Moment mal: Aufbruchstimmung

Es liegt etwas in der Luft in der Stadt, die ich liebe, bei den Menschen, die mich begleiten, seit ich hier bin. Nach einem gemeinsamen Mensagang fällt die Umarmung länger aus als sonst, man weiß nicht, ob man sich nochmal sieht. Treffen werden geplant, denen das „noch einmal mit allen“ anhaftet. Ich fühle mich fast wie nach dem Abi, wo es jeden in eine andere Himmelsrichtung zog und eine Zeit vorbei ging.

Wie so viele breche ich meine Zelte hier ab, weil neue Erfahrungen rufen.

Ich werde neue Dinge sehen, meinen Horizont erweitern, eine neue Sprache lernen, wundervolle Menschen kennenlernen. Und freue mich wahnsinnig darauf.

Ich werde Liebgewonnenes zurücklassen, ich werde tolle Menschen verlieren, weil es nun mal nicht geht: Mit allen Kontakt halten. Manch einer hat mich gerade erst berührt, gerade erst konnte ich einen Blick in sein Inneres erhaschen und schon gehe ich, ohne zu wissen, was bleibt. Und so schwanken all die Menschen hier zwischen Abschiedsschmerz und Vorfreude.

Es ist der Segen unserers Alters, aber auch der Fluch. Zu jung, um zu bleiben, und zu alt, um völlig ungebunden zu sein. Irgendwo zwischen Fernweh und der Sehnsucht nach Heimat.

Ich belächle oft die, die vor drei Jahren vorm Altar stand und heute stolz den Kinderwagen durch die Fakultät schiebt, fast selbst noch ein Kind, wohlgemerkt: Ihr zweites Kind liegt in diesem Wagen. Was verpasst sie nicht alles, wie klein ist ihre Welt – und ich beneide sie doch, weil sie den Mut hat, zu bleiben.

Ich schüttle den Kopf über die, die ihr Studium an den Nagel hängt, ihre Beziehung beendet, ihre Wohnung verlässt – wie haltlos sie sein muss, wie überstürzt das alles – und ich beneide sie doch, weil sie den Mut hat, zu gehen.

Ich versuche mich an einem Kompromiss, irgendwo zwischen Fern- und Heimweh.

Es ist ein Fluch und Segen, der, wie mir scheint, uns Theologen besonders anhaftet, der schiefe Blick für den, der die Uni nicht wechselt, aber auch: Die Möglichkeit zu wechseln und das große Verständnis für diesen Wunsch.

Abschied liegt in der Luft, dieser Tage. Ich fahre durch die Straßen, mit denen ich viel verbinde, blicke über die Dächer und pfeife das Liebeslied, das eine Freundin jüngst auf diese wundervolle Stadt gedichtet hat:

„Leipzig, lass dich nochmal herzen,
ich hab solche großen Schmerzen, dass ich von dir gehen muss –
Leipzig, gib mir einen Kuss!“
(Astrid Edel)

2 Kommentare anzeigen

  1. Sehr schön beschrieben! Sehe einige Semesterenden und Ortswechsel vor meinem inneren Auge auftauchen.. Abschiede und Neuanfänge. Oder manchmal auch nur: da sein und weiterleben :)
    Liebe Grüße! Mathilda

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