Moment mal: Von Päpsten und Reliquien

Vergangene Woche gab es den sogenannten Tag der vier Päpste. Warum vier Päpste, wenn es doch eigentlich nur einen gibt. Naja, seit Benedikt emeritiert ist, haben wir uns damit abgefunden, dass es zwei Päpste geben kann (ohne, dass einer von beiden gleich umgebracht werden muss, oder vom Blitz getroffen wird). Ich bedauere die Kinder, die sich momentan nicht gegenseitig erzählen können: „treffen sich zwei Päpste“ und sich dabei vor Lachen den Bauch halten müssen, da es letzte Woche vorkamund überall in den Zeitungen zu sehen war.

Nun zu den anderen zwei Päpsten: Johannes Paul II. und Johannes XXIII. Beide wurden heilig gesprochen.

Was heißt es heilig gesprochen zu werden? Warum gibt es die Heiligen und was ist deren Aufgabe? Aber die Frage, die sich mir am brennensten stellt, warum gibt es zu jedem Heiligen eine Reliquie? Braucht man die? Und woher kommt die? Die Reliquie Johannes Paul II. ist eine Ampulle seines Blutes, die Reliquie Johannes XXIII. ist ein Stück seiner Haut. Mal ehrlich, wo kommen die her? Wird von jedem Papst, nachdem er gestorben ist, ein Teil seines Leibs entnommen und aufbewahrt in der Aussicht, dass er vielleicht mal heilig gesprochen wird und man eine Reliquie benötigt? Gab es einen Fanatiker, der Johannes XXIII. ein Stück Haut abgerissen hat, das er nun raus rücken musste? Eine weitere Möglichkeit ging mir noch durch den Kopf, aber die will ich nicht aussprechen, die ist zu absurd.

Schlagwörter: ,

5 Kommentare anzeigen

  1. Seit der letzten Adventszeit im Westen und seit zwei Wochen vor Ostern im Osten, gibt es ja ein neues Gotteslob, also das EG-Pendant bei den Katholiken. Dieses neue Liederbuch (nGL) hat nun auch kleine katechistische Zwischenschübe beinhaltet, so dass die Gläubigen in einer besonders langweiligen Messe auch mal lesen können, was sie eigentlich glauben. Das klingt jetzt vielleicht etwas belustigt, ist aber ernst gemeint. Bei der Konzeption des Buches haben die Bischöfe in der Hinsichtlich wirklich ein waches Auge gehabt und auch eine realistischen Blick, dass sie sehen, dass die Leute den Katechismus nicht mehr auswendig kennen, geschweige denn lesen. Daher packten sie alles, was sie dachten, das es unbedingt notwenig sei, das Minimum sozusagen dessen, was sie wissen sollten, was sie glauben, in dieses Buch.

    Daraus also nun der Abschnitt zu den Heiligen.

    »Alle Christen sind durch die Taufe geheiligt. In der Kraft des Heiligen Geistes können sie dem Wort Jesu folgen: ›Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist‹ (Mt 5,48). Während die Glaubenden noch unterwegs sind, sieht die Kirche die schon am Ziel, die sie als Heilige verehrt. Daher feiert sie auch ihre Feste und Gedenktage.
    Die Kirche preist in der Verehrung der Heiligen dankbar die Gnade Gottes, die in ihrem Leben und ihrem Bekenntnis Gestalt angenommen hat. An ihnen lässt sich ablesen, was es heißt, Jesus nachzufolgen. Vielfältig und unterschiedlich sind ihre Lebenswege verlaufen: in selbstlosem Einsatz für Menschen, in der radikalen Gottsuche, in einer begeisternden Verkündigung der Wortes Gottes, im Sterben für den Glauben, im Zeugnis der Treue. Sie sind in der Liebe Gottes den Menschen nah und verbunden. Deshalb werden sie um Fürsprache bei Gott angerufen.
    Einige wichtige Heiligengedenktage werden weltweit in der Kirche als Hochfeste begangen. Andere Heilige finden in einzelnen Ländern, Bistümern und Ordensgemeinschaften eine besondere Verehrung. Übergroß ist die Schar der Heiligen, deren Gedenken im Heiligenkalender (Martyrologium) verzeichnet ist, und all elender, deren Namen nicht bekannt sind.« (nGL, Nr. 541)

    In der Taufliturgie: Anrufung der Heiligen und Fürbitten
    »Wer getauft wird, steht nicht allein. Die Getauften treten ein in die Gemeinschaft der Heiligen. Daher werden die Heiligen als Vorbilder eines christlichen Lebens und als Fürsprecher bei Gott angerufen, besonders die Namenspatronen der Kinder, der Eltern, der Patinnen und Paten.« (nGL, Nr. 573,4)

    Andachten zu den Heiligen
    »Heilige gibt es zu allen Zeiten, in allen Völkern und Schichten. Sie machen uns Mut, an Gott zu glauben und ihn zu loben. Sie sind Menschen, die ihr Ziel bei Gott bereits erreicht haben. Sie sind uns nahe, weil sie um unsere Schwierigkeiten und Sorgen wissen. Sie sind Gott nahe, weil sie sich in ihrem Leben ›trotz allem‹ immer wieder auf ihn hin ausgerichtet haben.« (nGL, Nr. 676,6)

    Klingt das in diesem Sinne auch für evangelische Christen logisch?

    • Christopher

      Zwei Dinge klingen zwar logisch, aber nicht evangelisch: Das „Heiligsprechen“ von Heiligen und die „Fürsprache“ der Heiligen vor Gott.

      Als Vorbilder im Glauben sind Heilige (jedoch nicht im Sinne von „Heiliggesprochene“) auch in der evangelischen Tradition durchaus anerkannt.

  2. Eva-Katharina WellEva-Katharina Well

    Lieber Michael, vielen Dank für den Einblick und die Erklärung.
    Lieber Christopher, vielen Dank für deine Antwort, die auch mir auf der Zunge lag. Denn auch wenn es irgendwie logisch klingt, bleibe ich dennoch skeptisch und auch unverständig. Ich gebe an dieser Stelle mal Luther wider, der im großen Katechismus zum ersten Gebot folgendes schreibt:

    „Wer sein Herz an die Heiligen und an den Teufel hängt, glaubt nicht an den wahren Gott

    Sieh ebenso auf das, was wir bisher in der Blindheit unter dem Papsttum getrieben und getan haben: Wenn jemandem ein Zahn weh tat, so fastete er und verehrte die hl. Apollonia, fürchtete er sich vor einer Feuersnot, so machte er den hl. Lorenz zum Nothelfer; fürchtete er sich vor der Pest, so tat er ein Gelübde zum Hl. Sebastian oder Hl. Rochius; und solchen Greuels geschah noch unzählig viel mehr, da jeder seinen Heiligen auswählte, anbetete und anrief, ihm in [seinen] Nöten zu helfen. Hierher gehören auch die, die es gar zu grob treiben und mit dem Teufel einen Bund machen, daß er ihnen Geld genug gebe oder ihnen zu ihrer Buhlschaft (Liebschaft) verhelfe, ihr Vieh bewahre, verlorenes Gut wiederherschaffe usw., wie z.B. die Zauberer und Schwarzkünstler. Diese alle richten ja ihr Herz und ihr Vertrauen anderswohin als auf den wahrhaftigen Gott; sie erwarten nichts Gutes von ihm, suchen’s auch nicht bei ihm.

    Der unfaßliche Gott wird faßbar, wenn sich unser Herz an ihn hängt und ihm unbedingt vertraut

    So verstehst du nun leicht, was und wieviel dieses Gebot fordert: nämlich das ganze Herz des Menschen und alle Zuversicht allein auf Gott und niemanden anderes. Denn das kannst du dem leicht entnehmen, wenn man Gott haben will, kann man ihn nicht mit den Fingern greifen und fassen und nicht in den Beutel stecken oder in den Kasten schließen. Vielmehr heißt DAS ihn fassen, wenn das Herz ihn ergreift und an ihm hängt; mit dem Herzen aber an ihm hängen ist nichts anderes als sich gänzlich auf ihn verlassen.“

    Das gibt etwa die evangelische Sicht wider. Als Vorbilder kann ich Heilige anerkennen, so gedenke ja auch ich dem Nikolaus oder Martin; doch als Fürsprecher? Brauche ich einen Fürsprecher, wenn es doch nur einen Gott gibt, an den ich mich direkt wenden kann?

    • Hallo Eva-Katharina,
      Hallo Christopher,

      ich kann Eure Ansichten sehr gut verstehen und ich will hier auch keinen »Krieg« ausfechten, oder negativen Meinungsaustausch (i.S.v. mit Eurer Meinung rein, mit meiner Meinung raus) betreiben. Nur hier noch mal ein Gedanke zum Geschriebenem:

      Es geht um Gott und unsere Beziehung zu Ihm, nichts anderes würde auch ich behaupten und bin ebenso fest überzeugt, dass wir uns von ganzem Herzen an Ihn hängen müssen. Was ist aber mit Menschen, die dies nicht gleich von Anfang an können?

      Manchmal habe ich meine Probleme mit Gott. Klar, Jesus ist unser Bruder und Gott unser lieber Vater im Himmel, wir dürfen uns freuen und fröhlich sein in Ihm. Soweit so gut. Aber Jesus wird auch unser Weltenrichter sein, mein Richter. Dies ist in der Tat ein Aspekt, mit dem ich mich schwer tue und der mich oft nicht richtig rankommen lässt an Gott.

      Ist es dann nicht eine barmherzige Kirche, die uns andere Wege aufzeigt, diesen Gott besser kennen zu lernen (nicht, um Ihn zu ersetzten!). Entspricht es nicht dem Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils uns als wanderndes Volk Gottes zu sehen, dass der Verheißung gemeinsam entgegengeht und als Menschen, die auf einem Weg sein dürfen?

      Ich glaube, die wenigsten von uns haben das eine richtige Bekehrungserlebnis gehabt, sondern bei den meisten wird es wohl ein schleichender Prozess gewesen sein. Stellt man den Christen am Anfang ihres Weges Menschen vor Augen, an die sie sich halten können und die sich durch vorbildliches Leben auszeichneten, wird es dann nicht leichter? Ist ein Heiliger, der Bäcker war und Schutzpatron der Bäcker ist einem Bäcker auf der Suche nach Gott nicht näher als das Abstraktum einer wagen Gottesvorstellung?

      Ich finde es barmherzig, wenn man Menschen zugesteht, dass sie Gott nicht sofort als so wunderbar und gütig erfahren können, wie er ist und ihnen Wegbegleiter zur Seite stellt, denen es aber allen um das eine Ziel geht: Beziehung zu Gott!

  3. Michael Simon

    „Warum gibt es die Heiligen …?“
    Das Judentum war die erste nennenswerte Religion, die sich konsequent dem Monotheismus verschrieben hat. Schaut man sich andere Regionen der Welt in der Zeit an, in der das Christentum ‚groß‘ geworden ist, dann stellt man fest, dass überall der Polytheismus eine Selbstverständlichkeit war: egal ob in Ägypten, Griechenland, Römisches Reich oder die germanischen Stämme; immer gab es mehrere Gottheiten, die unterschiedliche Aufgaben wahrnahmen und deshalb von verschiedenen Bevölkerungsgruppen besonders verehrt wurden. Das die Menschen also an mehrere Götter glauben ist daher völlig normal. Dem Bedürfnis, eine ‚individuelle‘ oder persönliche Gottheit zu haben, die nicht von allen Menschen verehrt wird, ist es zu verdanken, dass wir auch heute noch keine einzige Gottheit verehren, sondern unterschiedliche Götter anbeten (Jesus, Jahwe, Allah, Budda usw.). Selbst innerhalb einer Religionsgemeinschaft ist dieses Bedürfnis noch vorhanden, auch wenn man sich vordergründig zum Monotheismus bekennt. Bei den Muslimen wird Mohammed gottgleich neben Allah verehrt und die Christen schufen sich mit dem Gott-Vater, Jesus und dem Heiligen Geist gleich drei Götter. Das scheint aber immer noch nicht zu reichen. Im griechischen, römischen und germanischen Glauben existierten eine Vielzahl von Göttern. Da unsere Wurzeln aus diesen drei Richtungen bestehen, brauchen wir einfach, wie unsere Vorfahren, viele Götter, die wir anbeten können. So beten also Christen heute zwar auch zu Gott, aber auch zu anderen, diesmal christlichen, Göttern, wie Jesus, zu Engeln, zu den Aposteln, und eben auch zu einer Vielzahl von Heiligen, die, wie im Polytheismus üblich, unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen. Am 16.05.1920 wurde beispielsweise Jeanne d’Arc von Benedikt XV. heiliggesprochen und gilt als Schutzpatronin von Frankreich, Rouen und Orléans, für die Telegrafie und den Rundfunk. Damit ist sie mit dem nordisch-germanischen Gott Thor vergleichbar, der als Gewittergott und Gott der Landwirtschaft verehrt wurde. Ob ich als Bauer also zu Thor oder als Journalist zu Johanna von Orléans bete macht keinen großen Unterschied, außer das uns heute die Anbetung von Thor lächerlich vorkommt, während für französische Katholiken die Anbetung der Johanna als völlig normal gilt. Der Grund dafür ist, dass die germanische Religion mittlerweile als Mythologie aufgefasst wird, während das Christentum (immer noch) als Religion gilt.

    „warum gibt es zu jedem Heiligen eine Reliquie?“
    Das muss einfach sein! Gott bzw. gottgleiche Wesen existieren ja ausschließlich in unserer Phantasie. Beispielsweise hat Christus mit dem historischen Jesus von Nazareth nicht wirklich viel gemein. Fast alles, was aus Jesus Christus macht ist ausgedacht und erfunden, auf keinen Fall aber historisch belegt. Mit der Zeit ist es aber sehr unbefriedigend, seinen Glauben ausschließlich ‚im Kopf‘ stattfinden zu lassen. Der Glaube muss sich materialisieren, um im wortwörtlichen Sinne greifbar zu werden. Deshalb muss es zu jedem Heiligen und zu jedem Gott etwas Materielles geben. An ‚offiziellen‘ Stellen werden also Reliquien aufgestellt, damit sich der Gläubige daran ‚festhalten‘ kann, aber auch im persönlichen Bereich geschieht dies dauernd: ob man jetzt ein schnödes Buch plötzlich für ‚heilig‘ erklärt, eine Krippe oder einen Weihnachtsbaum aufstellt, eine Kirche baut, Splitter vom Kreuz Jesu aufhebt, den Fingernagel von Petrus ausstellt oder sich ein Holzkreuz ins Klassenzimmer hängt: alles befriedigt das Bedürfnis danach, dass der im Kopf ausgedachte, rein der Phantasie entnommene Glaube durch eine bestimmte Materialisierung ‚wahr‘ und fassbar wird.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.