Frei von Gewalt, frei von Vernunft?

Unsere Autorin Juliane Assmann studiert Ev. Theologie in Hamburg und arbeitet in den Semesterferien bei der Menschenrechtsorganisation „Christian Peacemaker Teams“. Auf ihrem Blog strugglingforpeace.wordpress.com schreibt sie über ihre Erfahrungen und Gedanken bei dieser Arbeit. Dieser Artikel ist Teil des Themenmonats „Krieg und Frieden“.

Gewalt-Freiheit.

Die Freiheit keine Gewalt auszuüben. Gewalt als ein Zwang, eine Macht, von der man befreit werden muss bzw. sich befreien muss. Die Herausforderung, dem Gewalt Ausübenden nicht instinktiv mit Gegengewalt zu begegnen, sondern den Zirkel, die Spirale zu unterbrechen. Das bringt Freiheit. Gewalt-Freiheit.

Und konkret?

Kein Mensch hat nur eine Identität, kein Mensch ist nur gut oder nur böse. Das Gute, der Wille zum Guten in jedem Menschen bietet eine Chance. Ich bin überzeugt davon, dass kein Mensch ohne Grund tötet oder foltert, abgesehen von psychischen Krankheiten. Jeder sucht nur das Beste für entweder sein Leben, seine Familie, sein Land oder versucht, seine Werte, seine Kultur zu verteidigen. Ab einem gewissen Grad wird Gewalt als Mittel zum Zweck legitim. Ein Beispiel, das oft zur Legitimierung von Folter verwendet wird: bei Gefahr eines Terroranschlags braucht man manchmal Informationen, die eine – vielleicht sogar kriminelle – Person hat, um 200 weiteren Personen das Leben zu retten. Bei 200 Menschenleben scheint ein einzelner Mensch mit seinen Rechten nicht mehr all zu bedeutsam.

Im „Alternatives to Violence Project“ geht es darum, das Gute im Menschen anzusprechen. „Always expect the best!“ ist einer der Schlüsselsätze dieses Projekts, das in einem New Yorker Gefängnis seinen Anfang nahm und inzwischen weltweit seine Kreise zieht. Wer für sich selbst entdeckt hat, dass man nicht sofort Gewalt anwenden muss, dass es auch andere Wege gibt, kann diese Entdeckung auch von anderen erwarten und so selber eine Quelle von Frieden werden.

Macht und Ohnmacht

Gewaltfreiheit ist einerseits etwas, das auf der persönlichen Ebene anfangen muss, aber nicht dabei bleiben muss. An Beispielen wie Martin Luther King oder Gandhi sieht man vor allem eines: dass es bei gewaltfreien Einsätzen nicht um naives Hippietum geht – auch sie wussten genau, wo welche Machtstränge zu ziehen, wo die beste Lobbyarbeit zu verrichten war. Aber anstatt ihre Machtposition auszunutzen und ihre Meinung durchzusetzen, wandten sie sich an ihre Mitmenschen und machten sich so auch abhängig von der Mitarbeit der anderen. Gewaltfreiheit ist so auch immer ein Stück Machtfreiheit – wenn ich mich unbewaffnet z. B. einem/r Soldaten/in nähere, mich mit ihm/ihr unterhalte, gebe ich ihm/ihr einen Vertrauensvorschuss, ich mache mich von seinem/ihrem Wohlwollen abhängig, mich zu töten, festzunehmen oder einfach mit mir zu reden. Mit meiner Körpersprache, meiner Rede kann ich Situationen eskalieren lassen oder selbst deeskalierend wirken.

Natürlich klappt das nicht immer – man sollte das Risiko, das man eingeht, nicht einfach ignorieren, sondern sich vorher Gedanken machen, wie man sich verhält, wenn es dem Gegenüber total egal ist, wer ich bin, was ich vorhabe und trotzdem Gewalt anwendet. Ich persönlich lese aus der Bibel kein negatives Urteil über Selbstverteidigung – schließlich gibt es sogar die berühmte Regel, die dies und selbst Rache in eingeschränktem Maß erlaubt und so dem menschlichen Bedürfnis nach Gerechtigkeit seinen Raum gibt. Allerdings stehen wir als Christen auch vor der großen Herausforderung, zu wissen, wie Jesus Christus bei seiner Festnahme reagiert hat: er hat seinen Übeltätern verziehen, bevor sie bereuten, vielleicht sogar bevor sie sich dessen bewusst werden konnten, was sie da taten.

Unterbrechung

Leicht kann man so Gewaltfreiheit mit Passivität verwechseln oder als etwas Übernatürliches abtun, das nur einem Gott gelingt. Aber indem Jesus das ihm zugefügte Unrecht nicht nachträgt, sondern vergibt, unterbricht er durch die Feindesliebe mit seiner nicht wechselseitigen Vergebung die Kette von Unrecht und Hass. Indem er nicht gewalttätig reagiert, ist er aktiver und effektiver, als es Petrus mit dem Schwert je gewesen wäre.

Sollten wir also nicht die vielen Aufforderungen nach Gewaltfreiheit und Feindesliebe in der Bibel ernst nehmen? Auch wenn die Bibel mit Geschichten voller Gewalt durchzogen ist, wird diese doch nicht an sich positiv bewertet – wenn sie erwähnt wird, dann als notwendige Konsequenz oder sogar als Strafe Gottes, wenn er das Land mit Krieg überzieht. Die Aufforderung an das jüdische Volk lautet, sich gerecht, gemeinschaftsgemäß zu verhalten. Damit wird Gerechtigkeit ein zentraler Grundbaustein für den Frieden, den Gott seinem Volk immer wieder verheißt. Ein Teil von gewaltfreiem Handeln könnte auch simpel als gerechtes Handeln bezeichnet werden.

Gerechtigkeit

„Als „Gerechtigkeit” (sedākā) gilt also das der Beziehung entsprechende, das gemeinschaftsgemäße Verhalten. Und selbst im forensischen Bereich besteht die Gerechtigkeit eines Richters in alttestamentlich-jüdischer Tradition nicht darin, dass er sich auf das unparteiische Recht zurückzieht und „neutral” urteilt, sondern darin, dass er den verschiedenen Seiten „gerecht wird” und die friedlichen Beziehungen wiederherzustellen vermag, dass er „Frieden stiftet” (vgl. Mt 5,9).“ Hans Joachim Eckstein, Was ist gerecht?

 

Krieg und Frieden

In Sachen Gerechtigkeit scheint es für einen Christen leicht, sich mit den Vorstellungen der nichtchristlichen Welt zu identifizieren. Auch wenn es in der Realität Unrecht gibt, so haben doch die meisten Menschen ein gewisses Ideal von Gerechtigkeit, nach dem sie streben – für sich oder für andere. Gerechtigkeit ist ein Ziel, das auch Politiker auf ihre Agenda setzen können, um gewählt zu werden. Gewaltfreiheit aber, absolute Gewaltfreiheit sogar? Es gibt einen Grund, warum Jesus am Kreuz und nicht auf dem Kaiserthron gelandet ist – abgesehen von den theologischen Gründen – kein Realpolitiker würde mit solch einer Un-Sicherheitspolitik zugelassen, geschweige denn gewählt werden. Warum hat sich Jesu „Politik“ nicht durchgesetzt? Weil sie eine Politik für Gottes Reich ist. Jesus sagt uns, dass das Reich Gottes schon angebrochen ist, dass es mitten unter uns sei (Lk 17,21).

Ich stimme mit allen Verteidigungsministern der Welt überein, dass es unverantwortlich ist, „nur“ an das Gute im Angreifer zu glauben. Ich stimme nicht mit der Art von Christentum überein, die christliche Einstellungen mit realpolitischer Vernunft übereinstimmen lassen möchte. Wenn wir als Christen die Aufforderung Jesu zum Frieden stiften ernst nehmen und Gottes Reich schon jetzt leben würden, hätten wir rund 2,3 Milliarden (potentielle) Soldat/innen weniger auf der Welt. Auch wenn wir mit unserer Vernunft vielleicht nicht besonders weit kommen, wenn es um Pazifismus geht, so kann uns doch das Vertrauen auf Gott im Hinblick auf Jesus aus dem Kreislauf der Gewalt befreien. Vielleicht ist es die von Paulus gerühmte Torheit des Kreuzes, die wir heutzutage umso mehr einüben müssen.

Persönlicher Nachtrag

Ich sehe Gewaltfreiheit nicht als komplette Antwort auf jedes Problem, insbesondere, wenn wir gerade Syrien oder den Vormarsch von ISIS im Auge haben (obwohl auch jetzt noch die Gewaltfreiheitsbewegung in Syrien äußerst aktiv ist und es auch im Irak und Irakisch-Kurdistan viele Menschen gibt, die sich gewaltfrei für den Frieden einsetzen). Allerdings ist Gewalt für mich noch viel weniger eine Lösung, da sie Kämpfe eben nicht beendet, sondern weiterführt und zerstört. Dieser Artikel soll vor allem die Chancen von Gewaltfreiheit inmitten all der Diskussionen über R2P und humanitäre Bombardierung darstellen und möglicherweise ein Ausgangspunkt sein für einen Gedankenaustausch, wie man Konflikten gewaltfrei, mit den uns heutzutage zur Verfügung stehenden Mitteln, begegnen kann.

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