Lesenswert #13 – „ … dass niemand mehr einen anderen Menschen in einem Krieg erschießt.“

In dieser Ausgabe von Lesenswert soll es passend zum Themenmonat Krieg und Frieden um die aktuelle Kriegsdebatte in der Evangelischen Kirche gehen.

Deutschlands Rolle in der Welt: Anmerkungen zu Verantwortung, Normen und Bündnissen

Alles begann mit einer Rede von Bundespräsident Joachim Gauck zur Eröffnung der 50. Münchner Sicherheitskonferenz Ende Januar diesen Jahres. Darin kritisierte er den Laizismus der deutschen Außenpolitik:

„Tun wir, was wir tun könnten, um unsere Nachbarschaft zu stabilisieren, im Osten wie in Afrika? Tun wir, was wir tun müssten, um den Gefahren des Terrorismus zu begegnen? Und wenn wir überzeugende Gründe dafür gefunden haben, uns zusammen mit unseren Verbündeten auch militärisch zu engagieren, sind wir dann bereit, die Risiken fair mit ihnen zu teilen? Tun wir, was wir sollten, um neue oder wiedererstarkte Großmächte für die gerechte Fortentwicklung der internationalen Ordnung zu gewinnen? Ja, interessieren wir uns überhaupt für manche Weltgegenden so, wie es die Bedeutung dieser Länder verlangt? Welche Rolle wollen wir in den Krisen ferner Weltregionen spielen? Engagieren wir uns schon ausreichend dort, wo die Bundesrepublik eigene und eigens Kompetenz entwickelt hat – nämlich bei der Prävention von Konflikten? Ich meine: Die Bundesrepublik sollte sich als guter Partner früher, entschiedener und substantieller einbringen.“

Gauck ging es in seiner Rede vor allem um Verantwortung. Für ihn ist der Frieden und die Sicherheit, die wir in Deutschland haben ein Gut, welches uns verpflichtet, uns auch für andere Länder einzusetzen. Diesen Einsatz versteht Gauck finanziell und wirtschaftlich, aber eben auch bündnispolitisch und militärisch. Natürlich haben diese Aussagen des ehemaligen Pfarrers gerade aus evangelischen Kreisen Reaktionen provoziert.

Ost-Pfarrer kritisieren Bundespräsidenten

Im Juni berichtet die Berliner Zeitung über einen Brief, den zwei Berliner Pfarrer an Gauck schrieben. Sie bezeichnen Gaucks Rede als „höchst bedenklich“:

„In dem Brief heißt es: „Wir sind dankbar dafür, dass der Fall der Mauer, das Ende der DDR und die Einheit Deutschlands ohne Gewalt und ohne einen Schuss der hochgerüsteten Armeen der beteiligten Staaten stattfanden.“ Noch 1989 hätten sich die Kirchen der DDR im Abschlussdokument der Ökumenischen Versammlung für Gewaltlosigkeit ausgesprochen. In dem viel beachteten „Brief an die Kinder“ habe gestanden: „Wir alle müssen uns dafür einsetzen, dass niemand mehr einen anderen Menschen in einem Krieg erschießt.“ Dies sei „noch immer richtig“.“

Den Brief, der nicht öffentlich zugänglich ist, haben „rund 65 ostdeutsche Pfarrer“ mit unterzeichnet. Letzte Woche meldete dann die Berliner Zeitung, dass Gauck mit einem eigenen Schreiben detailliert auf den Protestbrief der Pfarrer reagierte und deren Kritik zurückwies.

Gott will keinen Krieg

Anfang Juli mischt sich Margot Käßmann mit einem Gastbeitrag in der Süddeutschen in die Debatte ein. Sie kritisiert Gaucks Aussagen zu deutschen Kriegseinsätzen dafür, dass er nicht mehr „in dieser Tradition“ der Gewaltfreiheit stehe.

„Gewalt und Krieg können nicht mit Gott legitimiert werden, das haben die reformatorischen Kirchen schmerzhaft gelernt. Religion darf sich nicht missbrauchen lassen, um Öl in das Feuer ethnischer, religiöser, nationaler oder wirtschaftlicher Konflikte zu gießen. Zum Frieden zu rufen, ist ihre Aufgabe.“

Käßmann greift ganz tief in die Argumentekiste und holt die traumatisierten Kinder hevor, gräßliche kriegstreiberische Predigten vom Anfang des letzten Jahrhunderts sowie den alten Vorwurf, dass Krieg doch nur um wirtschaftlicher Interessen willen geführt würde. Aber es liegt doch einiges an Abstand dazwischen, auf der einen Seite den „Krieg als ein Werkzeug Gottes“ zu sehen und auf der anderen „auch von der Notwendigkeit militärischer Konfliktlösungen“ zu sprechen.

Die Kirche und der Krieg

In einem Kommentar für die F.A.Z. fragt Reinhard Bingener nach dem eigentlichen „Ziel der deutschen Lerngeschichte“ und verteidigt die Position Gaucks:

„Auch die evangelische Kirche sollte darum prüfen, ob sie die deutsche Lerngeschichte, zu der sie seit Ende des Zweiten Weltkriegs selbst einiges beigetragen hat, in Fragen von Rüstung und Militäreinsätzen wirklich konsequent europäisch fortschreibt. Im Unterschied zur nachvollziehbaren Kritik der Kirche an Rüstungsexporten stehen ihre Ablehnung von Kampfdrohnen und der Ruf nach einer Zivilisierung der Rüstungsindustrie in Spannung zu dem berechtigten Anliegen, dass Europa aus eigener Kraft für seine Sicherheit sorgen können soll. Bei den Militäreinsätzen ist bisher vor allem die Frage unterbelichtet, wie sich die deutsche Lerngeschichte zu der seiner europäischen Partner verhält.“

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