die komplette Sinfonie mit Interviews und einer kleinen Werkeinführung von Daniel Barenboim findet ihr hier (sehenswert!).

So, das waren meine fünf Vorschläge, Lieder vom Krieg und vom Frieden. Welche Lieder und Musiken fehlen hier? Welche Friedens- und/oder Kriegslieder sollten nicht vergessen werden? Welches Lied ist Dir besonders wichtig?

Ab damit in die Kommentare und in die sozialen Netzwerke! Hashtag #SongofPeace nicht vergessen!

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