Eindrücke von der Kinopremiere von „Pfarrer“

pfarrer_posterAm Sonntag Nachmittag war ich in Halle zur Kino-Weltpremiere des Dokumentarfilms „Pfarrer“ über Vikare im Wittenberger Predigerseminar (auf theologiestudierende.de berichteten Jonathan und ich).

Die Premiere fand statt im Hallenser Luchs Kino am Zoo. Das Luchs Kino ist ein kleines Klubkino in einer schönen, alten Villa. Dort werden hauptsächlich kleinere Kunstfilme und Indie-Produktionen gespielt.

Kurz vor der Vorstellung (Foto: Max Melzer)

Kurz vor der Vorstellung (Foto: Max Melzer)

Die 180 Sitzplätze im Kinosaal waren gut gefüllt. Zur Premiere waren mit dabei die Filmemacher Chris Wright und Stefan Kolbe, sowie einige der Protagonisten, die jetzt kurz vor ihrer Ordination stehen. Leider habe ich im Publikum kaum Theologiestudierende entdecken können. Das fand ich verwunderlich, da so ein Einblick in ein Predigerseminar doch viele interessieren könnte.

Vor der Aufführung stellten sich die Filmemacher kurz vor und dann ging es los. Der Film beginnt mit einer fast klösterlich anmutenden Szene: Talartragende junge Menschen singen bei Kerzenlicht in einer dunklen Kapelle liturgische Gesänge. Der Filmstil ist beinahe träumerisch, mit wenig Tiefenschärfe, die die Hintergründe gegen die Protagonisten unscharf absetzt.

Ein Jahr lang hatten Wright und Kolbe den Kurs am Wittenberger Predigerseminar auf Schritt und Tritt begleitet. Herausgekommen ist dabei über 300 Stunden Filmmaterial, welches zu 90 Minuten Dokumentation verarbeitet wurde. Die Kamera ist dabei so nahe dran, wie man nur dran sein kann und zeigt Szenen aus Gesprächen zwischen den Vikaren und Seminareinheiten, aber auch immer wieder sehr persönliche Interviews mit einzelnen.

Besonders die Liturgie und das Feierliche am Pfarrdienst haben es den Filmemachern angetan. Wir sehen die jungen Vikarinnen und Vikare häufig in Amtskleidung herumlaufen und singen. Unterbrochen werden solche Szenen durch ruhige Naturaufnahmen, die verträumt mit Licht und Schatten, Schärfe und Unschärfe spielen.

Wright, der sich selbst als Atheist bezeichnet, schont die angehenden Pfarrer nicht. Seine Fragen sind direkt und auf den Punkt, beinahe aufdringlich. „Warum bist du hier?“, fragt er in einer Szene gegen Anfang des Films verschiedene der Teilnehmer. Die Kamera verweilt, während die Gefragten erst einmal nach Worten suchen müssen. Weitere intensive Szenen lassen uns durch die Kamera eine der Vikarinnen beim Insulin spritzen beobachten oder mitfühlen, wie ein junger Theologe an sich und seiner Berufung zweifelt.

Nach dem Film stellten sich die Beteiligten den Fragen des Publikums: (v. li.: Dr. Wolf-Jürgen Grabner, Sarah Herzer (Dozenten am Predigerseminar), Lars Schimpfe,  Ulrike Treu, Almut Bellmann (Vikare), Kolbe, Wright (Filmemacher) und ein so Typ vom Kino) Foto: Max Melzer

Nach dem Film stellten sich die Beteiligten den Fragen des Publikums: (v. li.: Dr. Wolf-Jürgen Grabner, Sarah Herzer (Dozenten am Predigerseminar), Lars Schimpfe,
Ulrike Treu, Almut Bellmann (Vikare), Kolbe, Wright (Filmemacher) und ein Mitarbeiter des Kinos) Foto: Max Melzer

Es gehe in diesem Film gar nicht um das Predigerseminar, gibt Chris Wright nach der Vorstellung zu. Es sei ihnen um die Menschen gegangen, und um den Glauben, mit dem sie sich auseinandersetzen. Und so unterschiedlich wie diese Menschen, so facettenreich stellt sich der Glaube in „Pfarrer“ dar.

Der Film zeigt die persönliche Seite der Theologie: die des persönlichen Glaubens. Eine Perspektive, die im Studium manchmal zu kurz kommt. Am Ende des Films fragt einer der Vikare den Filmemacher Wright, ob sich sein Bild von Pfarrern in diesem Jahr verändert habe. „Ich hätte nicht gedacht, dass diese Zeit so viele Krisen auslöst bei so vielen.“, antwortet dieser.

Für etwas Ärger gesorgt hat der Untertitel: „Gott und Verstand haben auch nichts miteinander zu tun“. Schon nach der Vorstellung kam aus dem Publikum die Frage, wie es zu diesem Untertitel gekommen sei. Der Film zeige doch, dass reichlich Nachgedacht wird, und werden muss, wenn es um Gott geht (eine Protagonistin sagte scherzhaft, man könne ihnen in diesem Film oft wunderbar beim Denken zusehen). Wright verteidigte sich damit, dass der Untertitel mehr herausfordernde These als Deutung sein sollte.

Der Spagat ist dennoch gut gelungen zwischen dem kritischen Hinterfragen dessen, was diese Leute da tun bei einem solchen Predigerseminar, und auf der anderen Seite die spirituelle Seite stehen zu lassen (auch wenn Wright und Kolbe diese Sicht nicht teilen). Nach der Vorstellung betonten die Beteiligten nochmals, dass man gut miteinander klar gekommen war; trotz unterschiedlicher Weltsicht. Auch, wenn es von beiden Seiten manchen scherzhaften Bekehrungsversuch gegeben haben soll …

Insgesamt ist „Pfarrer“ ein toller, wenn auch manchmal etwas langatmiger Einblick hinter die Kulissen eines Predigerseminars und der Menschen darin. Aber noch toller und für mich faszinierender war der Blick hinter die Kulissen eines Theologen, der sich dem Anspruch, Pfarrer zu sein, stellen muss und feststellt, dass man dabei auch mal an seine Grenzen kommen kann. Ein unglaublich ehrlicher und zugleich motivierender Film!

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7 Kommentare anzeigen

  1. Jan

    Vielen Dank für die Fortführung deines Artikels – jetzt wäre ich ja noch auf Jonathans Sicht gespannt^^
    Und ich muss noch ein Kino finden, das den Film zeigt…

    • J

      Wäre ich auch – allerdings ist Jonathan gerade in seine Hausarbeiten eingespannt und kommt sonst zu so ziemlich gar nichts … sorry.

  2. Barbara Leber

    Kann man den Film „Pfarrer“ als DVD bekommen????

    • Leider vorerst nicht. Er wird nächstes Jahr zu Ostern auf Arte ausgestrahlt werden – vorher wird er wohl nicht erhältlich sein.

  3. Anton

    Eine Stärke des Films ist, diese zentralen Lebens- und Glaubensfragen zu stellen und nah an die Personen heranzukommen. Die Schwäche des Films liegt in der Auswahl der Protagonisten. Neben 4 unsicheren Vikar(inn)en wurde ein psychisch labiler ausgewählt. Entsprechend ausweichend, unsicher, einschränkend und nichtssagend fallen die Antworten im Film aus (oft nach langer Zeit des Überlegens). Wie die Filmemacher auch selbst zugeben, gab es auch Vikare, die fest im Glauben stehen und dies auch hätten äußern können. Leider kommen sie in dem Film nicht zu Wort. Ein repräsentativer Querschnitt (den ja ein Dokumentarfilm eigentlich liefern sollte) sieht anders aus. So muss sich der unwissende Zuschauer ziemlich befremdet vorkommen, welche wenig glaubenden, unsicheren Pfarrer da in die Kirche aufgenommen werden. Auch das Bild von Kirche erscheint im Film recht düster und streng. Da wurden die freudigen Momente (die auch ein Gottesdienst sicher hat) einfach weggelassen. Auch dies kein repräsentatives Bild. Gesamtfazit: Schade. Statt eines echten Ausschnittes ein tendenziöser Dokumentarfilm, der seine kirchenkritische Attitüde an den Zuschauer bringen möchte.

    • Christopher

      Diese Eindruck teile ich. Zum Teil war ich erschüttert ob der Antworten und Diskussionen, die im Film dargeboten wurden und habe mich an manchen Stellen ernsthaft gefragt, wie manche überhaupt das erste Examen geschafft haben – ob sie irgendetwas von dem, was sie gelernt haben, auch reflektieren können. Eigentlich würde ich dazu schon fast eine offizielle Stellungnahme der Kirche oder des Predigerseminars erwarten.

  4. fritz

    Man kann nur für die Gemeinden beten, auf die diese Vikare losgelassen wurden. Zum Glück befanden sich in jenem Jahrgang auch ganz andere Typen.
    Glaubt man nicht an Gott, ist das einzig Anständige der vulgäre Utilitarismus. Alles Übrige ist Rhetorik.

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