Moment mal: Look Up?

Geht Leben nur „in Person“? In meinen Kreisen wurde in den letzten Tagen ein bestimmtes Video immer und immer wieder geteilt. Das Video, „Look up“ von Gary Turk, ist eine Mischung aus rhytmischem Poetry-Slam und schnulzigem Inspirations-Film:

Mal abgesehen von der offensichtlichen Ironie, dass dieser Film zehntausende Male über das Internet angeschaut und über Soziale Netzwerke geteilt wurde – was für ein oberflächlicher Unsinn.

Facebook zu bashen ist im Moment in – und ich bin oft genug beim Bashen mit dabei –aber Soziale Netzwerke und Smartphones sind nicht unser eigentliches Problem. Wenn überhaupt spiegeln sie die Probleme wider, die wir sowieso haben: Unser Drang nach Selbstverwirklichung, unsere Anerkennungssucht, unsere seelische Einsamkeit. Aber simpler Analog-Fetischismus wird uns nicht von uns selbst erlösen können.

Wer das liest, ist blöd

Ich kann kaum glauben, dass Turk die Ironie eines Internetvideos gegen Zeitverschwendung im Internet entgangen sein soll. Es kann ihm nicht wirklich darum gehen, das Internet zu verdammen und Online-Kommunikation grundsätzlich abzuwerten. Aber er erweckt doch den Eindruck mit Sprüchen, wie „We are a generation of idiots; smart phones and dumb people“. Was will er denn mit solchen Beleidigungen erreichen?

„All this technology we have, it’s just an illusion“, sagt Turk im Video. Ist denn das „echte“ Leben „echter“ als ein Leben im Internet? Ist denn ein „Gespräch“ intrinsisch wertvoller als eine SMS? Ist es nur eine Illusion, wenn ich meiner Frau ein „<3“ per iMessage schicke? Das ist doch Unsinn![1]

Online-Kommunikation des Evangeliums

Was hat das mit Theologie zu tun? Wenn das Internet auch das echte Leben ist, dürfen wir es nicht ignorieren. Dann muss Kirche im Internet präsent sein, dann müssen wir theologisch über das Internet und seine Möglichkeiten nachdenken. Wenn wir diesen Teil der Realität als künstlich und minderwertig abtun, werden wir damit in Zukunft auch mehr und mehr „künstliche“ Menschen haben, die in unseren Gemeinden keinen Platz mehr finden.

Unser Auftrag ist die Kommunikation des Evangeliums. Wäre es nicht fahrlässig, nicht alle Kommunikationsformen zu berücksichtigen?


  1. Manche behaupten, dass persönliche, körperliche Leben sei irgendwie unvermittelt und ungefiltert. Aber unsere Wahrnehmung der Realität ist immer gefiltert. Unser Gehirn interpretiert Informationen aus dem Sehnerv, das dauert ein paar Millisekunden. Eigentlich befinden wir uns nie im „Jetzt und Hier“ – unser Bewusstsein ist immer ein paar Momente hinterher. Das, was wir als Realität wahrnehmen, ist immer nur eine Interpretation unserer Sinne.  ↩

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3 Kommentare anzeigen

  1. Sigmund

    Herr Melzer,
    ich verstehe nicht ganz die Intention ihres Artikels. Sie greifen ein Video auf, welches im Internet kursiert und klatschen dem Leser in aller Kürze eine psychologische Deutung hin (Zitat: Wenn überhaupt spiegeln sie die Probleme wider, die wir sowieso haben: Unser Drang nach Selbstverwirklichung, unsere Anerkennungssucht, unsere seelische Einsamkeit. Aber simpler Analog-Fetischismus wird uns nicht von uns selbst erlösen können). Was das Video aber explizit mit Theologie und dem Evangelium zu tun hat, wird nicht erläutert. Wenn Sie also ein allgemeines Statement abgeben müssen, welche Medien die Theologie nutzen sollte und warum, dann ist es nicht förderlich sich ohne Bezug über ein Video aufzuregen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Sigmund

    • Lieber Sigmund,

      ich verstehe nicht ganz die Intention Ihres Kommentars. Sie greifen einen Artikel auf, der nicht Ihrer Meinung entspricht und klatschen in aller Kürze einen Kommentar hin, in dem Sie mir vorwerfen, nicht geschrieben zu haben, was Sie lesen wollten.

      Aber Spaß beiseite: Das Video hat direkt nichts mit Theologie zu tun, ist ja auch kein explizit theologisches Video. Was ich mit dem Artikel wollte ist darauf hinzuweisen, dass ich die oft vorgenommene Unterscheidung zwischen „echtem“ und „virtuellem“ Leben für zu kurz Gedacht halte. Das hat auch erst mal nicht direkt etwas mit Theologie zu tun, beeinflusst aber doch, wie wir Theologie betreiben.

      Zum Beispiel bei der Frage, ob ein Fernsehgottesdienst qualitativ weniger Wert als ein „echter“ Gottesdienstbesuch ist, oder ob Partizipation im Gottesdienst auch über ein Twitter-Hashtag funktionieren kann, wird die Frage nach der Bedeutung körperlicher Präsenz gleich ganz brisant.

      Und da finde ich es schon förderlich, dass darüber nachgedacht wird. Dafür diente mir das Video freilich nur als Aufhänger.

  2. „Ich kann kaum glauben, dass Turk die Ironie eines Internetvideos gegen Zeitverschwendung im Internet entgangen sein soll. “ –> Das ist sie nicht, glaube ich. Sein letzte Satz ist ja: „Stop watching this video, live life the real way.“

    Ich hab mir das Ding auch angesehen und könnte auch einen Aufsatz drüber schreiben, was ich denke. Das lass ich jetzt aber. Twitter-Version: Pathetischer Schwachsinn, der Erfolg hat, weil er grundlegende Emotionen der Zuschauer anspricht.

    Mich bewegt schon länger die Frage, wie sich „echtes“ und „virtuelles“ Leben zueinander verhalten. Und ich sehe es ganz ähnlich wie du: die Unterscheidung ist längst hinfällig. Ich glaube, sie ist auch so schnell nicht totzukriegen, da in der (medien-, sozial-)wissenschaftlichen Literatur oft darauf zurückgegriffen wird, um Unterschiede zu „früher“ herauszuarbeiten. Ich glaube, daher rührt auch das „früher war’s noch echt“, das das Video vermittelt. Und die Sehnsucht vieler, den Rückwärtsgang einlegen zu wollen.

    Ich würde (wie du) entschieden dafür plädieren, die Rede vom sogenannten „virtuelles Leben“ zu lassen. Auch das, was ich im Internet tue, ist real – und nicht nur eine „digitale Fußspur“. Denn dann könnte man auf die (auch kirchlich und theologisch) wirklich entscheidenden Fragen kommen. Nicht: Wie machen wir das wieder rückgängig? Sondern, zum Beispiel: Wie können wir das sinnvoll und fruchtbar gestalten? Es geht also auch jetzt um Fragen, die schon immer da waren. Auch ohne Facebook oder Internet.

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