„This Land Is Mine“ Kritische Erläuterungen zu einem „viral video“

Seit Wochen macht ein Cartoon von Nina Paley titels This Land Is Mine im Internet die Runde. Auf der entsprechenden Seite ihres Blogs, auf Facebook und auf diversen Nachrichtenseiten wird es, oft ohne eine eingehende Analyse, gelobt. Es stelle den Israel-Palästina-Konflikt „leicht verständlich“, „witzig“ und „akkurat“ dar. Im Folgenden möchte ich in einigen Punkten darlegen, dass dieser Cartoon samt der Erläuterungen zu den stilisierten Figuren auf Paleys Blog alles andere als historisch akkurat und unterschwellig antijüdisch bzw. antiisraelisch ist.

Dieser Artikel ist Teil des Themenmonats „Krieg und Frieden“.

Was die Darstellung der Geschichte des Landes Israel/Palästina in diesem Cartoon angeht, ist es verständlich, dass sich Paley auf die leicht zugänglichen und religiös relevanten Erzählungen des Alten Testaments bzw. des Tanach beruft und diese vereinfacht. Dabei haben sich jedoch auch historische Ungenauigkeiten und Unwahrheiten eingeschlichen, die das Attribut „akkurat“ unmöglich machen:

  • eine Differenzierung zwischen „Ureinwohnern“ und Kanaaniten ist nicht haltbar;
  • die Abfolge der ägyptischen und assyrischen Fremdherrschaft und des israelitischen Reichs ist durcheinander gebracht;
  • die Befreiung Israels aus der babylonischen Gefangenschaft und die Restituierung einer gewissen Autonomie durch die Perser wird ausgelassen;
  • eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen Römern und Byzantinern hat es nie gegeben;
  • europäische Juden und Zionisten werden in der Erklärung zusammengewürfelt und als „verzweifelt“, „traumatisiert“ und „bereit, bis zum Tod zu kämpfen“ pauschalisierend bezeichnet, die Shoah kommt im Cartoon jedoch überhaupt nicht vor – m. E. ist diese Teil der Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts, v. a. angesichts von Rückgriffen auf die Nazi-Vebrechen durch einige Extremisten;
  • PLO, Hamas und Hisbollah werden in einen Topf geworfen, dabei spiel(t)en diese drei Organisationen sehr verschiedene Rollen in diesem Konflikt.

Zu diesen Mängeln, hinter denen ich keine böse Absicht vermute, kommt, dass bereits der Titel des Kurzfilms eine antiisraelische Einstellung suggeriert: der Satz „This Land Is Mine“, in ans Hebräische angelehnten Lettern, grenzt polemisierend den Besitzanspruch auf das Volk Israel ein, das also scheinbar das eigentliche Ziel dieses Cartoons ist. Dies zeigt sich weiterhin in der Erklärung der letzten Figur, die im Video auftaucht, dem sogenannten Todesengel. Paley schreibt, dass jener der „wahre Held“ des Alten Testaments und des aktuellen Konflikts sei, was eine feindliche Aussage gegen das grundlegende Buch der jüdischen Religion ist. Zu formulierten Besitzansprüchen anderer Gruppen äußert sie sich nicht. Ebenso werden auch nur die Gewalttaten der israelischen Partei, während der Makkabäer-Episode, als religiös motiviert und legitimiert gezeichnet, durch die Figur des Priesters.

Einen anderen Sachverhalt, der nicht gezeigt wird, habe ich oben schon erwähnt: die wohlwollende Herrschaft der Perser über Israel. In den Erzählungen des Alten Testaments (in den Büchern Esra und Nehemia) werden diese durchweg als Wohltäter Israels dargestellt, was auch als historisch sehr wahrscheinlich gilt. Da Paley sich sonst an den alttestamentlichen Berichten orientiert, scheint dieser positive Teil absichtlich weggelassen zu sein. So wird, wie gesagt unterschwellig, an mehreren Stellen dem Zuschauer eine antijüdische bzw. antiisraelische Sicht auf diesen Konflikt suggeriert, was alles andere als „witzig“ ist.

Das Hauptanliegen dieses Cartoons von Nina Paley, nämlich aufzuzeigen, dass die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts eine von „Mord und Totschlag“ geprägte ist und dass diese Gewalt nicht akzeptabel ist, ist richtig angesichts der Ereignisse der letzten Wochen. „Leicht verständlich“ ist es durchaus. Dennoch sollte mit diesem Video sehr vorsichtig umgegangen werden, insbesondere sollte es nicht als eine „akkurate“ und „witzige“ Darstellung der grausamen Vergangenheit und Gegenwart betrachtet und verwendet werden, da es die Geschichte ungenau, lückenhaft und tendenziell juden- bzw. israelfeindlich darstellt.

Dies ist ein Gastbeitrag von Johann Anton Zieme. Mit seiner Genehmigung veröffentlichen wir diesen Artikel.

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6 Kommentare anzeigen

  1. Liebe LeserInnen von theologiestudierende.de,

    Onlinevideos sind eine neue Kunstform geworden, die Millionen KonsumentInnen findet. Das erklärt auch die erstaunliche Wirkung sog. „viral videos“.

    Passend zum Artikel von Johann rufen wir diesen Sonntag (und darüber hinaus) den #Videosonntag aus! Wir fordern Euch heute auf, interessante, spannende Videos zum Thema auf Facebook, hier in den Kommentaren oder Twitter zu teilen.

    Hashtags nicht vergessen: #kriegundfrieden #Videosonntag
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    Eure Redaktion

    • onion

      „ungenau, lückenhaft und tendenziell juden- bzw. israelfeindlich“ ganz ehrlich – sowas dummes wie diesen „kritischen“ text habe ich lange nicht mehr gelesen. da wird nach ungenauigkeit gepopelt ..hamas und hisbollah werden in einen topf geworfen uiiiii … uh das ist ja gravierdend für die kernbotschaft. es gibt keinen anspruch auf genauigkeit und lückenlosigkeit! es soll doch verdeutlichen wieviele volksgruppen über jahrhunderte hinweg alle gewaltsam um dieses land stritten. daher ist es wohl kaum judenfeindlich, da ALLE protagonisten exakt das selbe tun (land beanspruchen und dafür andere töten), also neutral in seiner besten form. das beste und einfachste was ich seit langem zu diesem konflikt gesehen habe, und: THIS IS A CARTOON. eine überspitzung, ein denkanstoß, für alle die sich so klar auf eine seite schlagen..es ist vielleicht komplizierter als man denkt. oder eben einfacher. ich werde dieses video teilen, an nina paley spenden. und nebenbei nach geschichtlichen ungereimtheiten und lücken in der bibel suchen.

      • Johann Anton Zieme

        Ich möchte auf diese Kritik nur antworten, dass ich in meinem Beitrag nicht sage, dass dieser Cartoon mehr erbringen soll, als er kann, oder dass er einen Anspruch an Genauigkeit hat, den er nicht erfüllen kann. Paley hat alle Freiheit in ihrer Kunst. Ich warne jedoch davor, diese Ansprüche an ihn heranzutragen und ihn dementsprechend zu verstehen und zu verwenden. Man verwendet ja beispielsweise auch nicht die Teletubbies, um frühkindliche Sprachentwicklung zu verstehen und seine Kinder danach zu erziehen.

        • Danke Johann, für deinen Artikel.
          Ich finde das Video auch nicht sehr hilfreich, da Konflikte nie so simpel sind, wie hier dargestellt. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass hier ein Machtgleichgewicht erfunden wird.
          Der Staat Israel und bewaffnete palästinensische Gruppen sind nicht gleich stark, was zur Dynamik des Konflikts gehört und die Taktiken, z.B. aus Wohngebieten zu feuern, keine Uniformen zu tragen, erklärt, wenn auch nicht rechtfertigt. Dies ist ein asymmetrischer Konflikt.
          Außerdem fällt bei all dem die Rolle von gewaltfreiem Widerstand gegen die Besatzung, der schon seit Jahren massenweise praktiziert wird und die dauerhafteste Brücke zwischen PalästinenserInnen und Israelis darstellt komplett weg.
          Theologisch betrachtet gehört das Land natürlich weder Israelis, PalästinenserInnen oder dem Tod, sondern wie der Rest der Welt auch JHWH. (Ps 24,1)

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