Barmen – ein deutsches Bekenntnis? Ein Zwischenruf und Blick in die USA
Foto: Karl Barth Archiv, Basel/Maria Netter. CC BY-SA 3.0

Der Zufall will, dass im langen Anlauf auf das Reformationsjubiläum 2017 nicht viele evangelische Bekenntnisse einen nennenswerten Geburtstag feiern. Im vergangenen Jahr wurde der Heidelberger Katechismus geehrt, in diesem Jahr nun ist die ungleich jüngere Barmer Theologische Erklärung an der Reihe. 80 Jahre sind vergangen, seit die 139 Synodalen in Barmen zusammenkamen. Nach vergleichsweise kurzen drei Tagen verabschiedeten sie einen Text, der als „Theologische Erklärung“ in die Kirchengeschichte eingehen sollte. Wobei für die schnelle Beschlussfassung sicherlich hilfreich war, dass Karl Barth schon eifrig vorgearbeitet hatte.

Wucht oder wuchtig?

Mit ihrer – und das heißt an dieser Stelle wohl vor allem Barths – einprägsamer Sprache ist die Erklärung schon aus rhetorischen Gründen lesenswert.[1] Fulminant setzt sie ein in These I – „Jesus Christus … das eine Wort Gottes … dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“ –, bevor sie in These II die Verwerfung ausspricht gegen „die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären …“ 

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Karl Bart – Karl Barth Archiv, Basel/Maria Netter –  CC BY-SA 3.0

Über die Bedeutung dieser und der folgenden Sätze aber wurde von der ersten Minute an gestritten. Ausdruck fand dies unmittelbar in der Namensgebung. Barmen wurde so eben kein ‚Bekenntnis‘, was die Lutheraner nicht akzeptieren konnten, sondern ‚nur‘ eine Erklärung. Und diese verschiedenen Haltungen Barmen gegenüber spiegeln sich auch heute in den Kirchenordnungen wieder, in die nur die (meisten) unierten Gliedkirchen der EKD Barmen aufgenommen haben.

Theologische Hohenflüge und kirchenpolitische Grabenkämpfe

Quelle:  http://www.ekbo.de/1091696 ekir.de / Archiv/Susanne Pfannschmidt

Quelle: http://www.ekbo.de/1091696
ekir.de / Archiv/Susanne Pfannschmidt

Nichtsdestotrotz lesen und würdigen heute alle irgendwie Barmen; zum Jubiläum vor fünf Jahren brachten UEK, VELKD und EKD gar eine gemeinsame Arbeitshilfe heraus.[2] Ja bravo!, möchte man da sagen. Eben dieses Dokument beginnt dann erstmal mit stolzem Eigenlob auf Zusammenarbeit, Kirchenamt, EKD. Und hier wird das vielleicht größte Problem der Barmer Erklärung im deutschen Protestantismus 2014 deutlich: Barmen wird benutzt, um Kirchenpolitik zu machen. Die andauernden Streitigkeiten über die rechte Nomenklatur liegen zu guten Teilen in Machtkämpfen zwischen Landeskirchen und EKD begründet, zwischen konfessionalistischen Lutheranern und solchen, die einem Pan-Protestantismus das Wort reden, und – nicht zuletzt – zwischen Barthianern und denen, die auch für die Systematik das Ende der Wort-Gottes-Theologie herbeisehnen.

Und das ist schade. Denn Barmen hätte mehr zu sagen. Dafür müsste Barmen aber (wieder) sein kritisches Potential entfalten können. Stattdessen wird das Bekenntnis mit einer folkloristischen Note funktionalisiert, wie in (meiner) Rheinischen Kirche, wo kein Grußwort des Präses endet, ohne dass zuvor Barmen zitiert wurde. Wahrscheinlich liegt es auch in der Natur kirchlicher Prozesse begründet, dass Bekenntnistexte von dem Moment ihrer Approbation an nicht mehr ein ‚Gegenüber‘ zur Kirche sind, sondern das ‚Eigene‘ – und von nun an sucht man nach Kontinuität zwischen der überlieferten Autorität und der eigenen Position.[3] Dabei entwickelt das Kontinuitätsdenken im deutschen Protestantismus eine tragische Engführung. In nahezu allen Veröffentlichungen wird Barmen implizit als ein rein deutsches Bekenntnis verstanden: geschrieben in Deutschland, gelesen in Deutschland, bedeutsam für Deutschland.

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wuppertal_Werth_0011.jpg

Ulle Hess – Ja-Sager und Nein-Sager / Foto: Atamari – CC BY-SA 3.0

Das aber blendet einen interessanten, globalen Teil der Geschichte aus, wie es mit Barmen nach 1945 auch weitergegangen ist. Am Beispiel der US-amerikanischen Presbyterianer möchte ich erzählen, wann, wie und warum Barmen auf der anderen Seite des Atlantiks Bedeutung entwickelt hat.[4]

Barmen jenseits des Ozeans

Im Jahr 1967 wurde die Barmer Erklärung von der United Presbyterian Church of the USA (kurz UPCUSA[5]) als Bekenntnis angenommen – zum ersten Mal außerhalb Deutschlands. Gewiss war dieser Schritt für die Presbyterianer einfacher als beispielsweise die deutschen Lutheraner – ist doch der Presbyterianismus die schottische Prägung des Calvinismus, vermittelt über John Knox. Insofern waren sie mit der reformierten Offenheit für neue und vielfältige Bekenntnisse vertraut. Allerdings: Lange hatte der schottisch-amerikanische Presbyterianismus das Bekenntnis von Westminster von 1647 als alleinigen „standard of faith“ akzeptiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden aber die Rufe nach einem neuen reformierten Bekenntnis weckten. Schließlich also wurde 1967 das neue Book of Confessions verabschiedet. Sein Inhalt: Weiterhin Westminster, daneben aber zwei altkirchliche Symbole, drei weitere reformierte Bekenntnisse des 16. Jahrhunderts, darunter der Heidelberger Katechismus, und – aus dem 20. Jahrhundert – Barmen und die völlig neue Confession of 1967.

Wie konnte es dazu kommen? Im Hintergrund standen die Erschütterungen des Modernismus-Streites der 1920er im Presbyterianismus (wie auch in vielen anderen Kirchen) über die Frage nach der angemessenen Verkündigung und Glaubensform in der Moderne: fundamentalistische[6] Bejahung ausgewählter essentials einerseits oder „modernistische“ Kontaktsuche zur modernen Welt durch soziale Aktion und intellektuelle Auseinandersetzung andererseits. Zwar wanderten viele Konservative in neugegründete Kirchen ab. Doch umfassten die Mainline-Kirchen auch weiterhin ein breites Spektrum an theologischen Positionen, vergleichbar den deutschen Kirchen. Diese aber hielt mehr der Wille zur Einheit denn eine starke Theologie zusammen.

Ein neue, konsensfähige Theologie und Sprache bot in den 1930ern plötzlich die dialektische Theologie. Mehrere Lehrer des für den gemäßigten Presbyterianismus führenden Princeton Theological Seminary sympathisierten ab Ende der 1930er mit Karl Barth. Nach und nach vergrößerte sich der Einfluss dieser ‚neuen‘ Theologie. Anders als in Deutschland, wo die „Theologie der Krise“ ja zumeist als konservative Reaktion verstanden wird, entwickelte sie sich in den USA zu einer Mittelposition: Die alten Fundamentalisten bekamen hier eine klassisch-dogmatische Sprache, während die Liberalen nicht auf die historische Kritik und existentiale Zuspitzung verzichten mussten. Aus diesem Grund wird die „dialektische“ Theologie im Englischen dann auch häufiger als „neo-orthodox“ bezeichnet.

Dass dann 1967 Barmen autorisiert wurde, kann man wohl mit Recht den Ritterschlag für barthianische Theologie bezeichnen. Eine Generation von Theologen und Kirchenführern erhob in den Bekenntnisstand, was sie als angemessene Form von Theologie in heutiger Zeit empfand. Allein: auf das große kreative Projekt dieser Jahre hatte die Theologie Barmens wenig Einfluss: auf die Confession of 1967 (C67).

Dieses Dokument, im Book of Confessions gleich hinter Barmen zu finden, ist faszinierend. Es formuliert den christlichen Glauben unter dem Leitgedanken der Versöhnung aus. Der Zentralsatz dafür ist wohl dieser:

To be reconciled to God is to be sent into the world as his reconciling community. This community, the church universal, is entrusted with God’s message of reconciliation and shares his labor of healing the enmities which separate men from God and from each other.[7]

Barmen ist hier deutlich zu spüren, sogar verstärkt – Gottes Zuspruch ist auch Gottes Anspruch. Damit steht zur Frage, wo die Kirche mit dieser Mission aktiv wird, welchen Problemen sie sich konkret widmet. Und hier lässt Barmens Einfluss nach.

Eingangs bekräftigt C67 zwar Christus als „the one sufficient revelation of God” und übernimmt Barmens Vokabular des Gehorchens. Im nächsten Abschnitt aber wird Barmens strikte Ablehnung jeder Form von natürlicher Theologie ins Gegenteil verkehrt:

In each time and place, there are particular problems and crises through which God calls the church to act. The church, guided by the Spirit, humbled by its own complicity and instructed by all attainable knowledge, seeks to discern the will of God and learn how to obey in these concrete situations.[8]

Plötzlich ist die Geschichte wieder Offenbarungsträger, Medium des Willens Gottes. Gott „ruft die Kirche durch die Probleme und Krisen“ – wie Barth das gefunden hätte? Zugebenermaßen bewegt sich C67 damit im Optimismus der ökumenischen Bewegung dieser Jahre. Im selben Jahr tagte die legendäre Vollversammlung des Weltrates der Kirchen (ÖRK) in Uppsala, die eben solche Suchen nach dem Willen Gottes  in den Protest- und Reformbewegungen ihrer Zeit bejahte.[9]

Das war alles?

Wenn die Geschichte hier enden würde, wäre der ganze Fall der amerikanischen Presbyterianer vielleicht wirklich nicht so erwähnenswert. Interessant aber ist, dass dem Book of Confessions jegliche Einleitung, wie man die versammelten Texte in Zusammenhang bringen solle, fehlte. Diese wurde erst 1997 nachgeliefert. Zu diesem Zeitpunkt hatte eine erneute Fusion die heutige Presbyterian Church (USA), kurz PC(USA) hervorgebracht. Dieser neue Text, „The Confessional Nature of the Church“, führt knapp in die einzelnen Bekenntnistexte ein und führt daneben in erster Linie eine reformierte Hermeneutik der Bekenntnisschriften aus.

Und hier ist nun deutlich die Handschrift Barmens zu sehen: Barmen II klingt an in der Bestreitung, es gäbe ‚areas of individual or social life that are not claimed by God’. Und Barmens Lehre vom Wort Gottes spreche, so die Studie, „for the best intentions of the whole Reformed tradition“. So wird dann auch den missionarischen und sozialen Aktivitäten der Kirche ins Stammbuch geschrieben, dass sie allein von den Bekenntnissen bestimmt werden dürfen, und nicht von „this or that liberal, conservative, or revolutionary ideology“[10].

Damit wird in aller Deutlichkeit der hehre Anspruch der 1960er deutlich zurückgewiesen, man könne aus der Geschichte direkte Offenbarung ablesen. Denn solche Versuche sind am Ende stets überlagert von den eigenen politischen und theologischen Vorlieben. Gottes unzweideutig ablesbaren Willen gibt es so nicht in der Geschichte.

Die Theologie der Barmen Theologischen Erklärung hat hier erkennbar die theologische Diskussion innerhalb des amerikanischen Presbyterianismus befruchtet, und – man möchte sagen – korrigiert. Nicht, weil die Kirche sich ‚entweltlichen‘ sollte. Sondern weil damit die theologische Debatte gestärkt wird: Wie Christenmenschen die Gegenwart verstehen, ist eine theologische Aufgabe, die die Auseinandersetzung mit Bibel und Bekenntnis konstitutiv beinhaltet. Unzweideutigkeiten gibt es auch hier nicht. Aber die Diskussion wird gebunden an die glaubende, betende und – vor allem – lesende Gemeinschaft der Kirche.

Theologisches Potential in ökumenischer Perspektive

Die Erklärung von Barmen hat theologisches Potential, auch heute. Zu einem solchen „Bekenntnis zum Bekenntnis“ gehört aber dann auch, eine kritische Distanz zu ihm zu entwickeln. Barmens „fehlende These VII“, die nationalistischen, ja antisemitischen Überzeugungen vieler Synodaler und die nicht so glorreiche Widerstandsgeschichte der Bekennenden Kirche werfen ein anderes Licht auf die Jahre 1934ff. Einfache „Kontinuität“ mit Barmen und der BK kann niemand wollen. Wenn sie trotzdem behauptet wird, so geht dies zu Lasten kritischer historischer Forschung. Trotz alledem hat die Erklärung orientierende Kraft, drei Felder seien exemplarisch genannt.

Barmen I hinterfragt radikal unsere letztgültigen Loyalitäten. Der Imperativ der These ist kein Indikativ – unser ‚Vertrauen und Gehorsam‘ bedürfen der Prüfung. Zugleich ist damit die grundsätzliche Positionalität menschlichen Lebens und Glaubens markiert. Christen können und sollen nicht anders, als auf Christus zu hören. Doch ist dies ein gemeinschaftliches, dialogisches Unternehmen. Dialog und Position stehen in fruchtbarer Spannung zueinander.

Barmen III versteht die Ordnungen der Kirche als Zeugnis für Christus. Zwar wird keine bestimmte Ordnung sakralisiert, doch auch die ‚Formgebung‘ der Kirche ist damit eine theologische Aufgabe. Der hektische und teils effekthaschende Reformprozess der gegenwärtigen Kirche sollte sich diese Kritik zu Herzen nehmen, statt immer neue Organisations-, Business- und Wachstumsmodelle zu preisen.

Barmen V zuletzt mag die konservativste These sein. Doch die hier anklingende Zwei-Reiche-Lehre dafür zu nutzen, sich wieder als gesellschaftliches Establishment verstehen können, ist lahm und kraftlos. Wir müssen neu verstehen lernen, wie radikal, revolutionär und unpassend es sein kann, „an Gottes Reich zu erinnern“.

Ein kurzer Abschluss

Die Rezeption und Bearbeitung Barmens in den USA reiht sich ein in eine lange Liste positiver und kritischer Auseinandersetzungen in den Niederlanden, Japan, Korea, Indonesien, Kuba und – vor allem – Südafrika.[11]  Die Geschichte der amerikanischen Presbyterianer zeigt, wie in einer kirchenpolitisch überlagerten Debattenlage Barmen Kraft für neue theologische Arbeit hervorbrachte. Wir können davon lernen.

Alles Gute zum Geburtstag, liebe Barmer Erklärung!

 


Barmen zum Download (EKD)

[1] „… an Sprachkraft stärker als so manches neue kirchliche Papier“ hat es m.E. ganz treffend Steve Henkel ausgedrückt.

[2] Die Mitglieder der Union Evangelischer Kirchen (UEK) sind die unierten und reformierten Kirchen in Deutschland; die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELLKD) vereinigt die Kirchen in lutherischer Tradition. Doppelmitgliedschaften und Gaststatus sind in beiden Zusammenschlüssen möglich. In der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wiederum sind alle genannten Kirchengruppen zusammengeschlossen. Allerdings hat nur die VELKD selber Kirchenstatus. — Zur Arbeitshilfe siehe: EKD/UEK/VELDK, 75 Jahre Barmer Theologische Erklärung. Eine Arbeitshilfe zum 31. Mai 2009, online unter: www.ekd.de/download/EKDBarmen.pdf

[3] So beispielsweise im aktuellen „Themenpaket“ der rheinischen Kirche: „Auch die Evangelische Kirche im Rheinland steht in der Tradition von Barmen.“ Online unter http://www.ekir.de/www/downloads/Themenpaket-BTE.pdf

[4] Einen weiteren Horizont offenbart Martin Engels, jetziger Pfarrer der Gemarker Kirche in Barmen: „Auf der ganzen Welt, vor allem dort, wo Christen unter Zumutungen leben müssen – wie in Südafrika während der Apartheid oder in Ägypten, mit einem Pfarrer dort bin ich befreundet – ist die Barmer Erklärung nach wie vor eine Quelle der Kraft.“ („Der Geist von Barmen lebt“ – 80 Jahre Theologische Erklärung“, Westdeutsche Zeitung vom 29. Mai 2014, online unter http://www.wz-newsline.de/lokales/wuppertal/der-geist-von-barmen-lebt-80-jahre-theologische-erklaerung-1.1648855).

[5] 1983 wiederum entstand bei einer weiteren Fusion die heutige Presbyterian Church (USA), kurz meist PC(USA), mit der die deutsche UEK volle Abendmahlsgemeinschaft hat.

[6] Auch wenn es heute fast ausschließlich pejorativ verwendet wird, war es für die damaligen Konservativen eine positive Selbstbeschreibung, insofern sie sich als Verteidiger der „fundamentals of faith“ sahen.

[7] „Book of Confessions“ der PC(USA): „Confession of 1967“, Abschnitt 9.31. Online unter: https://www.pcusa.org/resource/book-of-confessions.

[8] Book of Confessions, 9.43.

[9] Hilfreich dazu David J. Bosch, Transforming Mission. Paradigm Shifts in Theology of Mission (Maryknoll, N.Y: Orbis Books, 1991), 383.

[10] „Book of Confessions“ der PC(USA): „Confessional Nature of the Church“, xxix, Online unter: https://www.pcusa.org/resource/book-of-confessions.

[11] Dort entwickelten das „Kairos-Dokument“ von 1985 und das Bekenntnis von Belhar im darauffolgenden Jahr eine Kritik am System der Apartheid aus der Theologie Barmens heraus.

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3 Kommentare anzeigen

  1. Christopher

    Lieber Jan,

    vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag zur Barmer Erklärung. Was oft vergessen wird, ist auch, Barmen im Zusammenhang mit dem großartigen einführenden Vortrag von Hans Asmussen zu lesen, von dem die Bekenntnissynode ausdrücklich gesagt hat, die beiden seien eigentlich nicht voneinander zu trennen. Ich hab meine Unterlagen dazu gerade leider in der Bibliothek deponiert, sonst könnte ich mehr dazu schreiben.

    Überhaupt sollte nicht vergessen werden, dass ja auch Asmussen (und Breit) zwei Thesen beigesteuert haben – eben V und VI – die ach so „konservativ“ anmutenden – während ja auch die Thesen, die die reformierte Kirche schuf, „während die Lutheraner schliefen“ (Gedächtniszitat von Barth, der I-IV während des Mittagsschlafs von Asmussen und Breit verfasste), auf große grundsätzliche Zustimmung trafen. Daher wäre ich vorsichtig mit der Deutung, die Barmer Erklärung wäre ein typisches Zeugnis barthianischer Theologie. Sprache ja, aber nicht Theologie, weshalb ich 1967 auch nicht als „Ritterschlag“ für selbige interpretieren würde. Die dialektische Theologie ist keinesfalls alleiniges Hoheitsgebiet der Reformierten.

    Des Weiteren habe ich auch nicht den Streit über die Bedeutung der Sätze der Barmer Erklärung als Anlass dafür im Kopf, sie nicht als „Bekenntnis“ zu bezeichnen, sondern vielmehr die Sorge der Lutheraner, dass ein „gemeinsames Bekenntnis“ die konfessionelle Verschiedenheit zumindest nach außen hin nivellieren könnte. Eben deshalb sollte die Erklärung als Grundlage für die Auslegung der konfessionellen Bekenntnisse fungieren und nicht selbst Bekenntnis sein. Der inhaltliche Wahrheitsgehalt war m. W. stets unstrittig. Es war also ein formales Argument und eine taktische Entscheidung, um die Synode zur Zustimmung zu bewegen, die Erklärung „Erklärung“ und nicht „Bekenntnis“ zu nennen.

    Insgesamt sehr spannende Überlegungen … von der US-amerikanischen Rezeption wusste ich bisher noch nichts. Dass die liberale Theologie unserer Zeit sehr kraftlos geworden ist und ihr einiges von dem „Geist Barmens“ fehlt, sehe ich auch. Die so dringend notwendige Synthese von dialektischer Theologie des Wortes Gottes und liberalem Kulturprotestantismus eines Gefühls der schlechthinnigen Abhängigkeit konnte m. E. bislang noch nicht befriedigend formuliert werden.

    • Jan Heitzer

      Lieber Christopher,
      vielen Dank für deinen ausführlichen und interessanten Kommentar! Ich stimme dir zu, dass Barmen kein ausschließlich barthianisches Dokument ist – dann hätte es wohl auch keine Zustimmung bekommen. Da war es schon notwendig, wie du richtig feststellst, dass die „Dialektiker“ aus beiden konfessionellen Lagern kamen.
      Es ist aber wohl so, dass die Aufnahme Barmens in einem reformiert-presbyterianischen Kontext dann eben die reformierten Teile stärker gemacht hat; ich denke da vor allem an den engen Zusammenhang von Rechtfertigung und Heiligung, der für die Presbyterianer einfach normal war. Und so fällt dann auch der Fokus eher auf den allumfassenden Geltungsanspruch Christi denn auf die Zwei-Regimenter-Trennung.
      Zum Streit um Barmen nach 1945 muss man glaub ich schon auch inhaltliche Konflikte zugestehen. Teils wird in der Forschung ja von Links- und Rechtsprotestantismus gesprochen, und da ist der Gegensatz schon deutlich, wenn Ehlert und Althaus (auf „rechter“ Seite) ihr Programm natürlicher Theologie und gesellschaftlicher (Re-)Etablierung vorantreiben – was dann auch ein Ja zu Marktwirtschaft und (später) Atomwaffen beinhaltet. Auf der anderen Seite Niemöller, Diem u.a., die offene linke Sympathien hatten. (Dazu in einführend die EKD-Arbeitshilfe von 2009, S. 13: http://www.ekd.de/download/EKDBarmen.pdf)
      Für (konservative) Lutheraner jedenfalls war (und ist) undenkbar, Barmen „als Grundlagefür die Auslegung der … Bekenntnisse“ zu haben, wie du formulierst. Die Reihenfolge ist hier aus lutherischer Sicht immer andersherum, Barmen ist untergeordnet und hat Autorität insofern es den alten Bekenntnissen entspricht. Damit wird es aber noch immer nicht selbst zum Bekenntnis.

      • Christopher

        „ich denke da vor allem an den engen Zusammenhang von Rechtfertigung und Heiligung, der für die Presbyterianer einfach normal war“

        Interessanterweise ist es aber der Lutheraner Hans Asmussen, der in seinem Eingangsreferat ausdrücklich sagt: „Darum ermahnen wir alle Christen, sich mit äußerstem Fleiß vor der Irrlehre zu hüten, als könne man Rechtfertigung und Heiligung auseinanderreißen.“

        Ich glaube, wir unterschätzen heute die lutherische Theologie der 20er und 30er Jahre etwas, wenn wir ihnen eine zu große Distanz zu Barth nachsagen. Das mag für die einschlägigen Kulturprotestantler in der Nachfolge Ritschls und Harnacks (Du nennst ja schon Althaus und Elert) gegolten haben, nicht aber für ihre ebenso lutherischen Widersacher. Den Zusammenhang von Rechtfertigung und Heiligung hat auch gerade der Erzlutheraner Bonhoeffer (der sich bezeichnenderweise von dem Konfessionalismus seiner Glaubensbrüder abgewandt hat und auch nicht müde wurde, gegen das [kulturprotestantische] „Pseudoluthertum“ zu wettern) Zeit seines Lebens pointiert herausgehoben. Zudem bedeutet ja auch die Zwei-Regimenter-Lehre nicht die Möglichkeit der Verselbstständigung eines Reiches gegenüber dem anderen, wie sie die „Pseudolutheraner“ postulierten.

        „Für (konservative) Lutheraner jedenfalls war (und ist) undenkbar, Barmen ‚als Grundlage für die Auslegung der … Bekenntnisse‘ zu haben, wie du formulierst.“

        Ja, der Begriff „Grundlage“ ist ungeschickt gewählt. Gemeint ist natürlich, dass keines der konfessionellen Bekenntnisse entgegen der Barmer Erklärung ausgelegt werden darf. Wenn ich mich recht erinnere, steht das so ähnlich in den Beschlüssen der Bekenntnissynode oder in einem Begleitschreiben dazu.

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