Gelesen – „Während die Welt schlief“ von Susan Abulhawa

diebibZu Weihnachten lag für mich „Während die Welt schlief“ von Susan Abulhawa unter dem Tannenbaum. Der Einband hat helle Farben, ein kleines Mädchen schaukelt vor einem hübschen, orientalisch anmutenden Städtchen.

Außerdem ist hinten ein Kommentar der Zeitschrift „Für Sie“ abgedruckt: „Ein großartiges Buch über Frieden, Krieg und Hoffnung“. Schön, dachte ich, und begann zu lesen. Zu Beginn ist das Buch auch wirklich schön, man versinkt in eine fremde, arabische Welt der vierziger Jahre. Eine harmonische, palästinensische Bauernfamilie. Einer der Söhne, Hasan, pflegt eine kindlich-unbeschwerte Freundschaft zu einem Juden und heiratet später ein hübsches, quirliges und eigensinniges Mädchen, Dalia.

Doch mit den netten, sachten Geschichten ist es dann sehr bald vorbei und man wird zusammen mit der Familie hinausgestoßen in die bittere Realität. Die verträumte Schönheit hat fortan im Buch keinen Platz mehr. Von Zionisten werden die Bewohner des kleinen Dorfes vertrieben und leben fortan im Flüchtlingslager Jenin. Auf der Flucht geht der wenige Monate alte zweite Sohn von Hasan und Dalia verloren, was aus Dalia eine schwermütige Frau macht. Wie der Leser später erfährt, wurde der verlorene Sohn der Mutter im Gedränge von einem Zionisten aus dem Arm gerissen, bei dessen unfruchtbarer, liebevoller Frau der Junge fortan aufwächst – als Jude und ohne um seine eigentliche Identität zu kennen. Als erwachsener Mann erfährt er die Wahrheit und trifft seine jüngere Schwester Amal in den USA.

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Amal wird im Flüchtlingslager geboren. Der Leser begleitet sie fortan auf ihrem Lebensweg. Sie ist das schaukelnde Mädchen auf dem Cover, doch ihre recht unbeschwerte Kindheit endet ebenfalls jäh. Es gibt nichts, was Amal nicht erlebt, sie hat auf die eine oder andere Weise an allem Furchtbaren teil, was in der palästinensischen Geschichte geschieht: Als 12jährige erlebt sie den Sechstagekrieg, in dem sie ihren Vater verliert und die Mutter schwer traumatisiert wird. Ihr Bruder wird kurze Zeit später Mitglied der palästinensischen Befreiungsbewegung PLO. Später kann Amal das Flüchtlingslager verlassen, geht in Jerusalem zur Schule und wandert dann mithilfe eines Stipendiums in die USA aus. Doch Palästina liegt damit nur scheinbar hinter ihr, sie und ihre Familie bleiben verwickelt in das Schicksal des Landes. Amal besucht in den 80ern ihren Bruder, der inzwischen im Libanon lebt, und gerät just in den Libanonkrieg. Ihre Schwägerin wird Opfer des Massakers von Sabra und Schatila in Beirut. 2002 kehrt Amal nach Jenin zurück, wo gerade während der Zeit ihres Besuch israelisches Militär einmarschiert, da sich palästinensische Kämpfer hier versteckt halten.

Es ist also kein schönes Buch im eigentlichen Sinne, ich mochte es bald nicht mehr vor dem Einschlafen lesen. Hoffnung gibt es in diesem Buch nur, um dann im nächsten Atemzug zertreten zu werden. Glück und Liebe bieten nur eine Folie für die unglaublichen Schrecken, die die Figuren des Buches erleben. Frieden gibt es eigentlich nur in den USA. Ich war unsagbar wütend, als ich das Buch zu Ende gelesen hatte und musste erstmal tief Luft holen und mich erinnern, dass es auf der anderen Seite ebenfalls Schrecken, Gewalt und maßlose Ungerechtigkeit gegeben hat.

Die jüdische Zeitung schreibt über dieses Buch, die Autorin erzähle mit „bemerkenswerter Neutralität“. Das stimmt in der Hinsicht, dass es keinerlei Hass im Tonfall der Autorin gibt, es tauchen sehr liebenswürdige jüdische Menschen in diesem Buch auf und es bleibt, gerade durch den jüdischen Bruder Amals, auf beiden Seiten persönlich und einfühlsam. Das ist bemerkenswert, zumal die Autorin selbst Tochter palästinensischer Flüchtlinge ist. Trotzdem ist die Geschichte aber sehr perspektivisch und an vielen Stellen insofern überzogen, dass just diese Familie allen nur erdenklichen Schrecken erfährt, den Palästinenser überhaupt erfahren haben in den letzten 60 Jahren. Es gibt nichts, was Amal nicht erlebt. Auch wird Gewalt, die von Palästinensern ausgeht, wenig thematisiert. Wenn, dann versucht die Autorin, diese Gewalt zu erklären und verharmlost sie dabei, wahrscheinlich unbewusst.

Wenn auch vielleicht nicht ein und derselben Familie, so sind all diese Dinge doch passiert, all diese Kriege, Massaker und Gewalttaten. Ich musste feststellen, dass ich viel zu wenig über die Geschichte Israels wusste und weiß und über das Schicksal der Palästinenser, die zum Teil seit Generationen in Flüchtlingslagern wie Jenin leben und in deren Leben niemals Friede eingekehrt ist. Ich finde, man spricht zu wenig über diese Dinge. Man versucht zu selten, die Menschen zu verstehen, die dann manchmal auch zu Terroristen werden. Bei allem Verständnis für Israel müssen wir versuchen, auch die Wut auf Israel verstehen, die im Nahen Osten vielfach herrscht. Dazu leistet das Buch einen wichtigen Beitrag. Darum – lesen!

waehrend_die_welt_schlief-9783453356627_xxlWährend die Welt schlief
Susan Abulhawa
Diana Verlag
ISBN: 978-3-453-35662-7
8,99 €
Link zur Verlagshomepage

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2 Kommentare anzeigen

  1. Susan Rdn

    Hallo erstmal ich bin die Susan und habe mir das Buch vor 1-2 Wochen gekauft und bin jetzt knapp bei der Hälfte mir wurde das Buch von mehreren empfohlen und ich bereue es nicht das ich es gekauft habe im gegenteil ich bin so vertieft in das Buch

  2. Wilfried

    Gerade einmal 10 Stunden ist es her, dass ich das Buch nach der letzten Seite, morgens um 0:30 Uhr aus der Hand gelegt habe.

    Seit Jahren habe ich nichts mehr gelesen, was mich so sehr berührte und ich bin ein wenig beschämt über meine bisherige einseitige Sicht des Krieges zwischen Israelis und Palestinensern aber auch erzürnt, über die einseitige Berichterstattung in den Medien.

    Auch wenn es sich um einen Roman handelt – die geschilderten geschichtlichen und politischen Hintergründe geben einen tiefen Einblick in das Pulverfass Palästina. Sie verstärken den Eindruck, dass die Nah-Ost-Problematik vor allem mit der Besetzung Palästinasnas durch die staatenlosen Juden und das Versagen der Großmächte England und USA begründet wurde.

    Was nach der Lektüre bleibt ist der tiefe Wunsch nach Frieden und Freiheit für die Palästinenser und nach einem friedlichen Miteinander eines isralischen und palästinensichen Staates. Die Schlüssel dazu liegen vor allem in Washington, Moskau und bei der EU.

    Müssen die Staatenführer, welche die Souveränität der Ukraine einfordern, nicht mit gleichem Engagement für die Unversehrtheit Palästinas und seiner Menschen einstehen?

    Wir Deutschen haben eine besondere Verantwortung gegenüber den Juden und dem Staat Israel, aber dieser Verantwortung entwächst aus meiner Sicht auch die zwingende Verpflichtung Israels Verfehlungen anzuprangern und den Palästinensern zu helfen – das macht uns nicht zu Antisemiten, sondern würde demonstrieren, dass wir die Lehren unserer Geschichte verstanden haben.

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