Wer hört meine Gebete?

Neulich las ich „100 Namen“ von der bekannten irischen Schriftstellerin Cecelia Ahern. Bekannt geworden ist sie durch ihr Buch „PS: Ich liebe Dich“. Den Titel hat vermutlich schon jeder einmal gehört, aber mich fasziniert ihre oft schon mystisch anmutende Sicht auf die unscheinbaren Dinge im Leben. In ihren Büchern erklärt sie eine völlig neue Welt: sie kennt den Platz, wo all die Dinge hinkommen, die wir verlieren, die einfach verschwinden. („Vermiss mein nicht“). Oder man kann die Zukunft im eigenen Tagebuch vorlesen. („Ich schreib dir morgen wieder“). Oder man begegnet dem eigenen Leben in personifizierter bzw. tatsächlich inkarnierter Form. („Ein Moment fürs Leben“). Aber ich will von einem Protagonisten aus „100 Namen“ erzählen: Archie Hamilton.

Archie Hamilton hört nämlich Gebete. Selber hatte er das Vertrauen in Gebet und in Gott verloren, als seine fast 15-jährige Tochter erst entführt und dann kaltblütig ermordet wurde. Seine Gebete waren nicht erhört worden. Schlimmer noch, er kennt den Mörder und kann ihm nichts beweisen. Er kann nichts tun. Seine Gebete in dieser Hinsicht sind auch ohne sichtbaren Erfolg. Aber über die Jahre entwickelt er eine neue Sicht auf Gebet im Allgemeinen. Denn er hört sie. Er hört die stummen Gebete anderer Menschen. Man könnte sagen, telepathisch. Vielleicht, so schlussfolgert er, wurden seine Gebete gehört. Nur konnte oder wollte derjenige ihm nicht helfen. Soll er jetzt denen helfen, dessen Gebete er hört? Ist er für die Erhörung der Gebete anderer verantwortlich?

Archie Hamilton hat im Buch nur eine untergeordnete Rolle. Eigentlich ist er eine Randfigur, keine unwichtige, aber auch keine besonders Handlungstragende. Aber mich lässt er nicht los. Was wäre, wenn meine Gebete tatsächlich nur von Menschen gehört würden?

Die Menschen, dessen Gebete Archie hört, formulieren stumm ihre innigsten Wünsche. Ein Gebet ist hier also gleichzusetzen mit einem Wunsch. So wie sein Wunsch, seine Tochter möge wieder auftauchen oder der Mörder bestraft werden. Aus christlicher Sicht ist ein Gebet natürlich unendlich viel mehr als nur ein Wunsch. Gebet ist doch Gespräch mit Gott. Gebet ist ein Hören auf Gott. Gebet ist auch Dank. Gebet sollte eben keine Wunschliste sein. Ich frage mich, ob Cecelia Ahern hier eine typisch atheistische Sicht auf das Gebet wiedergibt: innige Wünsche. Dinge, die man stumm formuliert, niemandem mitteilt. Das erinnert mich an Matthäus 6,6: „Wenn aber du betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten öffentlich.“

Wenn wir beten, beten wir nicht in der Absicht, dass es Menschen hören. Wir beten in der Absicht, dass Gott uns hört. Wir beten in dem Vertrauen, dass Gott uns anhört. Wir beten in Gott.

Archies Erwartung sein Gebet, also sein Wunsch, möge genau so erfüllt werden, wie er sich das vorstellt, lässt mich fragen: wie stelle ich mir eine Gebetserhörung vor? Reicht es für mich zu wissen, dass ich gehört werde? Dass sich mein Gegenüber für meine Wünsche, meine Sorgen, meine Gedanken und meine Ängste interessiert? Oder erwarte ich manchmal tatsächlich ein Eingreifen Gottes? Ein Wunder? Bin ich vielleicht schon zu abgeklärt, um ernsthaft auf ein Wunder hin zu beten. Als Teenager trug ich eines dieser Armbänder: „P.U.S.H.“ (Pray until something happens.) Bete, bis etwas passiert.

Bei Archie Hamilton ist tatsächlich noch etwas passiert. Jeden Morgen frühstückte er zur selben Zeit im selben Café. Jeden Morgen beobachtete er eine junge Frau. Sie kam, aß allein und ging. Sie betet jeden Morgen dasselbe stumme Gebet: „Bitte, bitte!“ Er folgte ihr und im Verlauf des Buches spricht er sie auf ihr Gebet an. Für beide endet es gut, so viel verrate ich an dieser Stelle. Zwar wurde ihr Gebet nicht direkt erhört, aber durch das Gebet lernte sie Archie kennen und ihr Leben veränderte sich. Also hat das Gebet doch etwas bewirkt. Noch mal Matthäus 6, diesmal Vers 7: „Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viel Worte machen.“

Manchmal reicht eben schon ein „Bitte, bitte“, um Leben verändernd gebetet zu haben. Das jedenfalls kann ich für meine Gebetspraxis übernehmen, denn: „Euer Vater weiß, was ihr bedürfet, ehe ihr ihn bittet.“ (Mt 6,8b)

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Ein Kommentar

  1. Christopher

    Neulich habe ich einen großartigen Satz von Martin Luther gelesen. Aus der Erinnerung: Wenn Gott unsere Gebete nicht erhören wollte, hätte er uns nicht befohlen zu beten.

    Also auf zuversichtliches und vertrauensvolles Gebet!

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