Moment mal: Belohnungen

Vergangene Woche habe ich eine Hausarbeit abgeschlossen, die mich viele Wochen und Monate davor gequält hat. Andauernd saß ich wieder vor meinem geöffneten Netbook und starrte aus dem Fenster, anstatt an der Arbeit weiter zu schreiben, weil mir so viel durch den Kopf ging, das ich nicht alles auf einmal in wissenschaftliche Worte formulieren konnte. Das mit der wissenschaftlichen Sprache ist eh’ so ’ne Sache. Eine gute Freundin von mir korrigierte die Arbeit und andauernd war ein Vermerk auf meine Sprache drin: Wortwiederholungen, Umgangssprache, zu wenig Belege; eine systematische Ausarbeitung, ohne den eigentlich Zitierten mal selbst zu Wort kommen zu lassen, sondern nur Sekundärliteratur zitiert …

Ich mag Hausarbeiten nicht, aus genau diesem Grund: ich habe so viel im Kopf und schaffe es nicht, das was ich im Kopf habe, in wissenschaftlicher Sprache schriftlich zu formulieren. Also tue ich halt andere Dinge, um mich davon abzulenken, dass die Arbeit nicht wächst: ich kann stundenlang aus dem Fenster starren, zuschauen, wie sich die Wolken am Himmel verändern; ich geh Kaffee trinken oder Eis essen mit Freunden, dann auch schon mal einen ganzen Nachmittag, es gibt ja Neuigkeiten auszutauschen; ich geh ins Kino; ich spiele, sei es mit Karten, Sudoku, am PC, auf dem Handy; ich lese, am liebsten im Bett bleibend; ich putze meine Wohnung inklusive der Fenster; ich beginne eine Serie und schau sie dann auch bis zum Ende …

Wenn ich gefragt werde, ob ich vorhabe nach dem Examen noch zu promovieren, dann muss ich mich sehr zusammenreißen, mein Gegenüber nicht auszulachen. Wobei; ich gebe zu, manchmal denke ich doch darüber nach. Mit einer Promotion in der Tasche und einem Titel in meinem Namen, komme ich an mancher Stelle beruflich evtl. einfacher weiter, als ohne. Aber momentan steht als Fernziel auf meiner Checkliste das Pfarramt und dafür brauche ich keine Promotion, ich kann mir also später nochmal Gedanken dazu machen.

Jetzt freue ich mich erstmal der abgegebenen Arbeit bevor ich mich an die Nächste setze. Aber wie soll das gehen? So lang, wie sie mich jetzt gequält hat, so viel Zeit ich jetzt in sie investiert habe, da steht doch jetzt eine Belohnung an – aber was? Ein Freund gab mir in den letzten Zügen der Arbeit den Ansporn, so lang die Arbeit nicht fertig ist, keine Schokolade mehr zu essen – also auf zur nächsten Konditorei und das größte Stück Schokoladenkuchen essen?

Nein, das geht nicht: 1. Ich darf mich nicht mehr mit Essen belohnen bzw. ich will mich nicht mehr mit Essen belohnen. 2. Ich hab in der Zeit, in der ich keine Schokolade essen wollte, aus lauter Frust dann doch ab und an Schokolade gegessen.

Und das ist das größte Problem am Finden einer Belohnung: alles, was mir vergangene Woche einfiel, womit ich mich hätte belohnen können, habe ich zur Prokrastination genutzt. Super, noch ein Grund, warum ich mich über die Aktivitäten der Aufschiebung ärgern kann, nicht nur, dass sie das Beenden der Arbeit verzögert haben (oder ich, die diese Aktivitäten zum Aufschieben benutzt hat), nein, ich kann sie auch nicht mehr benutzen, um mich zu belohnen. Prokrastination ist scheiße.

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2 Kommentare anzeigen

  1. CorinnaCorinna Sperlich

    Ich kann Dich so gut verstehen… statt an meiner Hausarbeit zu schreiben, erwische ich mich dabei, wie ich bei theologiestudierende.de gucke, ob es nicht noch Artikel gibt, die ich noch nicht gelesen habe? Und nebenbei beobachte ich, wie schön der Wind mit den Blättern der Buche vor meinem Fenster spielt… :)

  2. Prokrastination ist ein spannendes Thema. Ich denke der Kern ist, dass es schlechte und gute Prokrastination gibt. Wer prokrastiniert, der tut das, weil er/sie aus irgendeinem Grund nicht das machen will, was sie eigentlich tun sollte. Spannend ist hier, einen kurzen Spaziergang zu machen und zu versuchen, ganz klar die Gründe zu benennen, warum ich gerade nicht z.B. an meiner Arbeit schreiben will. Meistens hat es was damit zu tun, dass ich nicht weiß, was ich als nächstes tun soll, weil ich meinen Plan nicht richtig durchdacht habe.

    Wenn man trotzdem mal prokrastinieren will (nennen wir’s mal „Pause machen“), ist es günstig, man hat eine Liste von kleinen Dingen, die man schon immer mal machen wollte oder die gemacht werden könnten. Wenn in der Prüfungszeit die Wohnung so sauber und ordentlich wird wie noch nie ist das doch gar kein so schlechter Effekt. :)

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