Dienstags in Jerusalem
Modell Jerusalems zur Zeit Jesu (Israel Museum)

Der Wecker klingelt. 06:30h. Es dauert, bis ich aufstehe. 07:00h. Mein Mitbewohner ruft: „Bad ist frei!“ Ich gehe die paar Treppenstufen hinunter ins Bad. Etwas später sitze ich beim Frühstück. Pita mit Humus (eine Art Kichererbsen-Aufstrich), darauf ein paar Gurken, Salz und Pfeffer. Gegen 07:40h müssen wir los. Heute fahre ich mit der Bahn, mein Mitbewohner hingegen ist fleißig und fährt Fahrrad. Bergauf, bergab. In Jerusalem findet man kaum flaches Land, immer muss man hoch und runter. Ich gehe aus dem Haus und stehe auf der Yafo Street, der zentralen Straße der Jerusalemer Neustadt. Vor mir klingelt die Straßenbahn. Ich muss einige Meter gehen und steige in sie ein.

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Nach etwa 50m überqueren wir die berühmte „grüne Linie“ (die Waffenstillstandslinie zwischen Israel und Jordanien von 1948/49–1967), nur merkt man davon nichts, wenn man es nicht weißDirekt hinter dieser imaginären Linie erhebt sich die Mauer der Jerusalemer Altstadt. Wir lassen sie rechts liegen.

Nächste Haltestelle: Damaskustor. Frauen mit Kopftuch, arabisch sprechende Bewohner der Stadt, Kinder in Schuluniformen gesellen sich zu den Frauen mit jüdischem Gebetbuch, den hebräisch sprechenden Bewohnern, den Soldaten in Uniform. Ich sitze mittendrin. In der Straßenbahn trifft alles aufeinander. Egal ob säkularer Tourist aus Europa, Ultra-Orthodoxer Jude aus Jerusalem oder arabischer Student. Die Bahn geht von West bis Ost durch die Stadt und macht keinen Halt, an welchen Grenzen auch immer. Einmal umsteigen und dann in die Uni.

 Modell Jerusalems zur Zeit Jesu (Israel Museum)

Modell Jerusalems zur Zeit Jesu (Israel Museum)

08:30h. Talmud. Etwa 50-66% der Klasse sind da, der Rest trudelt im Laufe der nächsten halben Stunde ein. Der Dozent fängt an. Hebräisch kommt aus seinem Mund, wie immer in meinen Kursen. Auch nach fast 2 Semestern verstehe ich längst nicht alles. Aber man kommt klar. Wenn einer was zu sagen hat, ruft er es einfach in den Raum, gemeldet wird sich bei weitem nicht immer. Manchmal rufen alle durcheinander und der Dozent versucht noch lauter zu schreien, bis er irgendwann für Ruhe sorgt. Die Kultur, auch im Hörsaal, ist hier ein bisschen anders.

Talmud ist das Thema. Die jüdische Schrift, die so entscheidend für den religiösen Alltag ist. Hier stehen Gebote. Hier steht, wie man dies und das zu feiern hat. Hier stehen Geschichten und Worte der alten, weisen Rabbiner von etwa 200v.Chr. bis 500n.Chr. Die Ultra-Orthodoxen lesen und lernen ihn so viele Stunden wie möglich, jeden Tag. Will man das (religiöse) Judentum verstehen, führt kaum ein Weg am Talmud vorbei. Aber auch für jeden, der sich bei Paulus schon mal gewundert hat, was der da eigentlich macht und wie er in diesem Kontext auf jenen Vers aus dem Alten Testament kommt, ist es nicht schlecht die Welt des Talmud kennen zu lernen, in dem übrigens auch der Rabban (Rabbi) Gamaliel vorkommt, der nach der Apostelgeschichte Lehrer des Paulus war und einige der ersten Jesusanhänger vor dem Tod bewahrte.

Die Argumentation, die Logik des Talmud, funktioniert vollkommen anders als unsere Logik. Wenn überhaupt werden Bibelverse scheinbar assoziativ zum Thema genannt. Es kommt nicht auf ihren Kontext an, sondern manchmal nur auf einzelne Worte, die irgendwie in die aktuelle Diskussion passen. Es werden Geschichten erzählt von irgendwelchen großartigen Menschen, an denen etwas verdeutlicht werden soll. Es wird nicht in unserem Sinne „wortgetreu“ zitiert, sondern hier und da so verwendet, wie man es eben braucht usw. Verwirrend? Unklar? Ja! Es lohnt sich mal einen entsprechenden Kurs zu belegen.

Nach dem Unterricht, in dem übrigens sowohl säkulare, als auch orthodoxe sitzen, fahre ich wieder zurück. Um 12:00h nehme ich den arabischen Bus vom Damaskustor. Nach etwa 30 Minuten komme ich an der Mauer an, die zwischen Bethlehem und Jerusalem steht. Ich gehe durch den Checkpoint. In dieser Richtung, in die palästinensischen Gebiete hinein, wird man nicht kontrolliert. Auf der anderen Seite gehe ich zu Fuß an der Mauer entlang, die übrigens bei weitem nicht überall Mauer ist, sondern meistens ein Zaun. Die einen nennen es „Apartheidsmauer“, die anderen „Sicherheitszaun“. Alles ist voll mit Graffitis und Geschichten von Palästinensern. „Nothing lasts forever“ und andere Schriftzüge stehen an der Wand.

Mauer am Rande Bethlehems

Mauer am Rande Bethlehems

Nach 15 Minuten komme ich im Flüchtlingslager Aida an. Hier stehen zwar keine Zelte, sondern Häuser aus Stein, aber dennoch ist es ein vollkommen armer, enger und schlicht abgefuckter Ort. Ich hole mir eine leckere Falafel, die nur 2(!) Schekel kostet, etwa 40Cent (in Jerusalem zwischen 8–15 Schekel). Dann gehe ich zu dem Projekt, bei dem ich mitarbeite. Die nächsten zwei Stunden werde ich Kindern bei ihren Englisch-Aufgaben helfen und mit ihnen spielen. Die 5 arabischen Wörter, die ich kann, helfen ein wenig, der Rest muss mit Händen und Füßen gehen. Zur Not kann eine Lehrerin übersetzen, bei der ich mir aber auch nicht immer sicher bin, ob sie wirklich versteht, was ich meine.

Wenn man hier lebt, erlebt man so einiges. Ich habe Steine werfende Kinder gesehen. Israelische Polizeiautos. Habe Tränengas gerochen. Der Wille „zurück“zukehren kommt mir immer wieder entgegen. Auf einigen Shirts steht 1948, das Jahr, in dem die Eltern oder Großeltern der Bewohner aus dem heutigen Israel geflohen sind. Die Leute, mit denen ich zu tun habe, die Mehrheit der Einwohner des Camps, haben nie dort gewohnt. Mir wird erzählt, dass immer wieder israelische Soldaten im Camp sind. Einmal war die Beerdigung eines „Märtyrers“, der am Tag vorher von der israelischen Armee erschossen wurde, so erzählt man mir. Hier tobt das Leben. In (West-)Jerusalem bekommt man nichts, nichts davon mit, wenn man sich nicht besonders dafür interessiert.

15:00h. Ich mache mich auf den Rückweg. Diesmal werde ich am Checkpoint kontrolliert. Alles muss abgelegt werden und Taschen müssen gelehrt werden, wie am Flughafen. Danach Passkontrolle. Für mich, als blonden Deutschen, kein Problem. Gegen 16:45h komme ich zu Hause an. Was mache ich heute Abend noch? Ich könnte lesen für meinen Kurs „jüdisch-religiöses Denken im Holocaust“ oder eine hebräische Serie gucken. Ich könnte zur Bibelarbeit eines Rabbis gehen oder zum Gemeindeabend in der deutschen Erlöserkirche. Ich könnte mit meinem säkularen israelischen Nachbarn quatschen oder mit meiner Familie in Deutschland telefonieren. Oder früh schlafen gehen, morgen um 07:00h wird mein Mitbewohner wieder rufen: „Bad ist frei!“

Klagemauer und Felsendom am Abend des jüdischen Neujahrsfestes (ראש השנה)

Klagemauer und Felsendom am Abend des jüdischen Neujahrsfestes (ראש השנה)

Fotos: Birger Stahlschmidt

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