Irakischer Völkermord: Unsere Gewalt hat uns hier her gebracht

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Benjamin L. CoreyDer US-amerikanische Autor, Pfarrer, Redner und Blogger schreibt neben anderen Projekten das Blog „Formerly Fundie“. Nach Jahren der Suche beschreibt er sich heute selbst als Täufer. Damit ist er ein Vertreter der in Deutschland marginalisierten Friedenskirchen. „Als Jesu Nachfolger in einer gespaltenen und gewalttätigen Welt sind wir verpflichtet, gewaltfreie Alternativen zu finden und zu lernen, wie Frieden geschaffen werden kann zwischen Menschen, in und zwischen den Kirchen, in der Gesellschaft und zwischen Ländern.“ Wir bringen seine Stimme ein in unseren Themenmonat „Krieg und Frieden“.

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Foto von Peter Rimar, unter Public Domain

Meine Stimmung verdunkelte sich in einer mir bisher unbekannten Weise, als die Situation im Irak und in Syrien katastrophale Züge annahm und nun völlig außer Kontrolle geriet. Die ISIS hat in riesigen Schritten die Macht in der Region ergriffen und ganze Gebiete erobert, und hat nun damit begonnen, alle „Anderen“ auszurotten, die nicht so sind wie sie selbst.

Den Christen und anderen häufig aus dem Fokus gedrängten Minderheiten wurde ein Ultimatum gestellt: Verlasst die Stadt, konvertiert zum Islam und zahlt eine spezielle Steuer oder wir werden euch töten. Die ISIS hat bereits demonstriert, dass sie es damit ernst meinen und, dass selbst das Zahlen der Steuer nicht vor Schaden schützt. In Folge dessen steht die Welt einmal mehr vor einem drohenden Völkermord.

Die Gräueltaten, die an religiösen Minderheiten in diesen Gegenden verübt werden, sind beinahe unaussprechbar.

Es gab Massenexekutionen durch Schießkommandos.

Enthauptungen.

Männer fanden den Tod am Strang.

Frauen wurden vergewaltigt und versklavt.

Öffentliche Kreuzigungen erleben eine schreckliche Wiederkehr, was auf Twitter von ISIS-Terroristen mit Fotos stolz dokumentiert wird.

Ich bin über die Maßen bestürzt über die Situation. Sie bewegt mich mehr als ich es für möglich gehalten hätte. Um ehrlich zu sein, habe ich die letzten paar Tage mit einer großen inneren Spannung gekämpft. Die Situation hat meine gewaltfreie Ethik radikal herausgefordert. Wie kann man bei einer gewaltfreien Ethik bleiben, wenn man sich einer solchen Situation gegenüber sieht? Die Wahrheit ist, dass es darauf keine einfache Antwort gibt — ich sehe mich selbst hilflos in einem Meer der Unentschiedenheit schwimmen.

Doch während ich die Situation betrachte, will ich eines nicht vergessen: Gewalt hat uns hierher gebracht; zu denken, dass Gewalt uns hier wieder herausbringen wird, ist genauso töricht, wie nichts zu tun.

Ich erinnere mich, wie ich in meinem ersten Jahr auf der Highschool vor dem Fernseher klebte und die ersten Tage der Operation Desert Storm verfolgte — Saddam Hussein weigerte sich, Kuweit fristgerecht zu verlassen, weshalb wir in den Krieg zogen. Nachdem wir ihn erfolgreich hinter seine eigenen Grenzen zurückgedrängt hatten, beendeten wir den Krieg — dafür wurde der ältere Präsident Bush von einigen kritisiert. Experten forderten, dass wir direkt nach Bagdad marschieren und Hussein absetzen sollten. Doch die Regierung war weise genug zu erkennen, dass das eine schlechte Idee war: Saddam zu stürzen würde ein Machtvakuum erzeugen. Die Leute, die dieses Vakuum möglicherweise füllen würden, wären schlimmer als das Regime, das wir zuvor gestürzt hätten.

Als Erwachsener wurde ich Zeuge, wie ein neuer Präsident Bush abermals in den Krieg gegen den Irak zog, dieses mal mit dem Ziel, Saddam mit militärischer Gewalt zu stürzen. Wir waren damit erfolgreich, doch haben seitdem erleben müssen, was der erste Bush lange schon wusste: der Gebrauch militärischer Gewalt kann nach hinten losgehen.

Heute haben wir ein Machtvakuum in der gesamten Region und es ist im Begriff von einigen eindeutig bösen Menschen gefüllt zu werden — Menschen, die Saddam ironischerweise nie geduldet hätte. Wir begegnen der Gewalt, die von diesen bösen Menschen ausgeht, berechtigter Weise mit Empörung. Aber wenn wir ehrlich sind: es war unser Einsatz von Gewalt, der die Bühne bereitete für alles Kommende.

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Foto unter Public Domain, urspr. United States Marine Corps

Wenn es der Einsatz von Gewalt war, der uns hier her gebracht hat, warum sollten wir meinen, dass noch mehr Gewalt die Dinge wieder zum besseren wendet? Wenn uns die Geschichte ein vertrauenswürdiger Zeuge ist, dann dafür, dass mehr Gewalt nur zu – ihr habt es erraten – noch mehr Gewalt führt.

Wir müssen an den Punkt kommen, an dem wir die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und einfach einsehen, dass dieser Kreislauf zu nichts führt. Wir müssen kreativer nachdenken und anderen Lösungsvorschlägen eine faire Chance geben.

Ein Grund dafür, warum wir keine Alternativen zu militärischer Gewalt verfolgen ist, dass Gewalt unsere Gegner einen hohen Preis zahlen lässt, gewaltfreie Lösungen hingegen einen großen Preis von uns einfordern. Zu oft sind wir einfach nicht Willens, diesen Preis zu zahlen, was auch immer er sein mag.

Eine mögliche Lösung für diesen schnell eskalierenden Völkermord wäre, die Unschuldigen zu retten statt die Schuldigen zu töten. Warum organisieren wir nicht die größe Luftrettung seit der Berliner Luftbrücke, retten all diese religiösen und ethnischen Minderheiten aus ihrer Misere und bieten ihnen Asyl hier in den Vereinigten Staaten an? Diese Lösung würde einen begrenzten Einsatz militärischer Gewalt bedeuten (was ich nur schweren Herzens eingestehe), wenn wir Truppen ins Land schicken, um die Opfer in Sicherheit zu bringen. Wir könnten unsere Truppentransportflugzeuge nutzen, um sie sicher auszufliegen, hierher zu bringen und ihnen dann helfen, ein neues Leben in Frieden und Freiheit zu beginnen.

Wenn wir ohnehin Milliarden von Dollar ausgeben, warum investieren wir sie nicht darin, Menschen tatsächlich zu retten und ihnen bei der Flucht in die Freiheit zu helfen?

Ich fürchte, wir werfen dass Geld lieber dafür aus dem Fenster, unsere Feinde auf der anderen Seite der Welt umzubringen, als dass wir die bei weitem kostspieliger und unbequemere Aufgabe annehmen, tausende neue Immigranten und Flüchtlinge bei uns willkommen zu heißen.

Der Einsatz von Gewalt im mittleren Osten hat uns hier her gebracht. Der Einsatz von Gewalt im mittleren Osten hält uns in dieser Situation gefangen. Es ist kurzsichtig zu denken, dass „mehr Gewalt“ uns aus dieser Situation heraus bringen wird — es ist an der Zeit, in etwas anderes zu investieren.

Dieser Text ist eine Übersetzung des englischsprachigen Artikels Iraqi Genocide: Our Violence Got Us Here. Folge Benjamin L. Corey auf Twitter @benjamincorey.

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