Moment mal: Angreifen und Verteidigen

Als vor ein paar Monaten klar war, dass ich schwanger bin, fragte ein Kumpel, ob er Pate werden könne. Genau genommen fragte er nicht, sondern setzte es schlichtweg voraus. „Ich werde ja Pate bei eurem Kind.“ Er sagte mir das in einem Facebookchat, sodass er meinen erstaunten Gesichtsausdruck nicht sehen konnte. Abgesehen davon, dass mir sein Nicht-Fragen persönlich zuwider läuft, ist er selbst erklärter Atheist. Nicht nur das: Er wird auch nicht müde auf Kirche und Gott zu schimpfen – warum sollte ich ihn also als Paten für mein Kind wünschen!?

Daraufhin folgte ein langer Chat, in dem beide Seiten versuchten sich zu erklären … am meisten schrieben wir uns den Satz „Du verstehst mich nicht!“ oder auch „Willst Du mich nicht verstehen?“. Am Ende fühlten ich mich angegriffen und verletzt. Und irgendwie hatte ich auch das Gefühl gescheitert zu sein.

Passend dazu bin ich mal wieder an einem Artikel auf evangelisch.de hängen geblieben. Diesmal geht es um den Dialog mit Atheisten. Dominik Speck, der Autor des Artikels Gläubige und Atheisten: „Wir sind alle irgendwie Sucher“, schlussfolgert, dass beide Seiten also Christen und Atheisten keinen echten Respekt füreinander haben und deswegen ein fruchtbarer Dialog scheitere. Man könne sich nur darauf einigen, dass wir alle „irgendwie Sucher“ sind. Unter dem Artikel erscheinen stetig neue Kommentare von Atheisten und Nicht-Atheisten, die versuchen ihren Punkt zu erklären und wie mir scheint: zu verteidigen. Ich denke Dominik Speck hat recht: heißt Respekt nicht, dass mein Dialogpartner mir auf gleicher Höhe begegnet, dass wir gleichberechtigt sind? Sehen wir uns denn als gleichberechtigt? Die Diskussion erinnert mich stark an den Chat mit meinem Kumpel. Geht man denn nur in einen Dialog, weil man sich von der anderen Position angegriffen fühlt? Setzt ein Dialog nicht voraus, dass man dieselbe Sprache spricht? Hab ich Respekt vor einem Dialogpartner, der mich meinem Gefühl nach, nur angreifen und überzeugen will? Will ich nur überzeugen?

Die letzte Frage kann ich persönlich mit einem eindeutigen Nein beantworten. Ich will nicht überzeugen. Ich will etwas viel schlimmeres: ich will nämlich, dass mein Dialogpartner meine Gedanken nachvollziehen kann. Ich will, dass er sagen kann: ich verstehe und respektiere Dich in Deinem Glauben – ggf. mit dem Zusatz: auch, wenn ich ihn nicht teile oder teilen kann. Dasselbe will ich auch behaupten können. Ich will ja verstehen.

Religion ist ein existentielles Thema, wenn nicht sogar das existentiellste Thema überhaupt. Ein Dialog darüber (egal ob mit Atheisten oder Muslimen oder Hindus etc.) wird unweigerlich immer schmerzhaft sein, weil es an die Substanz geht. Trotzdem ist ein Gespräch darüber nicht zu vermeiden. Gerade für uns Christen gehört es doch zum Glauben dazu, davon zu erzählen. Unser Glaube lebt doch gerade in der Auseinandersetzung mit uns und anderen. Er lebt aber nicht davon anzugreifen und zu verteidigen. Dialog sollte ohne Angriff und ohne Verteidigung möglich sein. Oder?

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5 Kommentare anzeigen

  1. Das klingt so, als hätte der „Kumpel“ nicht begriffen, was ein Taufpate zu tun hat … aber darum geht’s ja in deinem Artikel nur am Rande.

    Mir gefällt, dass du Ökumene nicht so verklärst, sondern klar sagst: Wenn wir es richtig machen, muss es weh tun. Eben nicht weil wir gemein zu einander sind, sondern weil es an die Substanz geht. Und wenn es zu leicht fällt, an die Substanz zu gehen, dann stimmt vielleicht etwas nicht.

  2. Anonym

    „Dialog sollte ohne Angriff und ohne Verteidigung möglich sein. Oder?“
    Wieso ist das notwendig? Ich kann doch auch ein wunderbares Streitgespräch führen, meine Position klar und deutlich erläutern, den Anderen äußern lassen, was er daran seltsam findet etc.
    Ich kann in einem Streitgespräch dem Anderen sogar vorwerfen, er sei „Arianer“ und er mag mich als „Pelagianer“ beschimpfen (solange beide wissen, wovon sie reden). Das macht das Gespräch nicht per se böse, sondern manchmal nur interessant und klärt die Fronten. Und hinterher können wir trotzdem zusammen einen trinken gehen.

  3. Man kann sich doch (s)einen Taufpaten selbst aussuchen. Man kann sagen, der oder die soll es sein bzw. nicht sein. Wozu eine Auseinandersetzung über Religion, noch dazu per Chat? Das verstehe ich nicht.

    „Ich fühle mich angegriffen und verletzt“ bedeutet meiner Erfahrung nach nicht, dass der / die andere das tatsächlich getan hat (tatsächlich körperlich angegriffen und verletzt). Sondern man fühlt sich so. Das wiederum hat mit eigenen, inneren Überzeugungen zu tun (unabhängig von Religion). Die Gefühle lösen Körperreaktionen aus – je nachdem, in welchen Mustern man steckt. In dem Text selbst steckt eine ganze Armada von inneren Überzeugungen, die zu Stress führen, weshalb man sich dann angegriffen und verletzt fühlt. Klassiker sind: Er/sie versteht mich nicht. Er will mich nicht verstehen. Er kann meine Gedanken nicht nachvollziehen. Ich will nicht überzeugen. Es lohnt sich, mal die Umkehrung dieser Gedanken zu machen (Ich verstehe mich nicht. Ich verstehe ihn nicht. Ich will überzeugen.) Und dafür jeweils drei Gründe zu finden.

  4. Laura7

    Ein Pate muss das Kind in Religion erzihen, genau so wie die Eltern. Ein Atheist kann schwer das Kind auf die Religionsweise erzihen, da er kein „Gefühl“ für die hat.

  5. Michael Simon

    „Er (der Glaube) lebt aber nicht davon anzugreifen und zu verteidigen. Dialog sollte ohne Angriff und ohne Verteidigung möglich sein. Oder?“

    Die Frage ist leicht zu beantworten: Dialog zwischen Christen und Atheisten kann niemals ohne Angriff und Verteidigung auskommen, weil sich die Positionen diametral entgegenstehen. Damit ist die Annahme im obigen ersten Satz falsch! Hier der Beweis: Christen berufen sich auf das Wort des Jesus von Nazareth: „Wer aber glaubt und getauft ist, der soll selig werden, wer aber nicht glaubt, der soll verdammt werden.“ (Markus 16,16) Christen stellen also auf eine von Michael Schmidt-Salomon beschriebene „Insider-Outsider-Group“ ab (siehe: Jenseits von Gut und Böse). Die Christen sind die „guten“ Insider, alle anderen sind die bösen „Outsider“, die bekehrt werden müssen. Durch diese inhumane Ausgrenzung verstoßen Christen gegen die humanistisch-aufklärerische Einstellung der Atheisten: „Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion oder seine Weltanschauung zu wechseln, …“ (Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte) Religionsfreiheit heißt danach eben auch „frei von Religion“ zu sein. Das können aber Christen nicht akzeptieren: „Darum gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ (Matthäus 28,19) Das kommt einer Anweisung gleich, die Gesetzeskraft hat. Christen müssen (und wollen häufig auch) also Ungläubige missionieren, in der Vergangenheit auch gerne mit Gewalt. Ein Dialog auf Augenhöhe kann nicht mehr stattfinden, weil sich der Christ über den Atheisten erhebt: „Jeder Baum, der keine guten Früchte bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.“ (Matthäus 7,19). Atheisten sehen also Christen äußerst skeptisch, denn sie müssen befürchten, verbrannt zu werden. Christen, die sich in ihrem Glauben gefallen, erhalten Zuspruch aus der Bibel: „Das Wenige des Gerechten ist besser als der Überfluss vieler Gottloser. Denn die Arme der Gottlosen werden zerbrochen, aber der Herr stützt die Gerechten.“ (Psalme 37,16-17) Kein Wunder also, dass Atheisten seit einigen Jahren aktiv Front gegen Religiöse machen. (Richard Dawkins – Der Gotteswahn; Heinz-Werner Kubitza – Der Jesuswahn)

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