„Einen anderen Beruf kann ich mir gar nicht mehr vorstellen!“ Eine gehörlose Studentin erzählt

Eine gehörlose Theologiestudentin erzählt: Von ihrem Alltag, ihren Plänen und von einer Gesellschaft, die noch viel zu lernen hat.

Josephine ist meine Kommilitonin, vom Sehen kenne ich sie schon lange. Ich weiß noch genau, wie sie mir in meinem ersten Semester einen Euro fürs Schließfach in der Bibliothek wechselte und ich mich wunderte, warum sie nicht richtig mit mir redet – obwohl sie so sympathisch aussieht. Später habe ich dann erfahren: Josephine ist taub. Seitdem sehe ich in Vorlesungen fasziniert den Dolmetscherinnen zu und möchte diese Sprache auch können. Frage mich, wie sie das alles managt an dieser Fakultät, an der ich verloren wäre, wenn sich Infos nicht doch irgendwie immer rumsprechen würden.

Jetzt, nach drei Jahren, habe ich endlich mit ihr gesprochen.

Das Interview wurde mit Hilfe einer Dolmetscherin geführt und ist eine sinngemäße, keine wörtliche Wiedergabe dessen, was Josephine erzählt hat.

Thea Sumalvico: Wo kommst du her und wie sah dein Weg bisher aus?

Josephine: Ich bin in Dresden geboren und dort auch aufgewachsen, bin dort in den Kindergarten und die Gehörlosenschule gegangen. Ich war aber auch in einer Außenstelle der Gehörlosenschule zusammen mit hörenden Kindern – das war ein Modellversuchsprojekt zur Integration, wo es einfach darum ging, miteinander zu spielen und so soziale Kontakte zu knüpfen. Das ging bis zur 5. Klasse und sollte den Übergang in die höhere Regelschule erleichtern. Ich bin auch bis zur neunten Klasse auf ein Gymnasium für Hörende gegangen, habe das dann aber abgebrochen und in Berlin eine Schule für Schwerhörende besucht und dort Abitur gemacht. Dann habe ich ein FSJ in einer sozialen Einrichtung für Gehörlose gemacht. Schon vor dem FSJ hatte ich eigentlich den Plan, Theologie zu studieren, wollte aber während des FSJs nochmal andere Erfahrungen sammeln. Das FSJ hat dann aber das Interesse für den Beruf des Heilerziehungspfleger geweckt. So habe ich mich für beides beworben: Für die Ausbildung zum Heilerziehungspfleger und zum Theologiestudium. Ich habe dann erst die Ausbildung gemacht und jetzt studiere ich seit 5 Jahren Theologie in Leipzig. Ich gehöre zur Sächsischen Landeskirche und stehe dort auch auf der Liste der Theologiestudierenden.

Wie funktioniert die Kommunikation in deiner Familie?

In meiner Familie sind alle hörend. Ich bin vor allem aufgewachsen mit LÜG (Lautsprachunterstützende Gebärden, das heißt, man macht nur zu den wichtigsten Dingen eine Gebärde, z.B. f. Essen und Trinken etc.), Gebärdensprache war damals noch eher eine Nischenangelegenheit. Mit 8 oder 9 Jahren kam ich dann auch in die Gehörlosengemeinde. Das war mein erster Kontakt mit der Gebärdensprache. Meine Mutter war dort inzwischen als Sozialarbeiterin tätig und hat auch einen Gebärdensprachkurs gemacht. Die Gebärden wollte sie mir dann beibringen – am Anfang war das erstmal komisch für mich, ich kannte das ja gar nicht. Mit meiner Mutter kommuniziere ich jetzt in einer Mischung aus DGS (Deutscher Gebärdensprache) und Lautsprache. Mein Vater und meine Schwester bemühen sich um ein gutes Mundbild, gebärden aber nicht. Kommunikation funktioniert dann viel über Mimik und Körpersprache. Und mit der Zeit habe ich gelernt, gut vom Mundbild abzulesen. Wenn ich auf meine Familie treffe, dann rede ich deshalb einfach und wir kommunizieren über Lautsprache.

Wie bist du zum Theologiestudium gekommen?

Ich wollte schon lange Theologie studiere. Ich war (und bin) in der Gehörlosengemeinde aktiv und besuche da regelmäßig den Gottesdienst. Aber alle Pfarrer, denen ich dort begegnet bin, waren hörend und daher nie ganz auf einer Ebene und Wellenlänge mit den Gemeindegliedern. Es hat mir schon immer sehr viel Spaß gemacht, Bibeltexte in Gebärdensprache zu übersetzen, aber oft hat mir der Tiefgang und das Hintergrundwissen gefehlt. Ich wollte Verantwortung übernehmen in der Gemeinde – das kann man eben als Pfarrerin. Und vielleicht war es auch eine göttliche Fügung, dass ich jetzt Theologie studiere.

Am Anfang vom Studium ging es dann vor allem um die Sprachen, die ich im Einzelunterricht gelernt habe, nicht wie sonst üblich in der Gruppe. Daher war ich die ersten Semester ein bisschen „raus“ und hatte kaum Kontakt zu anderen Studierenden. Jetzt habe ich bei jeder Veranstaltung zwei Dolmetscherinnen dabei und meist eine Mitschreibkraft.

Oft war ich auch unsicher: Wie ist der Aufbau des Studiums gedacht, welche Veranstaltungen sollte man besuchen und so weiter. Ich war dann oft bei der Sekretärin im Prüfungsamt, beim Fachschaftsrat und beim Behindertenbeauftragten, aber alle haben es mir ein bisschen anders erklärt. Der Behindertenbeauftragte hat auch schon drei Mal gewechselt seit ich studiere, so musste ich meine Situation immer wieder neu erklären. Und oft habe ich einfach Infos nicht oder zu spät bekommen. Die anderen Studierenden konnten sich einfacher untereinander austauschen.

Welche Art von Unterstützung bekommst du von der Uni? Ist das ausreichend oder zu wenig?

Im Moment habe ich kaum Kontakt mit dem Behindertenbeauftragten, da ich einfach keinen Bedarf habe. Ich muss regelmäßig zum Studiendekan, um mit ihm meine Veranstaltungen und den Studienablauf durchzusprechen. Er gibt mir dann einen Stempel, damit die Dolmetscherfinanzierung bewilligt wird, aber viel mehr Kontakt ist eigentlich nicht da. Der Studiendekan hat auch schon öfter gewechselt – auch hier muss ich mich also immer wieder neu erklären. Öfter gehe ich auch zur Sekretärin des Prüfungsamtes, aber für die ist es natürlich auch zusätzliche Arbeit.

Die Dolmetscher- und Mitschreibkraftfinazierung übernimmt der KSV – der Kommunale Sozial Verband. Dafür bin ich sehr dankbar, denn ohne diese Unterstützung wäre ein Studium für mich nicht möglich.

Das größte Problem beim Studium ist wirklich, dass ich immer zu wenige Informationen bekomme. Eine Zeit lang hatte ich sehr viel Kontakt mit einer Kommilitonin, die eine gute Netzwerkerin war, sie hat mir dann viele Infos weitergegeben. Später hat sie dann leider das Studium gewechselt, dann stand ich wieder allein. Neue Kontakte aufbauen ist eben nicht so einfach.

Viele Infos gibt es natürlich auch in schriftlicher Form, in Prüfungsordnungen usw., aber die Formulierungen dort sind oft so kompliziert, dass ich es nicht genau verstehe und dann doch wieder jemanden fragen muss.

Man könnte Infos ja anders als nur von-Mund-zu-Ohr streuen. Und ich fände es gut, wenn es einen konkreten Ansprechpartner gäbe an der Uni, vielleicht sogar gebärdensprachskundig (muss aber nicht sein: Man kann sich auch mit Zettel und Stift verständigen), nicht unbedingt fachbezogen, aber der einem einfach Infos weitergibt, bei schriftlichen Formulierungen helfen kann und so weiter. Der Behindertenbeauftrage macht das ja als Ehrenamt und kennt sich nicht immer so gut aus.

Fühlst du dich durch die studentischen Gremien gut vertreten?

Das kann ich gar nicht sagen – ich stehe mit denen ja nicht in Kontakt.

Wie ist dein Kontakt zu KommilitonInnen? Wie gehen sie mit dir um?

Ich habe eher nicht viel Kontakt. Nur im Notfall, wenn z.B. die Mitschreibkraft nicht kommt, wende ich mich an andere und bitte sie, für mich mitzuschreiben. Das ist dann natürlich auch eine gute Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen.

Der Umgang der KommilitonInnen mit mir ist unterschiedlich, aber es ist eben für beide Seiten schwer: Kommunikation ist immer anstrengend und eigentlich braucht man dazu immer einen Dolmetscher.

Es gibt Leute, die mich grüßen, auch wenn ich sie gar nicht kenne. Alle wissen natürlich, dass es mich gibt, weil immer zwei Dolmetscherinnen in den Vorlesungen sitzen, aber eigentlich haben wir keinen Kontakt.

Hast du das Gefühl, dass Menschen dich oft unter „behindert“ abstempeln und nicht richtig ernst nehmen oder kommt das eher selten vor?

Früher war es ganz typisch, da wurde man angeschaut und nachgeäfft. Daran kann man sich gewöhnen und man ignoriert es irgendwann. Inzwischen sind die Leute toleranter geworden und ich kann mich ja relativ gut lautsprachlich unterhalten. Bei den Professoren ist es sehr unterschiedlich, zum Beispiel, wenn man Texte und Hausarbeiten abgibt: Manchen geht es einfach um den Inhalt, andere legen großen Wert auf exakte Formulierungen, da habe ich es schwerer als Hörende. Die Kommunikationsbarriere ist natürlich ein Hemmnis, aber Gehörlose haben ganz eigene Kommunikationsformen. Wenn wir unter uns sind, verliert sich das Gefühl der Behinderung. Unsere Sprache schafft uns dann auch eine Identität.

Ein Mensch, der zum Beispiel kein Bein mehr hat, wird nochmal ganz anders wahrgenommen. Taub zu sein ist schon eine besondere Form der Behinderung. Man sieht es mir ja auch auf der Straße nicht an, dass die Kommunikation schwierig ist.

„Behinderte“/“Menschen mit Handicap“/“Menschen mit Behinderung“ oder „Einschränkung“ – welche Bezeichnung findest du am besten?

Handicap ist eine englische Vokabel – das verstehen Gehörlose oft nicht so gut. Behinderte finde ich nicht gut, da tritt der Mensch total in den Hintergrund und es geht nur noch um seine Behinderung. „Einschränkung“ klingt auch sehr negativ. Menschen mit Behinderung – das finde ich schon ganz gut. Da wird der Mensch als ganzer betrachtet, die Behinderung ist nur ein kleiner Aspekt von ihm.

In unserer Gemeinschaft sprechen wir eigentlich nicht von „Gehörlosen“ – das klingt sehr defizitär. Wir sprechen von „taub“ – die Frage ist: Inwieweit verstehen Hörende, was damit gemeint ist und mitschwingt?

„Taubstumm“ empfinden wir jedenfalls als Beleidigung. Wir sind nicht stumm, wir haben eine Sprache.

Anmerkung der Autorin: In der Überschrift dieses Artikels und auch in den Fragen wird trotzdem „gehörlos“ verwendet, weil ich es für den gebräuchlicheren Begriff unter Hörenden halte.

Gibt es in Leipzig eine Kirchengemeinde von Gehörlosen? Gibt es gehörlose PfarrerInnen?

Ja, es gibt drei Gehörlosengemeinde, eine von der Landeskirche, dann eine Junge Gemeinde vom Berufsbildungswerk für Hör- und Sprachgeschädigte, wo ich auch ehrenamtlich mitarbeite und eine von der Freien Gemeinde. In allen drei Gemeinden bin ich aktiv. Die Junge Gemeinde trifft sich einmal wöchentlich, aber die anderen beiden Gemeinden haben leider nur einmal im Monat Gottesdienst. Es gibt zwei Hauptamtliche Pfarrer in der Sächsischen Landeskirche für gehörlose Gemeindeglieder und vier bis fünf weitere, die nebenamtlich mitmachen. Einer der Hauptamtlichen kann Deutsche Gebärdensprache, der andere LGB (= Lautsprachenbegleitende Gebärden, d.h. zu jedem gesprochenen Wort wird eine Geste gemacht, die Satzstruktur richtet sich aber nach der deutschen Grammatik. DGS, die deutsche Gebärdensprache hat eine ganz eigene Grammatik und Satzstruktur, weshalb auch nicht alle Gehörlosen LGB verstehen. Früher war LGB aber Standard)

Es gibt in Deutschland nur eine ordinierte Pfarrerin, die gehörlos ist, aber sie arbeitet nicht in der Gemeinde, sondern mehr im pädagogischen Bereich, an der Universität. Gottesdienste gestaltet sie nur nebenbei und ihr Abschluss ist nun auch schon 20 Jahre her – es fehlt einfach an Nachwuchs und an Fachkräften für Gehörlose, die selbst gehörlos sind. Es gibt nur eine Hand voll gehörlose Studenten in Deutschland. Das liegt natürlich auch daran, dass viele Taube gar kein Abitur machen können und daher der Zugang zum Studium verwehrt bleibt.

Woran liegt das?

Die Schulbildung für taube Menschen ist nie gut gewesen. Zu DDR Zeiten und auch noch nach der Wende wurde überhaupt nicht mit Gebärdensprache gearbeitet, sondern die Kinder wurden rein oral trainiert. Insgesamt ging es in der Schule dann viel um Sprachtraining und wenig um Bildung. So um 2000 wurde Gebärdensprache als vollwertige Sprache anerkannt und seitdem hat sich die Situation verbessert. Aber ein Umbruch braucht immer lange. Viele Lehrer weigern sich immer noch, Gebärdensprache zu lernen und Diskriminierung von Tauben in Schulen gibt es immer noch. Abitur zu machen ist überhaupt nur an ganz wenigen Schulen möglich (z. B. in Berlin und in Essen), aber auch von diesen Schulen habe ich von einigen gehört, dass Schüler die Schule abbrechen mussten, weil sie mit den Lehrern nicht zurecht kamen. Die kommunikative Ebene muss einfach stimmen, aber wenn man keine gebärdensprechenden Lehrer hat ist es schwierig.

Findest du, dass die Kirche genug auf Menschen mit Behinderung und speziell auf Gehörlose zugeht?

Ich denke, es ist ein langer Weg. Es gibt ab und zu gute Zusammenarbeit, aber viele haben einfach das Bild: Wenn wir mit Gehörlosen reden wollen, dann brauchen wir einen Dolmetscher. Und die nächste Frage ist: Wer bezahlt den Dolmetscher? Das ist keine wirkliche Integration. Auch ein Dolmetscher kommt aus der hörenden Kultur, er ist der Vermittler, aber er steht auch außen. Es gibt Menschen, die sich sehr gut einfühlen können und sich gut auskennen.

Insgesamt ist das kirchliche Angebot für Taube aber definitiv zu gering. Oft werden sie bei Veranstaltungen gar nicht eingeladen, einfach vergessen. Manchmal passen auch die Themen nicht. Gehörlose haben schon andere Bedürfnisse.

Jetzt ist ja hier in Sachsen bald wieder Landeskirchentag. Da gibt es Angebote vom Gehörlosenzentrum, aber natürlich würden einige von uns auch gern nicht die ganze Zeit dort sein, sondern an den regulären Veranstaltungen teilnehmen. Einige Dolmetscher sind zwar da, aber man kann natürlich nicht den einen Dolmetscher z. B. von der Bibelarbeit abziehen, weil zwei oder drei andere gerne einen Workshop besuchen möchten. Außerdem ist immer die Frage: Wer bezahlt den Dolmetscher?

Die Sächsische Landeskirche bemüht sich schon, möglichst viele Veranstaltungen barrierefrei zu machen, aber dieses Bestreben kommt eben aus der Gehörlosenseelsorge. Ich würde mir sehr wünschen, dass es mehr aktive gehörlose Gemeindeglieder gäbe, damit es eine aktive Integration gibt. Aber es ist natürlich ein langer Weg zur Inklusion.

Bist du schon sicher, ob du Pfarrerin werden möchtest?

Ich hab diese Arbeit in der Kirche auch schon immer nebenbei gemacht, einen anderen Beruf als Pfarrerin kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen.

Was hast du als Gehörlose, was Hörende nicht haben? Was gibt es für Vorteile am Gehörlos-Sein?

Ich kann schlafen, ohne dass mich Lärm weckt. Ich bin visuell stärker ausgeprägt, ich schaue genauer und nehme Dinge übers Auge stärker wahr. Gehörlose können alles, was nichts mit dem Hören zu tun hat. Und auch nicht alle Taube sind stocktaub. Manche hören zumindest einige (laute) Geräusche oder nehmen Vibrationen wahr und es gibt viele gute Hörhilfen. Mir helfen meine Hörgeräte zum Beispiel sehr gut, wenn ich auf der Straße unterwegs bin, dann höre ich laute Geräusche. Aber schlafen kann ich eben ganz wunderbar auch bei Lärm.

Außerdem haben wir unsere Sprache, die Gebärdensprache. Das ist etwas Wunderbares.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Übrigens: Auch der SETh hat sich auf den letzten beiden Vollversammlungen mit den Thema Studieren/Pfarramt mit Handicap auseinandergesetzt. Siehe: http://www.interseth.de/wp-content/uploads/2014/05/Bericht-der-VV-2014-02-in-Berlin.pdf & http://www.interseth.de/wp-content/uploads/2014/01/Bericht-der-VV-2014-01.pdf

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Ein Kommentar

  1. Christopher

    Vielen Dank für diesen spannenden Einblick! Ich denke, zumindest die Grundlagen der Gebärdensprache sind etwas, was man als PfarrerIn durchaus einmal lernen kann. Im Gemeindekontext ist es schließlich nicht unwahrscheinlich, dass man auf Gehörlose trifft.

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